Bald soll sich die Arbeit im Alter auch für Regensburger auszahlen

Regensburger finden die von der künftigen Bundesregierung geplante Aktivrente gar nicht schlecht. Rentner sollen künftig 2000 Euro steuerfrei dazuverdienen können. Das sagen Chauffeure des Airportliners, eine Fußpflegerin und ein Donau-Kapitän dazu.
In einer Stunde wird Klaus Murr Fahrgäste zum Münchner Flughafen bringen. Die blaue Chauffeursjacke trägt der 72-Jährige bereits, der Shuttle-Bus wartet. Murr fährt Vollzeit für den Airportliner. Deshalb freuen ihn die Pläne von Union und SPD, die Rentnern einen steuerfreien Zusatzverdienst von 2000 Euro monatlich ermöglichen wollen. „Ich würde profitieren. Jedes Jahr zahle ich Einkommensteuer nach.“ Der frühere Kfz-Mechaniker und Gastronom fährt vor allem, um seine Tochter unterstützen zu können, die im teuren Helsinki studiert.
Seine Kollegen Marion (72) und Herbert Kynast (76) sowie Karl Schaller (72) fahren weniger. „Für uns soll es ein Hobby sein“, sagt Kynast, ein früherer Berufsschullehrer. Die Ehefrau ergänzt: „Das Wichtigste ist, man kommt raus.“ Den Berliner Vorstoß begrüßen sie.
Hohe Einbußen drohen
Brigitte Riebel-Adams behandelt auch mit 76 Jahren noch täglich Kundinnen. Sie leitet ein Geschäft für medizinische Fußpflege in der Obermünsterstraße und hat nach wie vor Spaß an ihrem Beruf. „Ich kriege meine Rente schon lange – und zahle Steuern. Geschenkt wird dir ja nichts“, sagt die Seniorin. Die Idee der künftigen Bundesregierung findet sie nicht schlecht. Riebel-Adams arbeitet oft ganztags. Das viele Sitzen macht ihr nichts aus. „Ich habe eine Aufgabe. Die Arbeit hält mich fit.“
Die Erwerbsbeteiligung der über 60-Jährigen steigt in Deutschland kontinuierlich, stellt das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Studie vom Februar 2025 fest. 38 Prozent der Rentnerinnen und Rentner sind demnach erwerbstätig. Mehr als zwei Drittel davon sind vorher selbstständig gewesen und rund ein Drittel war angestellt.
Statistisches Bundesamt beziffert den Anteil der arbeitenden Rentner auf 20 Prozent
Das IAB kommt auf eine höhere Zahl als das Statistische Bundesamt, weil es alle Erwerbstätigkeiten von Rentnern unabhängig von deren Dauer und Stundenumfang bis zu zehn Jahre nach Renteneintritt berücksichtigt. Das Statistische Bundesamt beziffert den Anteil der arbeitenden Rentner auf 20 Prozent. Die Autorinnen der IAB-Studie erklären warum: Das stelle nur einen Querschnittswert für ehemals sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Jahr 2023 dar.
Die Aktivrente könnte den Senioren und Unternehmen entgegenkommen. Denn zurzeit verabschiedet sich die große Generation der Babyboomer vom Berufsleben. Das verschärft den Fachkräfteengpass. Dank des Berliner Vorstoßes könnten Rentnerinnen und Rentner ihre Altersbezüge erhöhen und Firmen wichtige Fachkräfte halten.
Potenzial Älterer müsse besser ausgeschöpft werden
Sibylle Aumer von der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim sagt, die Aktivrente sei aus Sicht der Wirtschaft und der IHK sinnvoll. Sie steigere den Anreiz, über das Renteneintrittsalter hinaus erwerbstätig zu sein. „Aktuell haben wir zwar eine konjunkturelle Schwäche, mittel- und langfristig brauchen die Unternehmen aber aufgrund des demografischen Wandels dringend zusätzliche Arbeitskräfte.“ Das Potenzial Älterer müsse besser ausgeschöpft werden, fordert die stellvertretende Bereichsleiterin Regionalpolitik und Arbeitsmarkt.
Der IHK-Arbeitsmarktradar 2025 zeigt: Sollten künftig nicht die verstärkte Integration älterer Arbeitnehmer, eine qualifizierte Zuwanderung und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen gelingen, drohen der Wirtschaft in der Oberpfalz und im Landkreis Kelheim bis zum Jahr 2028 Einbußen von bis zu 3,5 Milliarden Euro an Wertschöpfung.
Aber natürlich will und kann nicht jeder weiterarbeiten. Kapitän Jürgen Schwarz von der Personenschifffahrt Klinger begrüßt die Aktivrente grundsätzlich. Für sich selbst kann er sich das nicht vorstellen.
Zwischen April und Oktober steuert er die MS Johannes Kepler auf der Donau. „Das ist einer der schönsten Berufe, die ich mir vorstellen kann“, schwärmt der 65-Jährige. Vor allem die Strudelfahrten begeistern ihn. Trotzdem wird er nach dieser Saison aufhören. „Jetzt beginnt ein anderer Lebensabschnitt und fertig. Ich werde die Freiheit genießen.“
Zusammen mit seiner Frau möchte Jürgen Schwarz die Rente auf seinem kleinen Bauernhof in Bernhardswald genießen. Wenn ihn die Schifffahrt Klinger braucht, wird der Kapitän aber einspringen.
Frauen brauchen das Geld
Doch viele brauchen das Geld. Laut IAB trifft das bei 42 Prozent der berufstätigen Rentnerinnen und bei 29 Prozent der Rentner zu. Der Mehrheit bereite der Job Freude. „Unsere Rentner und Pensionisten machen das mit Leidenschaft“, betont Geschäftsführerin Kerstin Gietl vom Airportliner. Chauffeur Klaus Murr steigt lächelnd in den Wagen.
Das Vorhaben
Aktivrente: Union und SPD in Berlin wollen, dass Rentner künftig 2000 Euro monatlich steuerfrei dazuverdienen können. Das steht im Koalitionsvertrag.
Abzüge: Lediglich Beiträge für die Kranken- und Pflegekasse werden abgezogen (nicht mehr zur Arbeitslosen- oder Rentenversicherung).

