Frau des Regensburger Captagon-Paten vor Gericht: Welche Rolle spielte sie im Drogen-Imperium?

Von Philipp Breu · 9. Dezember 2025 um 19:00

Welche Rolle spielte eine 56 Jahre alte Syrerin im Drogenimperium, das sich ihr Ehemann über Jahre aufgebaut hat? Diese Frage beschäftigt derzeit das Landgericht Amberg. Im Mittelpunkt steht das deutschlandweit bisher größte Drogen-Labor für Captagon, das Anfang Juli 2023 in Regensburg ausgehoben wurde.

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Spezialkräfte des Bundeskriminalamts schlugen zu, als die Tabletten-Produktion gerade lief. Tatort war eine Autowerkstatt im Regensburger Norden. Ein damals 30-Jähriger aus der Domstadt und sein Komplize (51), wohnhaft in Baden-Württemberg, wurden auf frischer Tat ertappt und festgenommen. Noch in der gleichen Nacht durchsuchten die Polizisten ein Haus im Kreis Schwandorf. Auch hier wurden sie fündig.

Die Razzia förderte insgesamt etwa 300 Kilo Drogen, dazu Chemikalien für weitere drei Tonnen Captagon zutage – im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro. Das Rauschgift, das im Volksmund auch als „Kokain des kleinen Mannes“ bezeichnet wird, wurde für den internationalen Handel produziert. Hierzulande ist Captagon kaum bekannt. Die gelblich-weißen Amphetamin-Pillen sind vor allem im Nahen Osten weit verbreitet. Gehandelt werden sie vor allem in Saudi-Arabien für etwa 15 bis 20 Dollar.

Verbindung zu großem Captagon-Fund in Aachen

Immer öfter rückt dabei jedoch Deutschland als Transitland im internationalen Captagon-Schmuggel in den Fokus. Nur 13 Wochen nach dem Fall in Regensburg schlugen Ermittler im Raum Aachen zu. Dort wurden mehr als 400 Kilo der Droge beschlagnahmt. Und im Oktober 2024 erstmals veröffentlichte Recherchen eines Investigativ-Verbunds, an dem die Mediengruppe Bayern, die F.A.Z. und Sender der ARD beteiligt waren, zeigten: Die Funde von Aachen und Regensburg hängen zusammen.

An einer dieser Tablettiermaschinen arbeiteten die Männer, als Spezialkräfte zugriffen. - Foto: Bundeskriminalamt, Archiv
In dieser Werkstatt im Regensburger Stadtnorden entdeckten die Ermittler das bisher größte Captagon-Labor Deutschlands. Baumgarten, Archiv - Foto: André Baumgarten, Archiv

In den Fokus der Ermittlungen rückte unter anderem eine syrische Familie, die im östlichen Landkreis Schwandorf wohnt. Der damals 30 Jahre alte Sohn, der in der Regensburger Werkstatt festgenommen wurde, wurde im vergangenen Jahr vor dem Landgericht in Ellwangen wegen Beihilfe zum Drogenhandel zu vier Jahren Haft verurteilt. Sein Komplize, ein Bekannter der Familie, wanderte für mehr als acht Jahre hinter Gitter. Laut der Kammer war er tief in die Geschäfte involviert. Beide gingen gegen ihre Urteile in Revision – ohne Erfolg.

Der eigentliche Drahtzieher ist nach Informationen der MZ der Vater des damals 30-Jährigen. Dieser war auch Mieter der Autowerkstatt und ist bis heute flüchtig. Er war nur einen Tag vor dem großen Zugriff ausgereist. Nach dem Mann wird international gesucht.

War Ehefrau nur ein kleines Rädchen?

Seit vergangener Woche muss sich nun auch die Mutter des verurteilten Regensburgers und Ehefrau des mutmaßlichen Drahtziehers vor Gericht verantworten. Die Große Strafkammer des Landgerichts Amberg geht der Frage nach, inwiefern auch sie in die schmutzigen Geschäfte verwickelt war.

Die Staatsanwaltschaft wirft der 56-jährigen Syrerin Beihilfe zum bandenmäßigen unerlaubten Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in Tateinheit mit unerlaubtem Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor. Sie soll ihren Mann dabei geholfen haben, Captagon-Tabletten und Chemikalien zu deren Produktion zuhause aufzubewahren und sie für den Transport nach Regensburg vorzubereiten.

Die Angeklagte wird beim Prozess vor dem Landgericht Amberg von Strafverteidiger Michael Haizmann vertreten. - Foto: Friedrich Gluth

Für Verteidiger Michael Haizmann sei die Angeklagte allerdings nie Teil einer Bande gewesen. Viel mehr habe sie nur die Aufträge ihres Ehemannes befolgt, ohne zu wissen, was dieser eigentlich im Schilde führte. Er forderte am ersten Verhandlungstag eine Bewährungsstrafe für seine Mandantin.

Das kam für Staatsanwältin Silvia Schatz aber nicht in Frage. Sie stellte der 56-Jährigen bei einem umfassenden Geständnis eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten, ohne Geständnis eine Freiheitsstrafe von vier Jahren in Aussicht. Zeugen sollten weiter Licht ins Dunkel bringen.

Am Dienstag gab Verteidiger Haizmann im Namen seiner Mandantin zunächst eine Einlassung ab. Er bekräftigte die Kernaussagen nochmals. Seine Mandantin räume zwar ein, Türen abgeschlossen, Fenster verhängt und Pulver getrocknet zu haben. „Sie wusste aber zu keiner Zeit, dass sie damit den großen Rauschgifthandel unterstützt.“

Auch eine Anwohnerin, die dann in den Zeugenstand gerufen wurde, stützte diese Aussage. Die Frau hilft der Familie seit Jahren ehrenamtlich bei Anträgen und Behördengängen. In der Zeit hatte und hat sie vor allem mit der Mutter und dem jüngsten Sohn Kontakt.

„Sie macht das, was man ihr sagt“

Die Frau zeichnete von der Angeklagten ein eher einfaches Bild. „Sie macht das, was man ihr sagt. Ohne zu hinterfragen oder zu widersprechen.“ Sie habe auch erfahren, dass die Syrerin bis heute nicht lesen und schreiben könne. Sie spreche auch kein Wort Deutsch. „Sie sitzt eigentlich nur zuhause“, schilderte die Zeugin. Kontakt zu Nachbarn habe und hatte die Angeklagte nie. Der Ehemann sei eigentlich nie zuhause gewesen. „Ich habe ihn bis heute glaube ich einmal gesehen.“ Sie habe auch nicht das Gefühl, dass die Familie in Geld schwimme – im Gegenteil. „Eigentlich sieht es eher so aus, als hätten sie zu wenig.“

Hintergrund: Das ist Captagon

• Medikament: Die unter dem Namen Captagon vertriebene Arznei enthielt als Wirkstoff Fenetyllin, um Aufmerksamkeitsstörungen zu behandeln. Wegen seiner Nebenwirkungen wurde es 1986 verboten.

• Missbrauch: Findige Täter erkannten das Potenzial und verkauften es mit dem Original-Logo, aber neuem Wirkstoff.

• Droge: Fenetyllin wird vom Körper zu Amphetamin gewandelt – im Grunde hat es dieselbe Wirkung wie das Medikament, obwohl das Präparat nicht mehr existiert. Bei Captagon geht es heute um Amphetamintabletten.

• Markt: Verkauft wird es vor allem im arabischen Raum.

• Wirkung: Weil es Angst, Hunger und Durst unterdrückt, euphorisch und empathielos macht, hat es den Ruf als Terror-Droge erlangt.

Am frühen Nachmittag sollte ein weiterer Zeuge befragt werden. Dabei handelte es sich um den verurteilten Komplizen, der in Regensburg auf frischer Tat ertappt wurde. Er wurde von der JVA in Heilbronn nach Amberg gebracht und sollte die Frage beantworten, ob die Angeklagte in die Vorgänge in der Regensburger Werkstatt involviert war. Doch nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten sah der heute 53-Jährige von einer Aussage ab, um sich möglicherweise nicht selbst weiter zu belasten.

Richterin und Landgerichtsvizepräsidentin Elke Escher unterbrach den Prozess daraufhin erneut. In einer Woche sollen weitere Zeugen gehört werden, darunter auch der bereits verurteilte Sohn. Dieser könnte aber ebenfalls von seinem Auskunftsverweigerungsrecht gebrauch machen.