Was Fettpolster und Krebs verbindet? Regensburger Forscher belegt versteckte Gefahr

Der Regensburger Präventionsmediziner Michael Leitzmann hat tausende Patientendaten ausgewertet und dabei den Zusammenhang zwischen Übergewicht und der Bildung von Krebszellen näher untersucht. Die Ergebnisse zeigen ein deutlich höheres Krebsrisiko bei adipösen Menschen. Und das zu einem sehr frühen Zeitpunkt.
Herr E. ist schlank. Kein Bierbauch, keine Fettpolster über dem Hosenbund. Der Taillenumfang liegt unter 102 Zentimeter – also alles im grünen Bereich, wie die Untersuchung im Institut für Epidemiologie und Präventivmedizin am Universitätsklinikum Regensburg zeigt. Dennoch wird sein Bauchfett hier genauer unter die Lupe genommen – per Ultraschall. Denn Körperfett gibt es in zwei Ausprägungen. Und eine Variante birgt bei adipösen Menschen ein signifikant höheres Krebsrisiko.
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In seiner jüngsten Studie belegt der Regensburger Mediziner Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann, dass das Krebsrisiko bereits vor klinisch erkennbaren Störungen der Stoffwechsel- und Organfunktionen ansteigt. In einfachen Worten ausgedrückt: Übergewicht triggert Krebszellen – und das zu einem Zeitpunkt, wo sich die Menschen völlig gesund fühlen. „Das ist interessant, weil dieser Zusammenhang bisher nicht systematisch in einer großen Bevölkerungsstudie untersucht wurde“, sagt Leitzmann. Für seine Untersuchungen hat der Wissenschaftler auf die UK Biobank zugegriffen. Darin sind die medizinischen Langzeit-Daten von über 450 000 Erwachsenen gesammelt.
NAKO-Studie in Regensburg
In Regensburg werden im Rahmen der Beobachtungsstudie „NAKO“, die 2014 deutschlandweit gestartet ist, ebenfalls große Mengen an Daten erhoben. Auch dieses Material soll künftig zur Erforschung von Volkskrankheiten dienen. Und hier kommt wieder Herr E. ins Spiel. Er ist einer von rund 10 000 Probanden, die sich den verschiedenen Messungen und Untersuchungen unterziehen. Derzeit befindet sich das Projekt in Regensburg im dritten Durchlauf. Bis zu 30 Jahre werden die Probanden insgesamt durchs Leben begleitet. Mit den anonymisierten Daten von 200 000 Menschen, die in 18 Studienzentren betreut wurden, können Forschungsprojekte arbeiten. Besonders aussagekräftig für Studien sind etwa Daten, die Entstehung und Verlauf von Krankheiten im Langzeitvergleich dokumentieren.

Mit Verläufen hat sich auch Leitzmann in seiner Krebsstudie beschäftigt. Dafür hat er einen Zeitraum von knapp zwölf Jahren ausgewertet. In dieser Zeit wurden bei den 450 000 Probanden 47 060 Krebsfälle registriert. Für seine Auswertung legte der Mediziner ein neues Klassifikationssystem zugrunde. Er unterschied Krebserkrankungen bei präklinischer Adipositas – also Menschen, die zwar stark übergewichtig sind, aber nicht mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben und der sogenannten klinischen Adipositas, wenn also bereits Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Bluthochdruck oder organische Schädigungen diagnostiziert wurden.
Body-Mass-Index und Taillenumfang im Blick behalten
Und diese Klassifizierung zeigte, dass der Anteil adipöser Patienten ohne diagnostizierte Vorerkrankungen jenen der klinischen Adipositas bei den Krebsdiagnosen übersteigt. „Insgesamt war präklinische Adipositas für schätzungsweise 5,5 Prozent und klinische Adipositas für 4,3 Prozent der Adipositas-assoziierten Krebsfälle verantwortlich“, erläutert Leitzmann. „Dass es einen Zusammenhang gibt, war bereits aus der klinischen Forschung bekannt, dass sich das Krebsrisiko allerdings so früh entwickelt, hat diese Studie offenbart.“
Der Präventivmediziner empfiehlt deshalb sowohl den Body-Mass-Index (BMI) als auch den Taillenumfang im Blick zu behalten. Ein Taillenumfang bei Frauen von über 88 Zentimetern und bei Männern von über 102 Zentimetern in Kombination mit einem BMI über 30 sei gesundheitsgefährdend. „Hier sprechen wir von einer Fettsucht.“ Allerdings kommt ein weiterer Faktor hinzu, der die Gefahren durch Übergewicht noch einmal verstärkt.
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Für diese Untersuchung hat sich NAKO-Studienteilnehmer Herr E. nun auf die Liege begeben. Denn bei den Teilnehmenden dieser Gesundheitsstudie wird per Ultraschall abgeklärt, um welche Art von Fettgewebe es sich handelt. Das subkutane Fettgewebe, eine Fettschicht direkt unter der Haut, wird eher als ästhetisches Problem wahrgenommen, da es etwa Pölsterchen über dem Hosenbund produziert. Bedenklich ist dagegen das viszerale Fett, das sich in der Bauchhöhle um die Organe ansammelt. Es entsteht durch Faktoren wie falsche Ernährung, Stress, Bewegungs- und Schlafmangel und genetische Veranlagung. Bei Frauen tritt es zudem verstärkt nach der Menopause auf.
Wie hilft die Abnehmspritze?
Dieses viszerale Fett sei „stoffwechselaktiver“, sagt Prof. Leitzmann. Es produziert Botenstoffe, die einen chronischen Entzündungszustand auslösen und den Blutdruck wie auch die Insulinausschüttung beeinflussen. Und eben auch Krebszellen in Marsch setzen, wie die Studie ergab.
Der Body-Positivity-Bewegung steht Leitzmann deshalb differenziert gegenüber. Bei starkem Übergewicht sieht er die Abnehmspritze als probates Mittel, wenn mit einer Ernährungsumstellung, körperlicher Aktivität und psychologischer Betreuung keine Erfolge auf der Waage erzielt werden können. Denn Adipositas ist, wie die Studie einmal mehr zeigt, nicht nur ein Mehr an Körperfülle, sondern auch mehr Risiko für Krankheiten.
• Der Body-Mass-Index (BMI) errechnet sich aus dem Verhältnis von Größe und Gewicht. Der sich ergebende Wert wurde von der Weltgesundheitsorganisation klassifiziert in gesunde und behandlungsbedürftige Richtwerte.
• Ein BMI zwischen 18,5 kg/m² und 24,9 kg/m² gilt als „Normalgewicht“. Darunter liegende Werte werden als Untergewicht klassifiziert. Ab einem Wert von 30,0 gelten übergewichtige Personen als adipös, ab 35 als stark adipös.
• Laut Mikrozensus sind 16,8 Prozent der Deutschen adipös mit einem BMI über 30. Der größte Anteil davon findet sich in der Altersgruppe 70 bis 75 (21,4 Prozent). 45,3 Prozent der Deutschen gelten als normalgewichtig.