Suche nach Atommüll-Endlager im Landkreis Cham: Müssen Blaibach und Traitsching zittern?

Ein kurzer Blick auf die neue Karte genügt – und der Puls steigt. Blau. Ausgerechnet blau. In einer Region, die sich in den vergangenen Jahrzehnten eher mit Windrädern, Stromtrassen oder Gewerbegebieten herumschlagen musste, weckt diese Farbe ungute Assoziationen. Blau steht in der Terminologie der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) für Gebiete, die bei der Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Abfall vorerst im Rennen bleiben. Im Landkreis Cham betrifft das aktuell noch zwei Gemeinden: Blaibach und Traitsching.
Doch wer genauer hinsieht, merkt schnell: Die Aufregung bleibt überschaubar. Denn die blauen Flächen liegen dort, wo man sie sich für ein unterirdisches Endlager nun wirklich am wenigsten vorstellen kann – mitten im Leben.
Auf ersten Schock folgte Ernüchterung
„Im ersten Moment war ich sehr erschrocken“, sagt Blaibachs Bürgermeisterin Monika Bergmann. „Immerhin ist Blaibach ein altes Steinhauerdorf.“ Daher sei die Befürchtung ob passender geologischer Gegebenheiten zunächst durchaus berechtigt. Als sie im Navigator der Bundesgesellschaft für Endlagerung nach den genauen Stellen im Gemeindegebiet gesucht hat, wich der Schreck rasch der Ernüchterung – und dann der Erleichterung.
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Denn ein Großteil der markierten Fläche liegt mitten im Ort. Häuser, Straßen, gewachsene Strukturen. Für ein Endlager, das in bis zu 1000 Metern Tiefe angelegt werden müsste und oberirdisch einen großen Sicherheits- und Arbeitsbereich erfordert, ist hier schlicht kein Platz. Insofern gibt sich die Blaibacher Rathauschefin optimistisch: „Ich glaube, dass dieser Kelch an uns vorübergeht.“ Gleichzeitig betont Bergmann, dass sie die Lage keinesfalls bagatellisieren möchte. „Natürlich ist man unruhig, aber angesichts der Maßnahmen bin ich zuversichtlich.“
Natürlich ist man unruhig, aber angesichts der Maßnahmen bin ich zuversichtlich.Monika Bergmann, Bürgermeisterin in Blaibach
Ein kleinerer Teil der Fläche betrifft den Rossberg. Aber auch dort sprechen aus Sicht der Gemeinde gleich mehrere Gründe gegen eine Eignung: Die Nähe zu Wohnbebauung in Richtung Miltach und Chamerau, die begrenzte Ausdehnung des Areals – und damit fehlender Raum für das, was ein solches Projekt zwangsläufig mit sich bringen würde.
Ähnlich nüchtern fällt die Einschätzung in Traitsching aus. „Das erleben noch nicht einmal mehr unsere Urenkel“, sagt Bürgermeister Josef Marchl – und macht damit deutlich, wie wenig real er ein Endlager in seiner Gemeinde einschätzt. Das untersuchte Gebiet zwischen Sattelpeilnstein und Trebersdorf sei, ähnlich wie in Blaibach, ringsum von Wohnbebauung umgeben. Dass hier eines Tages Schächte gebohrt und Endlagerkammern angelegt werden, erscheint auch ihm kaum vorstellbar. „Es gibt keine Chance, dort so etwas entstehen zu lassen“, zeigt sich Marchl überzeugt. Wie seine Blaibacher Amtskollegin weist er zudem darauf hin, dass es sich bislang ausschließlich um erste geologische Prüfungen handelt, bei denen andere Gegebenheiten noch vollständig ausgeklammert werden.
Das erleben noch nicht einmal mehr unsere Urenkel.Josef Marchl, Bürgermeister in Traitsching
Der Eindruck drängt sich auf, dass die aktuelle Auswahl vor allem eines ist: ein Produkt der Datenlage. In den bisherigen Prüfschritten wurden geologische Kriterien herangezogen, Karten gewälzt, Gesteinsformationen bewertet. Was oberirdisch tatsächlich existiert – Siedlungen, Infrastruktur, Lebensräume –, spielte bislang keine Rolle. Genau das dürfte sich in den kommenden Phasen ändern.
Auch Landrat Franz Löffler sieht die Entwicklung insgesamt gelassen. „Das Verfahren zur Standortsuche für ein Atommüll-Endlager wird nach objektiven, wissenschaftlichen Kriterien geführt. Es ist bewusst kein politisches Verfahren. Das gilt es zu respektieren“, betont er. Zugleich räumt er ein, dass die jüngsten Ergebnisse durchaus Grund zur Erleichterung geben: „Natürlich lässt es einen aufatmen, wenn nun festgestellt wurde, dass die geologischen Gegebenheiten im Landkreis Cham in weiten Teilen ungeeignet für ein Endlager sind.“
Verfahren zur Untersuchung läuft bis Ende 2027
Zwar werden einzelne Gebiete weiter geprüft, doch Löffler geht derzeit nicht davon aus, dass am Ende tatsächlich ein Standort im Landkreis Cham übrig bleibt. Die Bodengegebenheiten unterschieden sich nicht wesentlich von jenen Flächen, die bereits aussortiert wurden.
Das Verfahren zur Standortsuche für ein Atommüll-Endlager wird nach objektiven, wissenschaftlichen Kriterien geführt.Franz Löffler, Chamer Landrat
Der Weg zur endgültigen Entscheidung ist ohnehin noch lang. Bis Ende 2027 will die BGE Standortregionen benennen, die übertägig erkundet werden sollen. Erst danach könnten Bohrungen und seismische Untersuchungen folgen. Ein Gutachten nennt das Jahr 2074 als frühestmöglichen Zeitpunkt für eine endgültige Standortfestlegung. Von einem baldigen Endlager im Landkreis Cham zu sprechen, wäre also reichlich verfrüht.
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Für Blaibach und Traitsching heißt das vorerst: beobachten, einordnen, erklären. Die Kommunen können Stellungnahmen abgeben, Einwände vorbringen, sich Gehör verschaffen. Vor allem aber können sie ihren Bürgern eines sagen – mit guter Begründung: Die Wahrscheinlichkeit, dass aus den blauen Flecken einmal ein Endlager wird, ist gering.
Navigator der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE)
Mit einem sogenannten „Endlager-Navigator“ macht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) den aktuellen Stand der Atommüll-Suche im Internet öffentlich zugänglich. In einer interaktiven Deutschlandkarte können Bürger genau nachsehen, welche Regionen bereits ausgeschieden sind und welche Gebiete noch weiter untersucht werden. Die Flächen sind dabei farblich markiert: Gelb steht für ungeeignet, Blau für Gebiete, die noch im Verfahren sind.

Wer auf der Karte eine Region anklickt, erhält zusätzliche Informationen zum jeweiligen Prüfstand. Angezeigt wird unter anderem, welche Verfahrensschritte bereits abgeschlossen sind und welche geologischen Kriterien eine Rolle spielen. Grundlage der bisherigen Auswahl sind ausschließlich Daten aus Karten und geologischen Modellen – ob sich über der Erde Städte, Dörfer oder Infrastruktur befinden, wurde bislang nicht berücksichtigt.
Die Karte wird mit jedem neuen Zwischenschritt aktualisiert. Bis Ende 2027 will die BGE daraus Standortregionen ableiten, die dann vor Ort weiter untersucht werden sollen. Der Navigator ist im Netz auf den Seiten der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) frei zugänglich.