Rentnerinnen in Regensburg: „Mir bleiben höchstens ein paar Euro“

Vor allem Frauen in Regensburg sind im Alter arm. Aber auch der Großteil der Männer bezieht keine üppige Rente. Ein Gewerkschafter warnt vor Minijobs und prangert Niedriglöhne an.
Kurz bevor die Tafel aufsperrt, wächst die Warteschlange an der Abensstraße. Dann geht es Schlag auf Schlag. Chefin Jonah Lindinger kontrolliert die Ausweise. Zügig verteilen die Ehrenamtlichen in der Ausgabehalle Brot, Salat und Gemüse. Der Montag ist Frauentag. Unter den Wartenden sind viele Rentnerinnen. Teamleiterin Gabriele Ziegler kümmert sich darum, dass stets alle Theken mit Lebensmitteln gefüllt sind. In ihrem Ehrenamt sieht sie die Regensburger Armut. „Ich erlebe ältere Menschen, vor allem Frauen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und sich keinen Cappuccino leisten können.“ Die hohen Mieten machten gerade Rentnerinnen zu schaffen.
Sie haben oft Kinder erzogen, in Minijobs gearbeitet und blicken im Alter auf eine lückenhafte Erwerbsbiografie. Auch viele Männer in Regensburg und dem Landkreis beziehen niedrige Renten, wenn sie nicht privat vorsorgen konnten.
Knapp 900 Euro Rente
Mit ihrem Trolley bewegt sich Gisela H. langsam in der Schlange vorwärts. Sie deckt sich hier jede Woche mit Lebensmitteln ein. Nach Abzug der Miete und sonstiger Fixkosten von ihren 1200 Euro Rente verfügt die Witwe noch über rund 300 Euro. „Mir hilft die Tafel schon viel“, sagt sie. „Die Lebensmittel sind teuer geworden.“ Gerne würde die 75-Jährige ins Bauerntheater gehen. „Ich habe ja sonst nicht viel zu lachen.“ Doch das kann sie sich nicht leisten. Schuhe, Medikamente, Friseur und Fußpflege sind wichtiger. „Letztendlich bleiben mir höchstens ein paar Euro.“ Die gelernte Hauswirtschafterin hat vier Kinder großgezogen. Später hat sie als Reinigungskraft gearbeitet. Ihr Mann war Lagerist.
Der DGB Bayern hat im März den neuen Rentenreport herausgegeben. Mit Blick auf diese Zahlen stellt der Regensburger Gewerkschaftschef Christian Dietl fest, das sozialstaatliche Grundversprechen, nach einem langen Arbeitsleben eine ausreichende Rente zu erhalten, erfülle sich für viel zu viele Menschen in Regensburg nicht. Laut Report haben Männer, die 2023 in der Stadt erstmals eine Altersrente bezogen haben, durchschnittlich 1205 Euro erhalten (Landkreis: 1432 Euro). Frauen mussten mit 892 Euro (Landkreis: 880 Euro) auskommen. „Die Beträge liegen teilweise, besonders bei Frauen, deutlich unter der bayerischen Armutsgefährdungsschwelle von 1322 Euro im Jahr 2023“, betont Dietl.
Der DGB-Kreisvorsitzende und Regionsgeschäftsführer fordert eine Stabilisierung und perspektivische Anhebung des Rentenniveaus auf 50 Prozent sowie mehr Tarifbindung. Die neue Bundesregierung fordert er zum Handeln auf. Niedriglöhne, die besonders auch im Landkreis überdurchschnittlich verbreitet sind, müssten zurückgedrängt werden.
Tafel ermöglicht das ein oder andere „Schmankerl“
Von 1250 Euro Rente lebt eine 73-jährige Regensburgerin, die sich ebenfalls in der Abensstraße das Essen holt. „Ich komme nur schlecht damit zurecht“, sagt die geschiedene Frau, die 45 Jahre voll berufstätig war. Mehr als 600 Euro monatlich überweist sie für ihre Sozialwohnung an die Stadtbau. „Ich komme ohne Tafel nicht über die Runden. Dann müsste ich auf Butter und frisches Gemüse verzichten.“ Urlaub kommt nicht infrage. Die Seniorin, die viel jünger aussieht, gibt dem Gewerkschafter Dietl recht. Ihre Forderung: Die Rente solle so hoch sein wie das letzte Monatsgehalt. Sie hat als Erzieherin in der Kita gearbeitet, ist zu Siemens und dann zu Continental in die Produktion gewechselt. Die Ehrenamtliche Gabriele Ziegler beobachtet, dass sich die Rentnerinnen und Rentner meist „dieses kleine Schmankerl dazu nicht leisten können“. Damit meint sie Theaterkarten oder ein Essen im Lokal, also gesellschaftliche Teilhabe. Die Tafel entlaste und ermögliche das eine oder andere „Schmankerl“.
Laut DGB Regensburg ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten im unteren Lohnbereich (weniger als 2598 Euro brutto) 2023 in Regensburg bei knapp zwölf Prozent gelegen (Landkreis: 16,5 Prozent). Zugleich waren über 28 000 Menschen (Landkreis: 17 625) ausschließlich geringfügig beschäftigt.
Der Minijob als Risiko
Die Minijobs kritisiert Christian Dietl scharf. Sie verdrängen sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Minijobber arbeiten oft unterhalb ihrer Qualifikation für Niedriglöhne.
Die Tafel unterstützt etwa 5000 Menschen pro Woche. Jonah Lindinger bittet um Geldspenden, denn die seien zurückgegangen: Tafel Regensburg, IBAN: DE27 7505 0000 0026 9718 20, BIC: BYLADEM1RGB

