„Grieser Spitz nicht mehr schützenswert“: Darum ist Regensburgs CSU jetzt für den Holzgartensteg

Früher war Astrid Freudenstein, die OB-Kandidatin der Regensburger CSU, eine entschiedene Gegnerin des Holzgartenstegs. Jetzt befürwortet sie den Bau der Brücke. Der Grund für ihren Meinungsumschwung lässt aufhorchen.
„Jetzt wird es zur Satire“ – so lautet in den Sozialen Medien ein Kommentar zur Ankündigung der CSU und ihrer Oberbürgermeister-Kandidatin Astrid Freudenstein, den Holzgartensteg bauen zu wollen. Die Planungen für die Fußgänger- und Radlerbrücke vom Grieser Spitz zum Maria-Beer-Platz in Reinhausen ruhen seit sechs Jahren, in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem wegen der Ablehnung seitens der CSU. Daher führt Freudensteins Meinungsumschwung zu Reaktionen wie der eingangs erwähnten.
Auch bei der politischen Konkurrenz wundert man sich.„Äußerst überrascht“ zeigt sich zum Beispiel Grünen-Spitzenkandidatin Helene Sigloch. „Aber inhaltlich finde ich es gut“, sagt sie angesichts der Tatsache, dass sie sich im Herbst klar für die Wiederbelebung des lange auf Eis gelegten Brückenprojekts positioniert hat. SPD-Stadtrat Alexander Irmisch spricht Freudenstein auf Facebook direkt an: „Ich erinnere mich noch sehr gut an deine Aussage, dass du dich am Grieser Spitz an Bäumen festketten willst, sollte das Projekt kommen.“
Lieber eine Brücke als Drogen und Verhau
Für Irmischs Parteifreund und OB-Kandidat Thomas Burger ist die geänderte Haltung ebenfalls „überraschend“. Schließlich hätte die CSU einst verhindert, dass der Steg realisiert wird. Astrid Lamby von der ÖDP bezeichnet die jetzt vollzogene Kehrtwende sogar als „unlauter“.
Astrid Freudenstein selbst legt Wert auf eine Differenzierung. In der CSU habe es immer schon Befürworter des Holzgartenstegs gegeben. Ihre Partei habe in den Koalitionsverhandlungen 2020 auch keineswegs auf eine Einstellung der Planungen gepocht – es sei die SPD gewesen, die das Thema nicht mehr eingebracht habe.
Unstrittig sei jedoch ihr eigenes Umdenken. „Ich habe dieses Projekt persönlich sehr stark abgelehnt, weil ich der Meinung war, dass es sich beim Grieser Spitz um eine schützenswerte Grünanlage im Innenstadtgebiet handelt, von denen wir hier nicht allzu viele haben“, sagt Freudenstein. Als ihr jetzt erwachsener Sohn noch klein war, sei sie oft in diesem „gerade für Familien sehr wertvollen Gebiet“ zum Spielen gewesen. „Der Bau des Holzgartenstegs ist ein massiver Eingriff in diese Grünanlage, die dadurch in einem großen Bereich bebaut und verschattet wird.“
Trotz der Nähe zu einem Spielplatz riecht es nach Cannabis und die schöne Grünanlage wird völlig vermüllt zurückgelassen.Astrid Freudenstein, OB-Kandidatin
Trotzdem ist Freudenstein jetzt für die Brücke. Ihre Begründung lässt aufhorchen: „Ich halte den Grieser Spitz heute, ganz anders als vor sechs Jahren, nicht mehr für eine schützenswerte Grünanlage.“ Verantwortlich macht sie dafür die regelmäßige Präsenz von Gruppen mit Drogen konsumierenden Erwachsenen.
„Trotz der Nähe zu einem Spielplatz riecht es nach Cannabis und die schöne Grünanlage wird völlig vermüllt zurückgelassen“, schildert sie ihre Sicht der Dinge. Mit einem kleinen Kind würde sie hier nicht mehr spielen wollen. „Angesichts dieser traurigen Veränderungen der letzten Zeit halte ich es heute für sinnvoller, eine neue Verbindung für Fußgänger und den Radverkehr zwischen der Altstadt und dem Stadtnorden herzustellen.“
Wer die Historie des Projekts kennt, weiß, dass es vor allem am Gries und im restlichen Stadtamhof die vehementesten Gegner gab. Anders als Freudenstein dürften diese ihre Meinung kaum geändert haben. Der CSU-Kandidatin ist dies ebenso bewusst wie die strikte Ablehnung des Holzgartenstegs durch den Bund Naturschutz. Um den notwendigen Meinungsumschwung herbeizuführen, nimmt sie die Stadtratsfraktionen in die Pflicht, die den Holzgartensteg in ihren jüngst ohne die CSU ausgehandelten Haushaltsentwurf aufgenommen haben: „Die Kolleginnen und Kollegen werden sicher mitwirken, den Bau des Projekts bei den Menschen in Stadtamhof zu bewerben.“
Das wird harte Arbeit, prophezeit Thomas Thurow, Fraktionschef und OB-Kandidat der Brücke. Von der genauen Lage bis zur Einbindung in das Gesamtradnetz seien noch etliche Fragen offen, gibt er zu bedenken. Darüber müsse gesprochen werden, „unter Beteiligung der betroffenen Bürger“.
Anwohner widerspricht: „Ein absolutes Idyll“
Einer von ihnen ist Ulrich Schmack. Als Anwohner und Fahrrad-Lobbyist betrifft den Geschäftsführer von Feine Räder das Thema gleich in mehrfacher Hinsicht. „Ich bin hin- und hergerissen“, sagt er zu der neu entflammten Debatte. Einerseits findet er die Vorteile einer eigenen Rad-Route abseits des sonstigen Straßenverkehrs bestechend, andererseits hat er sich in der Vergangenheit von Gegnern der Brücke überzeugen lassen, dass der Umweg über Nibelungenbrücke und Wöhrdstraße im Sinne einer unberührten Natur am Grieser Spitz zumutbar sei. Ganz verabschiedet hat sich Schmack vom Holzgartensteg trotzdem nicht. „Aber wenn er kommt, muss man es wirklich gut machen“, fordert er.
Festgelegt ist der Anwohner indes bei einem anderen Aspekt, dem negativen Blick von Freudenstein auf die Situation am Grieser Spitz: „Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Das ist nach wie vor einer der schönsten Aufenthaltsorte in der Stadt. Ein absolutes Idyll, angenehm und friedlich.“
Das Projekt liegt seit 2020 auf Eis
• Wettbewerb: Der bereits seit Jahrzehnten diskutierte Brückenschlag vom Grieser Spitz nach Reinhausen schien 2020 greifbar nah. Beim Realisierungswettbewerb lag ein Ergebnis vor, die Sieger hatten bereits ihre Nachbesserungen bei der Stadt eingereicht. Doch dann wurde das Projekt auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt, offiziell aus finanziellen Gründen.
• Wiederbelebung: Bei seinem Stadtteilfest in Reinhausen hat der Verein Kultur am Regen den Holzgartensteg im vergangenen Sommer wieder auf die politische Bühne gebracht. Im Herbst schrieben es erst die Grünen und dann die CSU ins Wahlprogramm, seit wenigen Tagen steht es auch im Haushaltsentwurf.