Eine Puppe und viele Popsongs bringen die Befreiung

Von Marianne Sperb · 5. Dezember 2025 um 17:32

Markus Schabbing ist Regisseur, Stückentwickler und Puppenspieler. Mit dem Team erarbeitet er in Regensburg einen Liederabend, der sich zart dem Thema Altern nähert.

Im Umgang mit Demenzkranken setzen Therapeuten manchmal auf Puppen. Wenn die Erinnerung schwindet, Menschen verstummen, dann bringen Puppen, ähnlich wie Tiere, Kinder oder Musik, Patienten wieder zum Sprechen und öffnen ihnen den Kanal zu den eigenen Gefühlen.

In gewisser Weise bedient sich auch Markus Schabbing dieser Methode. Der Regisseur, Puppenspieler und Stückentwickler aus Berlin bringt für das Theater Regensburg eine neue Produktion auf die Bühne. „Born to be wild“ kreist um verschüttete Erinnerungen und um die Unfähigkeit, sich Traumata zu stellen. Der befreiende Befund am Ende: Wir sind geboren, um wild zu sein.

Eine Kiste voller Erinnerungen

Nach Befreiung sieht es zunächst aber kein bisschen aus: Michael (Gerhard Hermann) ist gerade ins Heim gezogen. Kisten voller Erinnerungen stapeln sich in seinem Zimmer, aber der Senior hat keine Lust, sie auszupacken, geschweige, sich mit den Dingen seines bald zu Ende gelebten Lebens zu befassen. Wer fragt sich schon gern, wo er falsch abgebogen ist, welche Wege er nicht gegangen ist? Michael macht die Schotten dicht. Auch Nina (Franziska Sörensen), die hartnäckig neugierige, manchmal nervige Mitbewohnerin, kann nicht zu ihm vordringen, so wenig wie das Pflegepersonal (Eileen von Hoyningen Huene und Jarnoth), die den Neuen so gern in die Hausgemeinschaft integrieren möchten. Michael aber kapselt sich ein, bleibt sein eigener Gefangener. Erst dank einer Puppe, die für das innere Kind des Alten steht, gelingt die Wende.

Die Produktion, in den vergangenen Wochen im Team entwickelt, kommt mit wenig Text aus und greift dafür mit vollen Händen in die Musikbox. „The Show must go on“, „You were always on my mind“, „Satisfaction“ und natürlich das titelgebende „Born to be wild“ sind ein paar Nummern aus dem Potpourri aus Rock und Pop, aus tanzbaren wie melancholisch angehauchten Songs, die da von allen gesungen werden. Ben Weishaupt als musikalischer Leiter setzt die Titel an Klavier, Synthesizer und Gitarre um.

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Der Stoff passt wunderbar in die Haidplatz-Reihe dieser Saison. Sechs Produktionen – Schauspiel, Tanz, Kammeroper oder wie hier: ein Liederabend mit Puppen – nähern sich dem Altern und dem Erinnern, in unterschiedlichen Genres, aber in einem in den Grundzügen unveränderten Bühnenraum, entworfen von Ausstatter Kristopher Kempf, der hier auch als Puppenbauer auftritt.

Das 90 Zentimeter kleine Geschöpf aus geschnitztem Styropor, etwas Holz und Papier, entworfen von Markus Schabbing, hat zwei dunkel funkelnde Augen bekommen, aber keinen Mund; nur die innere Stimme spricht hier. „Das lässt viel Raum für Projektionen“, sagt der Regisseur. „Deshalb ist eine Puppe auch oft die perfekte Besetzung.“ 50 oder 60 Prozent der Denkarbeit übernimmt der Zuschauer, der in eine Doppelwelt geführt wird: einerseits ins Heim, andererseits in eine Welt des magischen Realismus.

Markus Schabbing ist international viel unterwegs – New York, Shanghai, Chicago, Kapstadt – und arbeitet viel mit Puppen. Eine Initialzündung gab vor gut zehn Jahren das Stück „Gefährten“, im Original: „War Horse“, in dem ein Pferd und ein Junge im ersten Weltkrieg über die Schlachtfelder ziehen. Schabbing wirkte erst in Berlin, später im Londoner Westend mit. Die Sache packte ihn, macht der 36-Jährige im Gespräch im Haidplatz-Theater deutlich: „Die Magie passiert, wenn Puppen auf der Bühne Menschen treffen.“

„Born to be wild“ spielt im Theater am Haidplatz: Matinee ist am 7. Dezember (11 Uhr), öffentliche Probe am 8. Dezember (19 Uhr), Uraufführung am 14. Dezember (18 Uhr).