Besonderes Projekt: Mediziner und Pflegekräfte tauschen am Regensburger Uniklinikum die Rollen

Von Marion Neumann · 17. September 2025 um 05:00

Einen Tag lang neue Perspektiven einnehmen: Das können Medizinstudierende, Pflegestudierende und Auszubildende bei einem besonderen Projekt am Universitätsklinikum Regensburg. Bei verschiedenen Notfallszenarien wird der Mediziner zur Pflegekraft – und umgekehrt.

Video ansehen

Kurz, nachdem Romy Lutzke in ihrem Spätdienst als Pflegekraft das Patientenzimmer betritt, ist Herr Pfeffer nicht mehr ansprechbar. Der 34-jährige Patient hatte vor drei Tagen einen Autounfall erlitten und liegt seitdem mit mehreren Rippenbrüchen, einem gebrochenen Schlüsselbein und einer Lungenprellung im Krankenhaus. Romy Lutzke reagiert schnell. Sie drückt den Notrufknopf und beginnt mit der Reanimation. Es dauert nicht lange, bis eine Ärztin und eine weitere Pflegekraft eintreffen. Zu dritt übernehmen sie die Versorgung des Notfalls – jeder in seiner Rolle weiß genau, was er zu tun hat.

Doch was auf den ersten Blick wie gut eingespieltes Teamwork wirkt, ist für die drei jungen Frauen Neuland. Romy Lutzke ist nämlich eigentlich keine Pflegekraft, sondern Medizinstudentin im achten Semester – und auch Herr Pfeffer ist kein echter Patient, sondern eine lebensechte Puppe. Magdalena Ott, die bei diesem Szenario in die Rolle der Ärztin geschlüpft ist, ist im zweiten Ausbildungsjahr zur Pflegekraft – und Liza Konczvald, die sich in diesem Fall um Medikamente, Notfallwagen und Defibrillator kümmert, studiert Pflege an der OTH Regensburg.

Keine Berührungsängste

Dass sie an diesem Tag neue Perspektiven einnehmen, ist Teil eines Projektes am Universitätsklinikum Regensburg (UKR), das unter dem Motto „Voneinander lernen – füreinander da sein“ steht. Seit rund einem Jahr bietet die Klinik den interprofessionellen Kurs an, in dem Medizinstudenten, Pflegekräfte in Ausbildung und Studenten der Pflege zusammenkommen.

Wenn gutes Teamwork entsteht, wirkt sich das am Ende auch positiv auf die langfristige Versorgung der Patienten aus.

Verena Bosser, Praxisanleiterin

„So können die Teilnehmer schon während ihrer Ausbildung miteinander und voneinander lernen – und es entstehen keine Berührungsängste“, sagt Verena Bosser. Die Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege ist Praxisanleiterin des Projekts, für das Prof. Dr. Sabine Fredersdorf-Hahn, Oberärztin der Kardiologie am UKR, verantwortlich ist. Das Projekt mit dem Titel IP 23 ist der Fakultät für Medizin sowie dem Referat Ausbildung und Studium zugeordnet. Wie Bosser erklärt, spiele vor allem die Kommunikation untereinander eine wichtige Rolle. „Es lohnt sich, wenn die Beteiligten einmal den Blickwinkel des anderen einnehmen. Wenn gutes Teamwork entsteht, wirkt sich das am Ende auch positiv auf die langfristige Versorgung der Patienten aus“, sagt sie.

Verantwortung auf allen Seiten

Konstruktives und respektvolles Feedback zu geben – und auch anzunehmen – sei ebenfalls etwas, das zusammen im Kurs geübt wird. „Man sieht, was die andere Berufsgruppe kann – und welche Fertigkeiten und welches Fachwissen das Gegenüber mitbringt“, so die Praxisanleiterin.

Dass es anfangs gar nicht so einfach ist, sich in eine neue Rolle hineinzuversetzen – und dazu auch noch realistisch mit einer Reanimationspuppe zu agieren – beschreibt die Pflegestudentin Liza Konczvald im Anschluss an die Übung mit dem Fall von Herrn Pfeffer. „Es war nicht immer leicht, zu entscheiden, was getan werden muss“, sagt sie. „Man merkt, dass man sich in verschiedene Positionen unterschiedlich gut hineinversetzen kann.“

Für die Pflegeauszubildende Magdalena Ott war der Rollentausch, in dem sie die Position der Ärztin übernahm, ebenfalls eine ganz neue Erfahrung. „In meiner Ausbildung bekomme ich viel von der Seite des Pflegebereichs mit. Medikamente zum Beispiel werden auf Anordnung der Ärzte gegeben.“ Bei der Übung habe sie die hohe Verantwortung für diese Entscheidungen gespürt. Dass die Verantwortung auf allen Seiten groß ist, ist das Fazit von Romy Lutzke nach der Übung. „Man merkt, wie wichtig es ist, dass beide Berufe im Team miteinander funktionieren“, sagt die Medizinstudentin.

Mehr Sicherheit im Umgang mit Notfällen

Bevor das nächste Team aus Studenten und Auszubildenden mit einem neuen Szenario an die Reihe kommt, gibt auch Verena Bosser der Gruppe Feedback. „Vielleicht mag es sich nicht von Anfang an so angefühlt haben – aber ihr habt euch super auf den Fall eingelassen und Struktur reingebracht“, so ihre positive Rückmeldung.

Praxisanleiterin Verena Bosser (3. v. r.) weiß, wie wertvoll es ist, den Blickwinkel der anderen einzunehmen. - Foto: Marion Neumann

Die Gruppe habe erkannt, dass bei dem fiktiven Herrn Pfeffer ein sogenannter Spannungspneumothorax bestanden habe. Bei diesem lebensgefährlichen Notfall sammelt sich Luft im Brustkorb, weil die Lunge oder die Brustwand verletzt ist. Ärztin und Pflegekräfte haben in dieser Situation schnell und kompetent gehandelt. Denn auch darum gehe es bei dem Kurs, den es in dieser speziellen Form nach Bossers Wissen derzeit nur am UKR gebe: „Man bekommt Sicherheit im Umgang mit Notfällen und Stresssituationen.“