Interview zum Abschied: So blickt Dr. Andreas Kestler auf 20 Jahre an der Spitze eines Großkrankenhauses

Von Marion Neumann · 13. Dezember 2025 um 12:00

Ein Bombenfund hinter dem Krankenhaus, schwierige Bedingungen während Corona und politische Diskussionen: In seiner Zeit als Geschäftsführer bei den Barmherzigen Brüdern Regensburg hat Dr. Andreas Kestler viel erlebt. Zum Abschied zieht er Bilanz.

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Wohl unzählige Male hat Dr. Andreas Kestler die Eingangshalle des Krankenhauses Barmherzige Brüder Regensburg durchquert, um Besucher zu seinem Büro zu begleiten. Doch an diesem Tag hat dieser Weg etwas Besonderes: „Mein letzter offizieller Termin“, sagt er über das Interview mit unserer Zeitung. Wie der Geschäftsführer, der vergangene Woche feierlich und in Anwesenheit vieler Mitarbeiter in den Ruhestand verabschiedet wurde, auf 20 Jahre in diesem Amt zurückblickt, erzählt er im Gespräch.

Herr Dr. Kestler, wie fühlt es sich an, jetzt durch die Krankenhausflure zu gehen?

Andreas Kestler: Es sind gemischte Gefühle. Das Haus war über 20 Jahre ein zentraler Teil meines Lebens und hat mich geprägt – so wie ich umgekehrt auch das Krankenhaus in mancher Hinsicht geprägt habe.

Ist es Ihnen schwer gefallen, zu gehen?

Kestler: Ja und nein. Es war eine Vernunftentscheidung aus gesundheitlichen Gründen. Als ich noch als Arzt tätig war, habe ich mich über jeden Patienten gefreut, der sich an meinen ärztlichen Rat gehalten hat. Jetzt nehme ich selbst den Rat meiner Ärzte ernst und nehme etwas Stress und Anspannung heraus. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar. 20 Jahre lang ein Großkrankenhaus führen zu dürfen, ist außergewöhnlich, gerade in einer Branche, in der Geschäftsführer häufig wechseln.

Wenn Sie auf diese 20 Jahre zurückblicken: Welche Momente bleiben besonders in Erinnerung?

Kestler: Da gab es viele erwähnenswerte Zeiten. Besonders wichtig war die enge Zusammenarbeit mit dem Träger – ein großer Unterschied zu meiner Zeit in kommunalen Häusern. Was den Orden betrifft, sind mir zwei Erlebnisse besonders in Erinnerung geblieben: 2009 durfte ich als Arzt bei der Ausgrabung der Gebeine von Eustachius Kugler für die Seligsprechung mitwirken. 2012 nahm ich am Generalkapitel in Fatima teil und konnte drei Wochen lang miterleben, wie ein weltweiter Orden geführt wird. Aber auch im Krankenhaus selbst ist einiges passiert. 2015 wurde hinter dem Haus eine Bombe gefunden, und wir mussten das Krankenhaus komplett räumen. Beeindruckend war, wie ruhig und solidarisch alle Mitarbeitenden zusammenarbeiteten.

Muss man in diesem Zuge auch die Corona-Pandemie erwähnen?

Kestler: Natürlich, das war eine sehr intensive Zeit. Anfangs standen die Menschen auf den Balkonen, applaudierten und nannten uns „systemrelevant“. Doch am Ende fühlten wir uns von der Politik vergessen. Am Tisch in meinem Büro saßen viele Bundestags- und Landtagsabgeordnete sowie drei bayerische Minister, die alle sehr verständig waren und unsere Arbeit schätzten – trotzdem wird der Betrieb der Krankenhäuser weiter nicht angemessen finanziert.

Wenn Sie künftig von außen auf das Krankenhaus schauen: Macht Ihnen die aktuelle Reformdebatte Sorgen?

Kestler: Das größte Krankenhaus Ostbayerns wird auch künftig seine Aufgaben erfüllen. Die Reformdebatte konzentriert sich gerade vor allem auf kleine Häuser. Gleichzeitig braucht es auch die großen Kliniken, die rund um die Uhr Herzinfarkte, Lungenembolien oder Hirnblutungen versorgen. Gesundheit ist eines der grundlegendsten Bedürfnisse – das vergisst man leicht, bis man selbst auf Behandlung angewiesen ist. Ich bin überzeugt: Dieses Krankenhaus wird auch in den kommenden Jahrzehnten seine Aufgaben zuverlässig erfüllen.

Gibt es Dinge, die Sie gerne noch verändert hätten?

Kestler: Eigentlich haben wir alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten – und damit meine ich die Leistung der gesamten Führung und unserer 4000 Mitarbeiter. Die Medizin ist heute breit aufgestellt und stark ausdifferenziert, von hochspezialisierten Fachbereichen bis zu einem umfassenden therapeutischen Angebot. Mir war immer wichtig, dass die Kommunikation im Haus funktioniert. Heute arbeiten hier hochspezialisierte Experten, die trotzdem intensiv und konstruktiv miteinander im Austausch sind. Genau so habe ich mir das immer vorgestellt. Und die Entwicklung des Hauses geht weiter: Im Brüdergarten entsteht das neue Bildungszentrum, und die Entscheidung, St. Hedwig in den kommenden Jahren an diesen Standort zu verlagern, ist ebenfalls gefallen.

Was wünschen Sie dem Krankenhaus für die Zukunft?

Kestler: Ich wünsche mir, dass das medizinische, pflegerische und therapeutische Niveau weiter so hoch bleibt – rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche. Das ist alles andere als selbstverständlich. Dafür braucht es motivierte junge Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, gerade wenn es schwierig wird oder weh tut. Jeder der knapp 50 000 stationär zu behandelnden Patienten pro Jahr kommt in einer Notsituation zu uns – und dann muss geholfen werden.

Womit möchten Sie sich künftig mehr beschäftigen? Wie sieht Ihre nächste Zeit aus?

Kestler: Meine Frau wird mich sicher öfter zu Gesicht bekommen. Mit einer Oberärztin und anderen Ehrenamtlichen haben wir den Verein Rafael gegründet, der sich um die medizinische Versorgung von Obdachlosen kümmert. Dort werde ich im Vorstand weitermachen und mich um die Verwaltung kümmern. Außerdem bleibt mehr Zeit für Musik. Ich gehe gerne in Konzerte, singe und musiziere viel – und bin in der Regensburger Kantorei. Gerade proben wir für Weihnachten, nächstes Jahr folgt die Matthäus-Passion.