Dialog zu personalisierter Medizin: Sieht so die Krebsforschung der Zukunft aus?

Um neue Strategien gegen Krebs ging es am Mittwochabend im Forschungsdialog zum Thema „Personalisierte Medizin“ im Degginger. PD Dr. Bernhard Polzer vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM stellte dabei neue Möglichkeiten der Diagnostik vor. In der anschließenden Diskussion ging es nicht nur um den Weg von der Forschung in die Praxis. Auch ethische Fragen spielten eine Rolle.
Wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen – so beschrieb PD Dr. Bernhard Polzer vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM die Bestrebungen, die unternommen werden, um die Behandlungsoptionen von Krebspatienten zu verbessern. Beim Forschungsdialog „Personalisierte Medizin – neue Strategien gegen Krebs“ am Mittwochabend im Degginger stellte er neue Möglichkeiten der Krebsforschung und der personalisierten Tumortherapie vor.
Wie Polzer erklärte, sei Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. In fast 90 Prozent der Fälle würden Betroffene jedoch nicht an Primärtumoren in Brust, Lunge oder Darm versterben, sondern an Metastasen, die sich im Körper ausbreiten. Neue Therapien könnten Leben heute schon verlängern. Doch häufig würden Krebszellen Resistenzen gegen Medikamente entwickeln.
Individuelle Therapien für den einzelnen Patienten
Wertvolle Erkenntnisse, um letztendlich individuellere Therapien für den einzelnen Patienten zu entwickeln, könne dabei in der Diagnostik die sogenannte Flüssigbiopsie, beziehungsweise „Liquid Biopsy“, liefern. Bei diesen minimalinvasiven Verfahren würden beispielsweise durch im Blut oder Nervenwasser zirkulierende Tumorzellen wichtige Informationen gewonnen.
„Das Problem ist, dass es sich bei Krebs nicht um eine statische Erkrankung handelt. Jede Zellteilung verändert den Tumor. Wir brauchen sozusagen den Fingerabdruck des Tumors, um die systemische Erkrankung zu identifizieren“, so der Experte. Diskutiert wurde dieser Einblick in die neueste Forschung bei der Veranstaltung, die im Rahmen der Reihe „AHA Forschungsdialog“ von acatech – der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Fraunhofer-Gesellschaft stattfand, anschließend bei einer Podiumsdiskussion.
Von der Forschung in die klinische Praxis
Geladen waren dazu neben Polzer Prof. Dr. Tobias Pukrop, Leiter der Onkologie sowie des Centrums für Translationale Onkologie und der Interdisziplinären Tagesklinik für Tumortherapie am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) und Prof. Dr. Rupert Scheule von der Universität Regensburg, der Mitglied des Klinischen Ethikkomitees am UKR ist.
Pukrop, ein „Mann aus der Praxis“, wie ihn Moderatorin Dr. Mareike Berger aus der acatech-Geschäftsstelle vorstellte, lieferte Einblicke, wie der Schritt aus der Forschung hinein in den klinischen Alltag gelingt. „Bei uns hat sich seit mehreren Jahren das Molekulare Tumorboard etabliert“, so der Mediziner. Dabei handle es sich um eine interdisziplinäre Tumorkonferenz, die Medikamenten-Empfehlungen anhand genetischer Veränderungen erarbeite, wenn klassische Therapien ausgeschöpft seien.
„Wichtig ist in Bezug auf personalisierte Medizin aber auch, dass sich die Sprache anpasst“, fügte er hinzu. „Eine Krebsdiagnose ist in vielen Fällen kein Todesurteil mehr. Doch oft wird noch sehr in schwarz-weiß gedacht. Es liegt auch an der Sprache, die noch sehr traditionell und noch nicht in der Zukunft angekommen ist.“
Auch ethische Fragen spielen eine Rolle
Aus ethischer Perspektive betrachtete Scheule die Thematik. „An sich ist personalisierte Medizin etwas sehr Gutes. Man darf sie aber nicht verwechseln mit ‚persönlicher‘ Medizin. Hier geht es um Entwicklungen auf der molekularen Ebene.“ Dennoch könne man es „als Ethiker nur feiern“, wenn der Mensch in der Medizin als Individuum genauer betrachtet werde, als dies noch vor 20 Jahren der Fall war.
Durch jeden Einzelfall generieren wir mehr Wissen.
PD Dr. Bernhard Polzer, Fraunhofer ITEM
Ein anderer Punkt, der bei den neuen Möglichkeiten der Krebsforschung eine Rolle spiele, sei „die Gerechtigkeitsfrage“, merkte Scheule noch an. „Mein Eindruck ist, dass diese ganze Nummer nicht ganz billig ist. Wann kommt das, was Sie machen, in Somalia oder Mosambik an?“, wandte er sich an Polzer. Dieser entgegnete, dass neben verschiedener Fördermaßnahmen für die Forschung auch die Klinik selbst viel Geld investiere. „Und es ist auch so, dass wir durch jeden Einzelfall mehr Wissen generieren.“
Generell sei es für die Zukunft der Krebsforschung sowie grundsätzlich für die Medizin wichtig, dass nicht nur Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen eng zusammenarbeiten und netzwerken. „Die Bevölkerung muss eingebunden werden. Das muss in den Vordergrund rücken.“