Gigantisches Labor entdeckt: Frau des Regensburger Captagon-Paten kommt mit Bewährung davon

Von Philipp Breu · 16. Dezember 2025 um 19:22

Letzten Endes war sie nur ein kleines Rädchen im Drogen-Imperium ihres Mannes – und eine wirkliche Alternative hatte sie nicht. Zu dieser Einschätzung kam das Landgericht Amberg am Dienstag. Angeklagt war eine 56 Jahre alte Syrerin aus dem Landkreis Schwandorf, die dabei geholfen hat, das deutschlandweit bisher größte Captagon-Labor zu betreiben. Sie kam mit einem blauen Auge davon.

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Hinter Gitter muss die Frau nicht, auch wenn die Menge an Drogen, in deren Produktion sie verwickelt war, bundesweit ihresgleichen sucht. Anfang Juli 2023 hatten Spezialkräfte des Bundeskriminalamts (BKA) eine Autowerkstatt im Regensburger Norden gestürmt. Sie hatten zuvor einen Tipp von einem Kontaktmann aus Saudi-Arabien erhalten, dass in der Domstadt im großen Stil Captagon für den arabischen Markt produziert werde.

Die gelblich-weißen Amphetamin-Pillen werden vor allem in Saudi-Arabien für etwa 15 bis 20 Dollar gehandelt. Weil es Angst, Hunger und Durst unterdrückt, euphorisch und empathielos macht, hat Captagon den Ruf als Terror-Droge erlangt. Laut israelischer Medien hatten beispielsweise einige Hamas-Kämpfer die Tabletten beim Überfall am 7. Oktober 2023 bei sich.

Vom BKA auf frischer Tat in der Werkstatt ertappt

Der Tipp sollte sich letztlich als Volltreffer erweisen. Zwei Männer waren auf frischer Tat ertappt worden. Sie waren gerade dabei, in der Werkstatt weißes Pulver zu Tabletten zu pressen. Sie wurden umgehend festgenommen. Mehr als 300 Kilo Drogen, diverse technische Geräte und Chemikalien, um weitere drei Tonnen Captagon zu produzieren, wurden sichergestellt – ein deutschlandweit einzigartiger Schlag gegen die Szene.

In dieser Werkstatt im Regensburger Stadtnorden hatten die Ermittler das bisher größte Captagon-Labor Deutschlands entdeckt. - Foto: Baumgarten, Archiv

In den Fokus der Ermittlungen geriet unter anderem eine syrische Familie aus dem Landkreis Schwandorf. Der Vater war Mieter der Werkstatt, der Sohn war einer der Männer, der in Regensburg vom BKA aufgegriffen wurde. Die Ermittler durchkämmten noch in der gleichen Nacht das gemeinsame Wohnhaus im Landkreis Schwandorf. Auch dort wurden sie fündig. Etwa 22 Kilo Captagon-Tabletten und fünf Kilo Chemikalien zu deren Herstellung kamen ans Tageslicht – gelagert in zwei abgesperrten Schuppen neben dem Wohnhaus.

Sohn sitzt bereits im Gefängnis

Der Sohn, der in der Werkstatt auf frischer Tat ertappt wurde, sitzt bereits hinter Gitter. Er wurde im vergangenen Jahr vor dem Landgericht in Ellwangen wegen Beihilfe zum Drogenhandel zu vier Jahren Haft verurteilt. Sein Komplize, ein Bekannter der Familie, wanderte für mehr als acht Jahre ins Gefängnis. Laut der Kammer war er tief in die Geschäfte involviert.

Der Familienvater und mutmaßliche Drahtzieher hatte bislang mehr Glück. Er war nur einen Tag vor dem großen Zugriff im Juli 2023 ausgereist und ist bis heute flüchtig. Nach dem Mann wird international gesucht. Nun musste sich mit der Ehefrau das nächste Familienmitglied vor Gericht verantworten. Nach drei Verhandlungstagen fiel am Dienstag schließlich ein Urteil.

Dass auch sie nicht ganz unschuldig ist, stand schnell fest. Die 56-Jährige räumte bereits am ersten Verhandlungstag über ihren Strafverteidiger Michael Haizmann die Beihilfe zum Drogenhandel ein. Sie habe ihren Ehemann zumindest dabei unterstützt, zuhause Amphetamin-Tabletten aufzubewahren und Ausgangsstoffe für die Weiterverarbeitung in Regensburg vorzubereiten. Genauer gesagt hatte sie auf Anweisungen ihres Mannes hin zuhause Pulver getrocknet, Türen zu den Lagerstätten versperrt und Fenster blickdicht verhängt. Untermauert wurde das ganze durch Telefongespräche zwischen ihr und ihrem Mann, die vom BKA abgehört wurden.

Angeklagte führte bisher ein fremdbestimmtes Leben

Doch wusste sie wirklich, was sie da genau tat und was ihr Mann eigentlich im Schilde führte? Daran gab es vor Gericht immer wieder Zweifel. Auch weil Zeugen von der Syrerin das Bild einer einfachen Frau ohne Schulbildung zeichneten, deren Leben sich fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden abspielte. Sie sei fast nie nach draußen gegangen, deshalb in ihrer Wahlheimat überhaupt nicht integriert und ihrem Mann extrem hörig. „Sie war von ihm abhängig und hat nur seine Anweisungen befolgt, ohne zu hinterfragen. Darauf wurde sie von Kindesbeinen an konditioniert“, fasste Haizmann zusammen.

Um diese Tabletten geht es: Beamte wurden im Juli 2023 bei einer Razzia in Regensburg und im Landkreis Schwandorf fündig. - Foto: BKA, Archiv

Doch wie ist die Angeklagte dafür zu bestrafen? Da gingen die Meinungen denkbar weit auseinander. Während Michael Haizmann eine Bewährungsstrafe forderte, hielt Staatsanwältin Sylvia Schatz angesichts der immensen Drogenmengen eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten für angemessen. Sie warf der Syrerin sowohl die Beihilfe zum Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge als auch den Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor.

Etwa eine Stunde zog sich das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin und Landgerichtsvizepräsidentin Elke Escher zur Beratung zurück. Dann wurde das Urteil verkündet: zwei Jahre Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung.

Vorwurf des Drogenbesitzes fallengelassen

Die Kammer sah die Beihilfe zum Drogenhandel zwar als erwiesen an. Allerdings beschränke sich diese auf die im Wohnhaus im Landkreis Schwandorf sichergestellten Mengen und auf die eingeräumten Tätigkeiten, die laut Escher eher auf „unterster krimineller Ebene“ angesiedelt seien. Dass die Angeklagte aktiv in den Vorgängen in der Hauptproduktionsstätte in Regensburg involviert war, dafür gebe es keine Anhaltspunkte.

Auch den Vorwurf des Drogenbesitzes ließ die Kammer fallen. „Es muss auch ein Besitzwille erkennbar sein“, begründete Richterin Escher. Und der sei bei der Angeklagten nicht vorhanden. „Sie hat halt da gewohnt, wo ein Teil der Drogen gelagert war.“

Weil die 56-Jährige strafrechtlich bisher nicht in Erscheinung getreten war und nicht zu erwarten sei, dass sie noch einmal straffällig wird, ließ die Kammer letztlich vorweihnachtliche Gnade walten. Einen Tipp gab Richterin Escher der Angeklagten dann noch mit auf den Weg. „Lernen Sie Deutsch und werden Sie selbstständig.“

Hintergrund: Das ist Captagon

Medikament: Die unter dem Namen Captagon vertriebene Arznei enthielt als Wirkstoff Fenetyllin, um Aufmerksamkeitsstörungen zu behandeln. Wegen seiner Nebenwirkungen wurde es 1986 verboten.

Missbrauch: Findige Täter erkannten das Potenzial und verkauften es mit dem Original-Logo, aber neuem Wirkstoff.

Droge: Fenetyllin wird vom Körper zu Amphetamin gewandelt – im Grunde hat es dieselbe Wirkung wie das Medikament, obwohl das Präparat nicht mehr existiert. Bei Captagon geht es heute um Amphetamintabletten.

Markt: Verkauft wird es vor allem im arabischen Raum. Immer öfter rückt dabei jedoch Deutschland als Transitland in den Fokus. Nur 13 Wochen nach dem Fall in Regensburg schlugen Ermittler im Raum Aachen zu. Dort wurden mehr als 400 Kilo der Droge beschlagnahmt. Investigativ-Recherchen, an denen auch die Mediengruppe Bayern beteiligt war, zeigten: Die Funde von Aachen und Regensburg hängen zusammen.