Interviews: Regensburger Arme schämen sich und fühlen sich isoliert

Frauen und Migranten müssen auch im wohlhabenden Regensburg oft jeden Cent umdrehen. Wissenschaftler von der Ostbayerischen Technischen Hochschule erarbeiten einen Armutsbericht für die Stadt und haben Betroffene befragt.
Nach wie vor ist Regensburg eine wohlhabende Stadt. Dennoch holen sich jede Woche rund 5000 Menschen ihre Lebensmittel bei der Tafel. Etwa 400 Rentner decken sich alle zwei Wochen bei den Rengschburger Herzen mit Essen ein. Nur dank des Stadtpasses können sich mehr als 6400 wirtschaftlich Schwächere den Sprung ins Westbadbecken oder die Busfahrt mit dem Regensburger Verkehrsverbund leisten.
An der Armutsschwelle haben 2023 laut dem Mikrozensus, der größten Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik, 16,5 Prozent der Stadtbevölkerung gelebt (gemessen am Landesmedian). Diese Regensburger haben weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung. Bei einem Single sind das monatlich 1189 Euro netto, bei einem Paar 1783 Euro und bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren 2496 Euro. In Regensburg ist die Armutsquote sogar höher als bayernweit. Im Freistaat müssen 14,8 Prozent jeden Euro umdrehen.
Gefühl der Isolation
2011 hat die Stadt ihren letzten Armutsbericht veröffentlicht. Jetzt nimmt sie erneut Anlauf. Die beiden OTH-Professoren Ina Schildbach und Wolfram Backert von der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften und zwei Hilfskräfte, darunter der Masterstudent Tobias Kraus. erarbeiten die Studie. Daten liefert die Stadt. Im März kommenden Jahres sollen die Ergebnisse und Handlungsvorschläge vorliegen.
„Ich glaube, die Stadt ruht sich darauf aus, dass sie als reich wahrgenommen wird“, sagt Tobias Kraus (31). Es werde ausgeklammert, dass viele Menschen in prekären Verhältnissen leben. Die Wissenschaftler haben zahlreiche Interviews mit Experten und Betroffenen geführt. „Wir wollen verstehen, was es heißt, in Regensburg arm zu sein.“ Sie haben untersucht, welche Gruppen besonders betroffen sind.
Einsamkeit und Isolation
„Auffallend ist die Altersarmut, besonders bei Frauen und Migranten“, sagt Schildbach. Alle wirtschaftlich Schwächeren hätten von Einsamkeit und Isolation gesprochen. Die Betroffenen schämten sich und sagten, sie würden schief angesehen. Vor allem die Älteren fühlten sich schuldig, in ihrer Erwerbsbiografie zu wenig getan zu haben. „Dass das bei den Frauen mit der Kindererziehung zusammenhängt, ist gar nicht so im Bewusstsein“, erlebt Tobias Kraus.
Laut dem Sozialverband VdK sind fast 22 Prozent der über 65-Jährigen in Bayern armutsgefährdet (2022). Wegen der demografischen Entwicklung erwarten Fachleute eine starke Zunahme. Im Rentenreport Bayern 2023 des Deutschen Gewerkschaftsbunds wird die durchschnittliche Rente von Männern in der Oberpfalz mit 1266 Euro angegeben, bei den Frauen sind es nur 772 Euro.
Hohe migrantische Altersarmut in der Domstadt
Den Wissenschaftlern von der OTH ist aufgefallen, dass sich bei den Interviews niemand als arm bezeichnet hat, nicht einmal Rentnerinnen mit Altersbezügen von wenigen 100 Euro. Dass es in der Stadt keine konsumfreien Räume zum Treffen gibt, bemängelten viele Befragte. Die Regensburger mit ausländischen Wurzeln, ob Frau oder Mann, fühlten sich nicht anspruchsberechtigt. „Ich bin ja nicht richtig deutsch“, hieß es öfter.
Im Vergleich zu anderen bayerischen Städten ist die migrantische Altersarmut in der Domstadt höher. Warum das so ist, wollen die Sozialwissenschaftler herausfinden. „Das muss einen Ursprung haben in der früheren Wirtschaftsstruktur und im Anwerbeabkommen mit der Türkei“, vermutet Ina Schildbach. In der Region habe bis in die 70er-Jahre die Textilindustrie floriert, dann sperrten die Betriebe nach und nach zu.
„Breite Unterstützungslandschaft“
Die Professorin hat bisher 45 Menschen interviewt, darunter eine Türkin, die nach der Kindererziehung umschulen wollte. An der Sprachbarriere scheiterte der Wiedereinstieg. „So ging es vielen Frauen.“
Positiv sehen die Sozialwissenschaftler die „breite Unterstützungslandschaft“ in Regensburg. Senioren kommen zweimal pro Woche im Café bei den Rengschburger Herzen zusammen. Die Soziale Futterstelle unterstützt Tierhalter in Not. Die Tafel verteilt Lebensmittel, das Forum gegen Armut überlegt sich Strategien. Die Caritas berät und gibt Zuschüsse. Doch alle Sozialvereine bräuchten mehr Ehrenamtliche.
Plattform für Hilfesuchende
An der Rentensituation kann die Stadt natürlich nichts ändern. Aber sie könne etwa die vielen Hilfsangebote bekannter machen, meint Ina Schildbach. In Zusammenhang mit dem Armutsbericht werden 15 Bachelor- und Masterarbeiten geschrieben. Die Studierenden nehmen eine breite Themenpalette unter die Lupe: Auswirkungen des Klimawandels auf Armutsbetroffene in Regensburg, Auswertung des Stadtpasses in Bezug auf Kinder und Jugendliche, Wohnungslosigkeit von Frauen, Lage der Bewohner im Ankerzentrum.
Der Regensburger Armutsbericht wird auch im Web veröffentlicht. Die Situation soll mit Daten etwa zu Armut und Wohnen oder Armut und Migration dargestellt werden. Zugleich entsteht eine Plattform für Hilfesuchende.
Professorin Schildbach hat zwar Gelder eingeworben für den Armutsbericht, bräuchte aber noch einen Sponsor. Wer das Vorhaben unterstützen möchte, kann sich wenden an: ina.schildbach@oth-regensburg.de.
Das sagen Betroffene
Rente: „Eine Rente sollte so gestaltet sein, dass jeder ordentlich leben kann. Anlaufstellen wie die Lebensmittelausgaben sind sehr wertvoll. Selbst wenn man nur Waren für 30 oder 40 Euro bekommt, ist das für uns viel Geld.“
Einsamkeit: „Wenn Freunde essen gehen, dann kann man vielleicht alle zwei Monate mal mitgehen, die gehen aber alle zwei Wochen, dann hat man weniger Kontakt. So allgemein Freizeitmöglichkeiten ist halt schwierig, weil alles Geld kostet.“
Miete: „Ein Zimmer für 760 Euro. Ein Zimmer! Da ist meistens ein Bad dabei. Wenn es gutgeht, ist die Küche noch im Flur. Das ist so ein Problem, die überteuerten Mieten. Wie sollen sich das Rentner leisten?
