Wer pflegt Regensburg? Gesprächsabend rückt übersehene Pflegekräfte aus Südosteuropa in den Fokus

Migrantische Pflegekräfte aus Südosteuropa leisten in Regensburg täglich unverzichtbare Arbeit – doch oft bleiben sie dabei unsichtbar. Bei einem Gesprächsabend des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung geht es um ihre Geschichten.
Vor Beginn der Diskussion blickte sich eine Besucherin erstaunt im Raum um. „Ich dachte, hier bricht alles zusammen vor Zuhörern“, sagte sie. „Hier geht es doch um unsere Zukunft.“ Prof. Dr. Ulf Brunnbauer, Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung, zeigte sich dagegen nicht überrascht, dass der Saal im Evangelischen Bildungswerk am Ölberg nicht aus allen Nähten platzte. „Pflege ist ein Thema, das uns alle angeht, das wir aber solange wie möglich verdrängen“, sagte er. „Es geht um eine Zukunft, der sich niemand stellen will.“
Eingeladen hatte das Institut am Dienstagabend zu einem Gesprächsabend unter dem Titel „Wer pflegt Regensburg? Pflegekräfte aus Südosteuropa erzählen – ein Abend zu Migration, Altsein und Sorgearbeit in Regensburg“. In vielen Einrichtungen der Stadt seien es vor allem Frauen aus Ländern wie Albanien, Nordmazedonien oder Rumänien, die tagtäglich einen unverzichtbaren Beitrag zur Versorgung, Betreuung und Pflege kranker und älterer Menschen leisten. Ihre Geschichten blieben aber meist unsichtbar.
Positiver Blick auf den Beruf
Um ihre Lebensrealität anschaulich zu machen, stellte Dr. Kathleen Beger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, die gemeinsam mit Brunnbauer als Leiter an dem Forschungsprojekt „Die demografischen Ängste in Südosteuropa überwinden“ arbeitet, Auszüge aus Interviews mit migrantischen Pflegekräften vor.
So schilderte Rina aus Albanien, dass das Leben in ihrem Heimatland mit zwei Kindern und einem Monatslohn von rund 200 Euro schwierig gewesen sei. 2018 kam die Pflegekraft deshalb nach Bayern. Tatjana aus Nordmazedonien, die schon 1994 über ein klassisches Anwerbeverfahren nach Deutschland gekommen war, gab an, dass sie eigentlich nur ein paar Jahre habe bleiben wollen. Doch dann sei es anders gekommen, sie so geblieben. „Was auffällt, ist, dass die befragten Pflegekräfte ihren Beruf positiv sehen“, so Beger. „Sie machen ihren Job gerne und erleben ihre Arbeit als sinnstiftend.“
Sprachkenntnisse sind enorm wichtig
Im Anschluss stellte Brunnbauer die Gäste der Diskussionsrunde vor: Prof. Dr. Annette Meussling-Sentpali, Professorin für Pflegewissenschaft an der OTH Regensburg, Silvia Berthold, Leiterin der Abteilung Pflege im Seniorenamt der Stadt Regensburg, und Daniela Hartl-Göthner, stellvertretende Leiterin der Pflegedirektion am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg. Meussling-Sentpali erklärte, dass sich die Pflegewissenschaft bereits seit vielen Jahren mit Migration in Pflegeberufen befasst.
„Alles steht und fällt mit Sprachkompetenz“, sagte sie. „Sprachbarrieren sind ein sehr großes Thema.“ Von Fachkräften werde verlangt, ein bestimmtes Sprachniveau nachzuweisen. Bei Hilfskräften dagegen sei die Situation oft eine andere.
Auch eine ethische Frage
Gerade im ambulanten Bereich sei das geforderte Sprachniveau häufig „nur auf dem Papier“ vorhanden, gab Berthold zu bedenken. In Kliniken laufe das geregelter ab, so Hartl-Göthner. Fachkräfte würden Deutschkenntnisse auf B2-Niveau brauchen – also solide, selbstständige Sprachkenntnisse, mit denen sie sich klar und sicher im Berufsalltag verständigen können. „Auch für Patienten ist es nicht einfach, wenn sie sich mit der Pflegekraft nicht richtig verständigen können“, merkte Brunnbauer an.
Einen ethischen Aspekt brachte ein Zuhörer mit einer Frage aus dem Publikum ins Spiel: „Wie fair ist das, wenn wir Kräfte aus Ländern anwerben, die das gleiche Problem haben wie wir?“, fragte er mit Blick auf den demografischen Wandel in Südosteuropa. Eine eindeutige Antwort darauf ließ sich an diesem Abend nicht finden.
Ressourcen statt Probleme im Blick
Zum Abschluss der Diskussionsrunde war es Meussling-Sentpali ein Anliegen, einen positiven Ausblick zu geben. „Wir haben die Probleme stark fokussiert“, sagte sie. „Dabei bringen migrantische Pflegekräfte viele positive Eigenschaften mit – Kultursensibilität, einen hohen Ausbildungsstandard und Mehrsprachigkeit als große Ressource. Das sollten wir im Blick behalten, nicht nur die Probleme.“
Auch Brunnbauer zog nach dem Ende der Diskussion ein positives Fazit: „Wir wissen jetzt etwas besser Bescheid, wer Regensburg pflegt.“