Regensburger Ethiker über Zukunft der Medizin: „Wir brauchen gut erreichbare Arztpraxen“

Von Marion Neumann · 2. Juni 2025 um 15:00

Wie lassen sich Forschung und Ethik vereinbaren – und wie sieht eine gerechte medizinische Versorgung aus? Das sind Fragen, mit denen sich Prof. Dr. Rupert Scheule beschäftigt. Im Interview spricht der Moraltheologe, der den Studiengang Perimortale Wissenschaften an der Universität Regensburg leitet und Mitglied im klinischen Ethikkomitee des Uniklinikums ist, über Ärztemangel und die Gefahr einer Zwei-Klassen-Medizin.

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Herr Prof. Dr. Scheule, was ist das Interessante daran, Medizin aus ethischer Perspektive zu betrachten?

Prof. Dr. Rupert Scheule: Medizin ist ein Bereich, der uns als Menschen ganz nah kommt. Sie macht etwas mit uns als Person, mit unserer Leiblichkeit, aber auch mit unserer seelischen Verfassung. Da sehen wir Ethiker uns auf den Plan gerufen. Mit dem medizinischen Fortschritt wächst auch die Menge an Entscheidungen, die getroffen werden können. Soll eine Therapie für einen Schwerkranken noch fortgesetzt werden oder nicht? Solche Fragen hat man sich früher nicht gestellt, weil es diese Möglichkeiten gar nicht gab.

Ist medizinischer Fortschritt denn aus ethischer Sicht eine positive Entwicklung?

Scheule: Grundsätzlich ist der Fortschritt in der Medizin etwas, was man feiern sollte. In der Krebsforschung beispielsweise passiert sehr viel. Dass Krebs laut Onkologen immer seltener ein Todesurteil sein wird, sondern dass Möglichkeiten gefunden werden, trotz der Krankheit weiterzuleben, ist etwas, das uns positiv in die Zukunft blicken lassen kann. Auch wenn sich daraus für uns Ethiker Folgefragen ergeben.

Was sind das für Fragen?

Scheule: Es geht um die Verhältnismäßigkeit. Wie viele Ressourcen werden in der Krebsforschung eingesetzt, die anderswo fehlen? Bei der Frage, wie viel Aufwand und finanzielle Mittel wir in Europa in die Erforschung von Krankheiten stecken, dürfen wir die restliche Welt nicht vergessen. Aus der Ecke des sogenannten effektiven Altruismus gibt es dazu harte Vorschläge. Würde es nicht weit mehr Leben retten, in Moskitonetze zu investieren und diese auf der Welt zu verteilen, statt teure individualisierte Forschung zu betreiben? Meine Position ist, dass wir versuchen sollten, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Wir müssen immer den Einzelnen sehen – ob das der Mensch aus Regensburg oder aus Sierra Leone ist.

Das Thema Ungleichbehandlung sorgt auch innerhalb Deutschlands für Diskussionen – Stichwort Krankenversicherung. Steuern wir auf eine Zwei-Klassen-Medizin zu?

Scheule: Das ist ein komplexes Feld. Man sollte bedenken, dass Privatversicherte nicht automatisch in allen Bereichen bessergestellt sind. Eine kinderreiche Familie, die sich privat versichern muss, zahlt sehr viel, weil es keine Familienversicherung gibt. Auch bei bestimmten psychischen Erkrankungen sind manche privaten Krankenkassen weniger gut ansprechbar als gesetzliche Kassen.

Gerade bei der Terminvergabe fühlen sich aber viele gesetzliche Versicherte benachteiligt. Während ein Privatpatient beim Facharzt für den nächsten Tag einen Termin angeboten bekommt, müssen Kassenpatienten oft wochenlang warten. Ist das nicht ungerecht?

Scheule: Das Problem ist meiner Meinung nach ein viel größeres. Niemand hat was davon, wenn die ärztliche Flächenversorgung zusammenbricht. Wir brauchen gut erreichbare Arztpraxen, nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land. Das funktioniert nur, wenn der Arztberuf attraktiv bleibt – und dazu zählt auch die Vergütung. Ungefähr zehn Prozent der Deutschen sind privat krankenversichert, aber das Einkommen der Ärzte kommt zu mehr als 20 Prozent von diesen Leuten. Eine solidarischen „Bürgerversicherung“, bei der alle in eine Kasse einzahlen und die ich als Ethiker grundsätzlich befürworte, müsste dieses Problem anders lösen. Abseits des Versicherungsthemas sollte aber nicht nur die Terminvergabe, sondern auch der Arztbesuch an sich effizienter gestaltet werden.

Und wie werden diese Dinge effizienter?

Scheule: Die Bürokratie ist eine riesige, unheilvolle Krake, auch im Gesundheitswesen. Da muss politisch gegengesteuert werden. Das Primärarztsystem etwa, das die neue Bundesgesundheitsministerin ins Spiel gebracht hat und in dem der Hausarzt eine kompetente Lotsenfunktion bekommt, halte ich für eine gute Sache. Ich glaube auch daran, dass die elektronische Patientenakte zu mehr Effizienz führen wird – auch wenn es gerade noch schleppender vorangeht als erwartet.

Trotz Reformen und Fortschritts in der Medizin: Können Sie nachvollziehen, dass Menschen besorgt in die Zukunft blicken? Gerade, was die Versorgung im Alter betrifft?

Scheule: Ja – und da sollte sich auch niemand in die eigene Tasche lügen. Der Mangel an Ärzten und Pflegekräften ist eine Gefahr, auf die wir zusteuern. Wir sind ihr aber nicht einfach ausgeliefert. Was man selbst tun kann, ist, so gut wie möglich auf seine Gesundheit zu achten, um sich und seine Nächsten möglichst lange versorgen zu können. Ich würde außerdem empfehlen, sich Netzwerke aufzubauen, sogenannte Caring Communities. Dabei kann es sich um Pfarrgemeinden, Nachbarschaften oder auch Vereine handeln, in denen man sich koordiniert wechselseitig hilft. Auf dem Dorf wird das häufig noch stark gelebt. Ich sehe diese Communities als Zukunftschance – eher als das Abwerben von Pflegekräften etwa aus Brasilien, wo sie dann wiederum fehlen. Obwohl auch KI und Robotik bei der Pflege eine Rolle spielen werden, lässt sich menschliche Zuwendung nicht ersetzen.