Mehr Personal, weniger Bürokratie: Regensburgerin kämpft für 1,7 Millionen Pflegekräfte

Von Marion Neumann · 22. August 2025 um 11:00

Kathrina Edenharter ist Pflegerische Leitung der Klinik für Gastroenterologie und interventionelle Endoskopie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg. Seit kurzem vertritt die 43-Jährige zudem 1,7 Millionen Pflegende in Deutschland als Präsidiumsmitglied im Deutschen Pflegerat (DPR). Im Interview erklärt sie, warum in die Zukunft der Pflege investiert werden muss – und was wirklich gegen den drohenden Fachkräftemangel getan werden kann.

Frau Edenharter, Sie sind seit Mitte Mai Mitglied im Präsidium des Deutschen Pflegerats. Wie kommt man in dieses Gremium?

Kathrina Edenharter: Der Deutsche Pflegerat ist seit 1998 die Stimme aller Pflegenden und Hebammen in Deutschland. Als Dachverband vertreten wir 22 Berufsverbände aus der Pflege-, dem Hebammenwesen und der Pflegewissenschaft. Das Präsidium wird von den Mitgliedsverbänden gewählt. Ich habe mich für dieses Amt beworben und wurde als eine von sieben Personen für vier Jahre gewählt.

Womit beschäftigt sich der Pflegerat, und welche Themen liegen Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Edenharter: Grundsätzlich setzt sich der Rat dafür ein, die Arbeitsbedingungen in der Pflege attraktiver zu machen. Weitere wichtige Aspekte sind, die berufliche Eigenständigkeit zu stärken, eine verlässliche Selbstverwaltung aufzubauen und für einheitliche und durchlässige Bildungswege zu sorgen. Mir persönlich ist vor allem die Kommunikation wichtig – das ist mein Steckenpferd. Wir brauchen eine Sprache, die in der Politik verstanden wird und auch Gehör findet.

Wie ist die aktuelle Personalsituation in der Pflege – und was müsste passieren, damit mehr Fachkräfte langfristig im Beruf bleiben?

Edenharter: Die Lage ist angespannt. In Deutschland gibt es rund 1900 Krankenhäuser – und Studien zeigen, dass dort etwa 100 000 Vollzeitstellen in der Pflege unbesetzt sind. Dazu kommt, dass in den kommenden zehn Jahren etwa ein Fünftel der derzeit Beschäftigten in den Ruhestand geht. Ich sehe in der aktuellen Situation aber auch eine Chance. Pflegeberufe müssen attraktiver gestaltet werden. Dazu gehören klare Vorgaben für eine faire Personalbemessung und Dienstpläne, die sich einhalten lassen.

Was ist derzeit denn das Problem mit den Dienstplänen?

Edenharter: Personalbemessung und Dienstplangestaltung hängen eng zusammen. Ich kann nur mit den Kräften planen, die tatsächlich vorhanden sind. Das ist wie in anderen Branchen: Wenn ich einen Supermarkt betreibe, brauche ich genügend Mitarbeitende an der Kasse. Wenn diese fehlen, läuft der Betrieb nicht. Das ist im Krankenhaus im Grunde genauso. Die Pflege muss als zentrales Fundament unserer Gesundheitsversorgung gesehen werden, in das investiert werden muss – in mehr Personal, in Weiterbildung und in eine Arbeitskultur, in der Leistung und Engagement anerkannt werden. Auch die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie halte ich für entscheidend. Zum Beispiel, indem man flexible Schichtdienstmodelle anbietet.

Neben der Personalproblematik hatten Sie auch schon die berufliche Eigenständigkeit der Pflege angesprochen. Politisch soll hier mit dem Pflegekompetenzgesetz etwas vorangehen. Erhalten Pflegekräfte dadurch tatsächlich mehr Eigenverantwortung?

Edenharter: Ich stehe dem aktuellen Entwurf, der mittlerweile „Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“ heißt, positiv gegenüber. Künftig sollen Pflegefachpersonen bestimmte heilkundliche Leistungen eigenständig übernehmen können – etwas, wofür wir längst qualifiziert sind. Entscheidend wird sein, dass diese neuen Befugnisse gut umgesetzt werden: mit klaren Rahmenbedingungen, ausreichenden Ressourcen und einer Haltung, die das vorhandene Know-how der Pflege wirklich anerkennt und nutzt.

Welche Auswirkungen hätte das Gesetz konkret für Sie und Ihre Kollegen bei den Barmherzigen Brüdern?

Edenharter: In unserem Krankenhaus arbeiten wir schon heute sehr gut im interprofessionellen Team zusammen. Mit dem neuen Gesetz könnten wir Ressourcen noch effizienter einsetzen, zum Beispiel in der Wundversorgung oder bei der Betreuung von chronisch kranken Menschen. Wenn Pflegefachpersonen hier mehr Verantwortung übernehmen, spart das Zeit und beschleunigt die Abläufe, was die Versorgung der Patienten verbessert.

Wenn es um die Zukunft der Pflege geht, ist mittlerweile viel von Robotik und Künstlicher Intelligenz die Rede. Wird Technik den Pflegealltag verändern?

Edenharter: Vieles ist längst Realität. Digitale Dokumentationssysteme, technische Assistenzlösungen und erste robotische Hilfen sind bereits im Einsatz. Der größte Nutzen von KI liegt darin, den Alltag zu erleichtern – etwa indem sie bei der Dokumentation unterstützt oder Abläufe automatisch plant. Wichtig ist aber, dass Pflegende von Anfang an einbezogen und geschult werden. Technik kann entlasten, damit wir mehr Zeit für die direkte Pflege am Menschen haben. Den persönlichen Kontakt ersetzen, kann sie nicht.