Raus aus der Notunterkunft: Fünf Familien ziehen in normale Wohnungen

Von Marion Koller · 13. September 2024 um 17:00

Die Wand im Hausgang müsste gestrichen werden. Auf der Treppe liegen Müll und ein altes, schwarzes Sweatshirt. Vor einer Tür verteilen sich zig Paar Schuhe. Das Büro der Familienwerkstatt befindet sich in der Notunterkunft Aussiger Straße in Regensburg. Sozialpädagogin Ina Norgauer arbeitet inmitten der Menschen, denen sie helfen will.

In der heruntergekommenen Anlage leben gegenwärtig 92 Kinder und Jugendliche sowie 84 Erwachsene. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei sieben Jahren. Kinderreiche und bedürftige Familien haben auf dem überhitzten Regensburger Wohnungsmarkt keine Chance. Die Familienwerkstatt e. V. und die Stadt wollen in enger Zusammenarbeit erreichen, dass sich die Verweildauer verkürzt.

Sprachbarriere als Problem

Ina Norgauer öffnet die Tür und bietet einen Platz an dem kleinen, überfüllten Bürotisch. Arme Familien, die aus der Wohnung geflogen sind, bitten oft beim Amt für Soziales um Hilfe. Die Behörde entscheide, ob die Betroffenen von Obdachlosigkeit bedroht seien. Trifft das zu, kommen sie zunächst in die Notunterkunft Aussiger Straße. „Das große Problem ist, es gibt in Regensburg und dem Landkreis keine Wohnungen für große Familien“, sagt die Sozialpädagogin.

Hinzu kommen weitere Probleme. Die Familien, oft mit Migrationshintergrund, verstehen nur wenig Deutsch, verstauen ihre Dokumente ungeordnet in Plastiktüten, haben keinen Überblick über ihre finanzielle Situation. „Die Eltern arbeiten als Reinigungskräfte, bei DHL, bei BMW am Band“, sagt Ina Norgauer. „Manche haben kleine Kinder und keinen Kitaplatz. Wie soll man mit einem Kleinkind an der Seite Formulare ausfüllen?“ Bei der Stadtbau sei die Chance auf eine Wohnung am besten. Aber auf das selbstständige Wohnen müssen die Menschen vorbereitet werden. Das machen Familienwerkstatt und Stadt. „Wenn sie ihre Unterlagen im Griff haben, wäre das der erste Schritt zur Wohnungsfähigkeit“, sagt Norgauer.

Sozialbürgermeisterin Astrid Freudenstein hat eine Arbeitsgruppe Obdachlosenunterbringung Aussiger Straßer gegründet, in der die Stadtbau, das Jobcenter, Stadtteilprojekte, das Sozialamt und das Amt für Jugend und Familie kooperieren. „Das ist wichtig, wir brauchen die direkten Ansprechpartner, den kurzen Weg“, sagt Christina Papadakis, Leiterin der Familienwerkstatt, die zum Gespräch dazugestoßen ist. Die Vernetzung sei gelungen. Oft würden einzelne Schicksale betrachtet und Lösungen für Härtefälle gesucht. „Die Entscheider sind dabei.“ Das Zwischenergebnis nach etwa einem Jahr: Fünf Familien sind in Wohnungen umgezogen. In drei Fällen handelt es sich um Stadtbau-Räume. Zwei Familien sind in einem alten Haus der Kommune untergekommen, das jahrelang leerstand.

Begonnen hatte die soziale Arbeit vor Ort 2021 mit einer Bestandsaufnahme in der Aussiger Straße. Damals stellte sich heraus, dass die überwiegende Zahl der Haushalte keinen Wohnberechtigungsschein oder Vormerkbescheid hatte. Das ist aber ist die Voraussetzung, um sich um eine Sozialwohnung bewerben und aus der Notwohnanlage ausziehen zu können.

Ohne Wohnberechtigungsschein geht gar nichts

Daraufhin startete das Regensburger Sozialreferat eine Sofortmaßnahme: Der Allgemeine Sozialdienst und eine Fachkraft des Amts für Jugend und Familie betreuten von Herbst 2021 bis Ende Juni 2022 intensiv die untergebrachten Familien. Zum Schluss hatten immerhin 21 der damals 38 untergebrachten Haushalte einen Vormerkbescheid.

Seit September 2023 ist als Modellprojekt in der Notwohnanlage eine soziale Betreuung tätig. Die vom Freistaat getragene Wohnungslosenhilfe Nordbayern finanziert die Stelle der Sozialpädagogin Ina Norgauer. Zusätzlich unterstützt der Allgemeine Sozialdienst beim Amt für Soziales die Arbeit.

Hilft Bewohnern der Aussiger Straße: Ina Norgauer. Foto: Tino Lex