„Bitterböse Briefe bekommen“: Warum Traitschings Bürgermeister Sepp Marchl nie Mitläufer war

Wenn Sepp Marchl etwas gegen den Strich geht, dann ist es das Einheitsblöken in der Herde. Läuft die auch noch in die falsche Richtung, dann wird Traitschings Bürgermeister schon einmal zum Wolf. Vor allem, wenn er Nachteile für seine Kommune befürchtet. Da geht er lieber eigene Wege – in den vergangenen 18 Jahren als Bürgermeister war das einige Male der Fall. Bereut hat er es nie, sagt er.
Der 68-Jährige, der nun nach der Kommunalwahl seinen Hut nimmt und sich auf erholsame Zeiten im Garten und gute Bücher freut, hat wenig Unterschied zwischen Freund und Feind gemacht, wenn’s ums Wohl Traitschings ging. Die CSU-Oberen können ein Lied davon singen – von Glasfasernetzausbau bis Regionalwerke. Gemeinschaftsprojekte, die aus Marchls Sicht wenig Sinn für Traitsching machen, bleiben vor der Rathaustür. Auch wenn alle anderen mit im Boot sind – für den Ex-Marinesoldaten ist das kein Argument, sich auch rein zu setzen.
So hat er die Rolle des gehorsamen Parteisoldaten vergeigt und ist lieber aus der Reihe getanzt. Auch beim Blick zurück macht er keinen Hehl daraus, dass die CSU nicht das Maß aller Dinge ist und verweist auf deren aktuelle Kreistagsliste. Bevor hier die eigentlich Betroffenen der Kreistagspolitik zum Zuge kämen, würden alle möglichen Parteistrategen aufgestellt: „Das ärgert mich!“ Ganz anders sei das bei den Freien – hier kämen zuerst die Bürgermeister und die Kandidaten. Alle 39 Bürgermeister gehören seiner Meinung nach ins Gremium, weil hier entschieden wird, was sie direkt betrifft.
Schaffung der Gemeindeschule war erstes Ziel
Richtig sozialisiert worden ist Sepp Marchl von der CSU offensichtlich nicht. Denn gestartet ist er einmal als Freier, bevor ihn die Christsozialen überzeugt haben, dem damaligen Freien Wähler-Bürgermeister Hans Kraus den Posten streitig zu machen. Das gelang vor 18 Jahren – seitdem geht er eigene Wege für Traitsching.
Erstes Ziel Marchls, um die Chamer Großgemeinde mit Orten wie Sattelpeilnstein, Sattelbogen, Wilting oder Traitsching mit heute über 4200 Einwohnern langfristig zu einen, war die Schaffung einer Gemeindeschule. Bis dahin kamen die Kinder der Gemeinde zwar im Kindergarten zusammen – wurden dann aber wieder über Gemeindegrenzen hinaus getrennt. Ein Teil, etwa aus Sattelbogen-Atzenzell musste nach Schorndorf zur Grundschule, danach nach Michelsneukirchen oder Roding zur Mittelschule. Und auch Richtung Cham franste es aus – mit der Schule in Vilzing gab es einen Verbund. „Über Gastschulverhältnisse haben wir auf kaltem Weg die Schüler zu uns geholt“, so Marchl. Und damit vor allem den Widerspruch des Nachbarn Schorndorf und der Regierung provoziert. „Der Vorteil war, dass ich in den Gremien immer eine Stimme mehr hatte“, so Marchl, als Wohnsitzgemeinde des Kinds und als aufnehmende Schule.
Prompt sei der Anruf aus Regensburg gekommen, was ihm einfalle. Es werde ihm einmal genehmigt, aber kein zweites Mal. „Ich habe gleich angekündigt, dass ich das wieder so mache“, erzählt Marchl – und ihnen die Umsprengelung empfohlen. Das sei zunächst für die Grundschule so gekommen – wenig später für die Mittelschule. „Das wollten schon alle vor mir machen, haben sich aber wegen Schorndorf nicht getraut!“, sagt Sepp Marchl.
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Das Thema Schule begleitete ihn weiter, denn Geburtenrückgänge und Schulreformen leerten die Schulhäuser. Und wurden zum sinnlosen Kostenfaktor für die Kommune. Er setzte auf den Verkauf der Häuser, mit denen viele vor Ort emotional verbunden waren. Die Bürgerversammlung dazu in Sattelbogen sei „brutal“ gewesen, erinnert sich Marchl: „Ich habe bitterböse Briefe bekommen!“ Selbst der damalige Pfarrer habe ihm einen geschickt. Er habe das Gebäude dennoch verkauft, die Urkunde im Gemeinderat verlesen müssen. „Bei der Bürgerversammlung saßen drei Frauen in der ersten Reihe und haben geschimpft wie die Teufel.“ Mittendrin habe Cäcilia Karl, die Witwe des ehemaligen Rektors und die „Institution“ im Ort, wie immer in ihrem eigenen Sessel gesessen.
Äußerlich sei er ruhig gewesen, innerlich aufgewühlt wie ein Vulkan. Nach einigem hin und her sei Frau Karl aufgestanden. Nur sie dürfe hier kritisieren, denn sie und ihr Mann hätten die Schule gebaut. „Wenn nicht sofort Ruhe herrsche, werde sie erzählen, was die Frauen hier früher getrieben haben!“, habe sie gedroht. Damit sei die Stimmung auf seine Seite geschwappt, sagt Marchl.
Wirtshausprügelei kurz vor der Wahl
Die Rivalität zwischen Freien und Christsozialen vor seiner ersten Wahl sei so groß gewesen, dass es sogar eine Prügelei im Wirtshaus gegeben habe. Die Wogen seien heute geglättet, auch wenn mancher Ortsteil sich noch benachteiligt sehe. Erzwingen könne man das Zusammenwachsen der Gemeinde nicht, doch sei mehr Miteinander geschaffen worden. Überall, vor allem im Sport, aber auch anderen Vereinen, suche man die Zusammenarbeit: „Der Schlüssel war die Schule!“
Er habe sich in alle den Jahren nicht zuerst als Bürgermeister gesehen, sondern mehr als Verwalter eines Mikrokosmos. „Ziel war es, die Kommune auf ein Niveau zu bringen, das eine Zukunft bietet“, meint Marchl. Das sei gelungen. Er habe auch nie versucht, es allen recht zu machen. Zwar habe er geholfen, wenn irgendwo ein Problem gewesen sei – „doch, wenn es nicht geht, dann geht es nicht!“ Man müsse ehrlich mit den Bürgern sein.
Ziel war es, die Kommune auf ein Niveau zu bringen, das eine Zukunft bietet.Sepp Marchl über seine Leitsätze
In den 18 Jahren sei hier einiges vorwärts gegangen. In Sattelbogen sei das Freibad erneuert worden, ein Wohnmobilstellplatz wie auch ein neuer Kindergarten seien dorthin gekommen, das Rathaus, die Kläranlagen der Gemeinde wie der Kanal seien saniert, das Glasfasernetz weiter ausgebaut worden. In Wilting seien zum Netto- ein neuer Edeka-Markt und ein erweitertes Gewerbegebiet hinzugekommen. Wirtschaftlich sei es beim Start schwierig gewesen, doch sei die Gewerbesteuer von 250 000 Euro auf aktuell drei Millionen Euro gewachsen: „Für uns passt das!“ Hinter Edeka komme noch ein Maschinenbauer, der dort die Fläche gekauft habe. Auch die Photovoltaikfirma Geiling ziehe aus Cham nach Wilting.
Um der bremsenden Bürokratie und der Geldverschwendung durch überbordende Förderkriterien zu entgehen, ging Marchl oft eigene Wege. „Wie würde ich das als Privater machen?“, habe er immer überlegt. Beim Freibad sparte er dadurch eine Million Euro, beim neuen Kindergarten ebenso eine Menge Geld. Vieles sei Neuland gewesen, wo er sich mit der Gemeinde hingewagt habe, vieles davon so nicht vorgesehen. Doch am Ende sei Gutes für die Bürger dabei rausgekommen. Dass es einen Bürokratieabbau gibt, glaubt er nicht – „die Politik ist dafür zu schwerfällig. Die wissen nicht, wie es hier unten zugeht.“
Die Politik ist dafür zu schwerfällig. Die wissen nicht, wie es hier unten zugeht.Sepp Marchl über einen Bürokratieabbau
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