Regensburger Hörakustikmeister: „Viele Menschen haben Angst vor Hörgeräten“

Dass Menschen gut hören, ist für Bernd Dotterweich eine Herzensangelegenheit. Als Sachverständiger für Hörakustik und Leiter einer Filiale von Schiller & Gebert Hörgeräte im Stadtwesten erlebt der Hörakustikmeister allerdings häufig, dass Kunden bei der Suche nach dem passenden Gerät bereits eine kleine Odyssee hinter sich haben. Im Interview erklärt er, wie er Betroffene mit seinem kürzlich erschienenen Ratgeber „Die Gehör-Defibrillator Methode“ unterstützen möchte – und warum lauteres Hören nicht immer gleich besseres Verstehen bedeutet.
Bei einer Sehschwäche ist es ganz normal, zum Optiker zu gehen, um sich eine Brille machen zu lassen. Wer schlecht hört, zögert dagegen oft lange, bevor er den Gang zum Hörakustiker wagt. Warum ist das so, Herr Dotterweich?
Bernd Dotterweich: Eine Brille ist über die letzten 20, 30 Jahre hinweg zu einem Mode-Accessoire geworden. Vor einem Hörgerät haben dagegen tatsächlich immer noch viele Menschen Angst. Sie assoziieren damit, alt, gebrechlich und nicht mehr leistungsfähig zu sein. Viele zögern auch, weil sie an die Geräte ihrer Großeltern denken. Die waren groß, laut und haben gepfiffen – und wenig gebracht. Dabei gibt es heutzutage High-Tech-Hörgeräte, die sogar mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Man kann damit nicht nur hören, sondern auch Musik streamen oder telefonieren.
Sind solche Geräte denn der Standard?
Dotterweich: Der Markt entwickelt sich immer weiter in diese Richtung. Teilweise sind diese Funktionen sogar schon bei zuzahlungsfreien Hörgeräten vorhanden. Die Industrie ist bestrebt, den Menschen ihre Lebensqualität zurückzugeben. Ich bin überzeugt: In spätestens 20 Jahren wird ein Hörgerät genauso akzeptiert sein wie eine Brille.
In Ihrem Buch beschreiben Sie aber, dass viele Menschen, die sich ein Hörgerät anschaffen, damit erst einmal nur lauter hören, aber nicht besser verstehen. Was läuft da schief?
Dotterweich: Ich erkläre es den Kunden immer so: Hören passiert im Ohr. Verstehen aber im Kopf. Ein Hörgerät kann nur das liefern, was der Kopf vorher trainiert hat – und je länger man beim Hörverlust wartet, desto mehr vergisst man, wie sich die Welt angehört hat.
Und wie lässt sich Hören trainieren?
Dotterweich: Hörtraining ist wie eine Reha für den Kopf. Das Verstehen, gerade in schwierigen Situationen, muss erst wieder erlernt werden. Man kann dazu Bücher lesen, CDs hören oder auch bei den Terminen beim Hörakustiker üben. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass wir die Dinge, die wir hören, in Bildern verstehen. Dann fällt es auch wieder leichter, Geräusche einzuordnen, die anfangs mit Hörgerät vielleicht ungewohnt oder merkwürdig klingen.
Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie einen Ratgeber zu diesem Thema geschrieben haben?
Dotterweich: In erster Linie aus Frust. Ich bekomme immer wieder mit, dass Menschen in der Hörakustik nicht ernst genommen werden und letztendlich enttäuscht sind. Dass sie schon bei fünf verschiedenen Hörakustikern waren, aber nicht nach ihren Wünschen beraten worden sind. Deshalb geht es in meinem Buch nicht nur um Hörtraining, sondern generell darum, wie eine vernünftige Versorgung ablaufen sollte. Wichtig ist, dass es eine Symbiose aus Technik und Beratung gibt. Nur, wenn beides gut ist, klappt es für den Kunden mit dem Verstehen.
Wann ist es generell an der Zeit, über ein Hörgerät nachzudenken?
Dotterweich: Menschen gehen zu spät zum Hörakustiker – das ist ein unterschätztes Problem. Laut Statistiken vergehen bis dahin mindestens sieben Jahre. Dabei gibt es wissenschaftliche Studien dazu, dass schlecht hören Depressionen begünstigt und Demenz fördert. Ich erlebe es tagtäglich bei meiner Arbeit: Kunden haben sich von ihrem Umfeld zurückgezogen, sind nicht mehr gerne zum Stammtisch oder auf Familienfeier gegangen. Daher gilt: Je früher man das Thema angeht, desto besser.
Im Umgang mit diesen Kunden ist sicherlich Fingerspitzengefühl gefragt.
Dotterweich: Ein Hörakustiker ist nicht nur Techniker. Er ist auch Zuhörer, Berater und Motivator – und manchmal auch ein klein wenig Psychologe. Empathie im Umgang mit den Kunden ist also ganz entscheidend. Es muss eine vertrauensvolle Basis entstehen, die mit der Zeit wächst.
Info: Für wen ist das Buch geeignet?
• Zielgruppe: Das Buch „Die Gehör-Defibrillator® Methode – Ein Ratgeber, wie du entscheiden kannst, welcher Hörakustiker dein Gehör verdient!“ soll Menschen bei der Suche nach dem passenden Hörgerät begleiten.
• Verlag: Erhältlich ist das Buch bei Amazon sowie bald auch als Hardcover über den Tredition Verlag.
