Das bittersüße Glück im Schokoladenrausch: Umjubelte Premiere in Regensburg

Das Musical „Charlie und die Schokoladenfabrik“ feierte am Theater Regensburg eine umjubelte deutschsprachige Erstaufführung – ein Fest der Phantasterei und des üppigen Musiktheaters im allerbesten Sinne.
Manchmal geht die Phantasie mit einem durch. Und dann passiert es sogar, dass Wünsche in Erfüllung gehen, weil einem das Glück zur Seite steht, wenn man damit gar nicht mehr rechnet. Zumindest geht das dem jungen bitterarmen Charlie Bucket so, der im Schatten einer riesigen Schokoladenfabrik aufwächst, während sich seine Familie nur mit Mühe in einer windschiefen und verlebten Barackenbehausung über Wasser hält.
Der geheimnisvolle Chocolatier und Fabrikbesitzer Willy Wonka sucht eine Nachfolge und verlost zu diesem Anlass fünf goldene Eintrittskarten. Was als harmloses Gewinnspiel beginnt, entpuppt sich als hartes Ausleseverfahren, in dem sich am Ende der liebenswerte Schokoladenliebhaber Charlie gegen seine Rivalen durchsetzt.
Die Geschichte des britischen Autors Roald Dahl schaffte es mit Hilfe von Jonny Depp als Wonka unter der Regie von Tim Burton vor 20 Jahren ins Kino, in London feierte 2013 das Musical Weltpremiere. Dass die deutschsprachige Erstaufführung ihren Weg nach Regensburg findet, ist angesichts des aktuellen Profils des designierten Staatstheaters nur folgerichtig. Alles, was schräg, knallbunt und überdreht inszeniert werden kann, scheint hier seinen Platz zu finden, da kommt ein solches Märchen gerade recht. Und es passt auch zu der aktuellen Besetzung des Musiktheaters, das Haus leistet sich herausragende Musical- oder Opernsänger und welche, die sogar beides können.
Alejandro Nicolás Firlei Fernández als Wonka: Ein Allrounder, der alles kann
Und das braucht es beim Cast des Stücks unter der sensiblen Regie von Ulrich Wiggers auch, ein Heer von Solisten fegt, singt und tanzt in zweieinhalb Stunden über die Bühne. Im Mittelpunkt stehen freilich Alejandro Nicolás Firlei Fernández als Wonka und Felix Rabas als Charlie. Fernández ist einmal mehr das Maß aller Dinge in seinem Fach, schauspielerisch und sängerisch entfaltet er seinen Zauber, egal in welcher Rolle, egal in welchem Genre und in welchem abstrusen Kostüm auch immer. Ein besessener Allrounder, der alles kann, ohne auch nur einen Millimeter an Ausdruck und Charisma herzuschenken. Seine Interpretation des düsteren eleganten Fabrikanten ist schillernd, faszinierend und unheimlich zugleich.
Felix Rabas ist daneben die perfekte Besetzung als Charlie, seine verspielte Kindlichkeit, sein helles Timbre und sein feines Schauspiel lassen schnell vergessen, dass hier ein ausgewachsener Musicalsänger einen verträumten Jungen spielt.
Beide werden flankiert von bestens gelaunten Kolleginnen und Kollegen, die in ihren herrlich überzeichneten Rollen (Ausstattung: Kristopher Kempf) ein Feuerwerk an überdrehten Charakteren abbrennen. Die sonst elegant mondäne Fabiana Locke torkelt dabei in fast völliger Unkenntlichkeit als versoffene Frau Glotzer durch die Szenerie, im Fatsuit einer völlig überfressenen Bajuwarin brilliert Esther Baar mit Mut zur Hässlichkeit als exzellente Komödiantin. Auch für sie gilt: Was kann sie eigentlich nicht spielen, nicht singen?
Warmherzig zerzaust gibt Topm Zahner den Grandpa Joe, er führt den Reigen bestens besetzter kleiner und größerer Nebenrollen an. Und wenn auch dann noch der Opernchor und die Kinder des Cantemus Chores als roboterhafte Armee der Umpa-Lumpas und als eifrig Nüsse sortierende Eichhörnchen die Bühne fluten, dann ist die Szenerie bis zum Bersten gefüllt, dann wissen die Augen des Premierenpublikums gar nicht, wo sie zuerst hinsehen sollen.
Orchester in Regensburg: Knackiger Big-Band-Groove
Veritablen Broadway-Sound gibt es aus dem Orchestergraben obendrauf. Unter der umsichtigen und inspirierten Anleitung von Lucia Birzer zaubert das Philharmonische Orchester vollmundige, bestens abgeschmeckte Sirupharmonien und knackigen Big Band Groove. Den technisch verstärkten Sologesang und Dialoge halten die Tonmeister bestens und unaufgeregt in der richtigen Waage mit dem Orchesterklang, vermeiden gekonnt akustische Konfusion.
Die auf den ersten Blick knallbunte Schokoladenfabrik ist im Verlauf eigentlich kein schöner Ort. Zusammen mit der Robotik der Umpa-Lumpas erinnern die vielen Etagen und Ebenen eher an Fritz Langs Metropolis oder Charlie Chaplins industrielle Dystopie von Modern Times. Und wenn die vier Konkurrenten von Charlie Bucket für ihren Egoismus, Neugier und Eitelkeiten schwer bestraft oder gar vermeintlich ums Leben gebracht werden, dann bleiben bei manchem jungen Besucher der Premiere doch einige drängende Fragen offen. Schwer vorstellbar, dass Charlie tatsächlich in einer solchen Düsternis sein Leben als Chocolatier verbringen möchte.
Dennoch ist die Regensburger Inszenierung von Charlie und die Schokoladenfabrik ein Fest der Phantasterei, der Sinnlichkeit, des Ohrenschmauses und des üppigen Musiktheaters im allerbesten Sinne. Und das ist ja das Mindeste, was man derzeit im Theater am Bismarckplatz erwarten darf.