Medizinethik-Tag in Regensburg zu Künstlicher Intelligenz: Kann ein Roboter empathisch sein?

Roboter in der Pflege, Künstliche Intelligenz in der Diagnose: Was einst nach Science-Fiction klang, ist längst nicht mehr unrealistisch. Darüber, wo die Chancen und Grenzen aus ethischer Sicht liegen, diskutierte Dr. Michael Rechenmacher mit mehr als 200 Teilnehmern beim Medizinethik-Tag am Regensburger Uniklinikum.
Roboter in der Pflege, Künstliche Intelligenz in der Diagnose: Was einst nach Science-Fiction klang, ist in der Medizin längst nicht mehr unrealistisch. „KI ist in aller Munde“, sagt Dr. Michael Rechenmacher vom Universitätsklinikum Regensburg (UKR). „Auch im Medizinsystem gibt es Bereiche, in denen über Künstliche Intelligenz diskutiert wird – und in manchen wird sie bereits eingesetzt.“
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Darum widmete sich auch der zehnte Regensburger Medizinethik-Tag unter dem Titel „Künstliche Intelligenz – nur Maschine oder doch mehr?“ dem Thema KI. Ärzte, Pflegekräfte sowie weitere Beschäftigte aus dem Gesundheitssystem wie beispielsweise Seelsorger kamen dabei zusammen, um aus ethischer Perspektive über Entwicklungen zu diskutieren, die den Arbeitsalltag in Medizin und Pflege verändern könnten.
Verunsicherung ist groß
Rechenmacher, Leiter der Interdisziplinären Palliativmedizin am UKR und Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees, gehörte zu den Organisatoren. „KI-Chatbots kennt heute fast jeder“, sagt er. „Wenn man sich aber näher damit beschäftigt, merkt man schnell: Nur wenige wissen wirklich, was Künstliche Intelligenz ist. Gleichzeitig sind viele Menschen verunsichert, weil sie befürchten, dass automatisierte Prozesse die Versorgung verschlechtern könnten.“
Ein Thema, das beim Medizinethik-Tag im Fokus stand, war der Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen und in der Pflege. Die Münchner Firma Navel Robotics stellte dazu ihren sogenannten Empathie-Roboter vor, der bereits testweise in einigen Pflegeeinrichtungen eingesetzt wird. „Dass in der Pflege Arbeitskräfte fehlen, ist kein Geheimnis. In Zukunft wird sich die Situation vermutlich sogar noch verschärfen“, so Rechenmacher.
Demonstration eines Empathie-Roboters
Der von Navel Robotics entwickelte Roboter verfügt über ein Gesicht und kann mit Menschen interagieren. „Eine medizinethische Frage, die man stellen muss, ist: Inwiefern ist ein Roboter wirklich zu sozialer Interaktion fähig – oder ist das nicht doch eine zutiefst menschliche Eigenschaft? Den emotionalen Anteil der Verarbeitung hat eine Maschine ja nicht“, erklärt er.
Der Empathie-Roboter könne jedoch auf Menschen reagieren und durch Mimik, Kopf- und Augenbewegungen Emotionen simulieren. „Schon heute gibt es leider aufgrund des Pflegemangels Einrichtungen, in denen die Bewohner zu wenig Ansprache bekommen“, sagt der Mediziner. „Da kann man darüber diskutieren, ob ein robotischer Kontakt besser ist als gar keiner. Natürlich wäre eine menschliche Begegnung immer wünschenswerter. Aber zumindest bei Menschen mit dementiellen Erkrankungen zeigen erste Untersuchungen, dass sie durch den Roboter wieder aktiver werden.“
Gleichzeitig sei klar, betont Rechenmacher, dass Pflegekräfte nicht durch Maschinen zu ersetzen seien. „Die Sorge, dass die komplette Pflege von Robotern übernommen wird, ist auf absehbare Zeit unrealistisch. Damit wäre vermutlich auch eine Grenze überschritten.“
KI in der Medizin: Ergänzen, nicht ersetzen
In anderen Bereichen der Medizin gibt es hingegen schon konkretere KI-Anwendungen, etwa in der radiologischen Diagnostik mit bildgebenden Verfahren wie Röntgen oder Computertomographie. „Wenn Programme dort unterstützen, ist das zunächst einmal eine Chance“, sagt Rechenmacher. „Sie sollen und können Radiologen nicht ersetzen, sondern helfen, Befunde zu erstellen.“
Das menschliche Auge könne nur einen Teil der auf den Bildern enthaltenen Informationen erfassen. Die dahinterliegende Datenmenge sei jedoch enorm. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Kombination aus einem geschulten Auge und technischem Fortschritt die Diagnostik verbessern kann. Es geht aber ausdrücklich nicht darum, den Radiologen zu ersetzen.“
Teilnehmerrekord bei Medizinethik-Tag
Nichtsdestotrotz werde Künstliche Intelligenz Veränderungen mit sich bringen. Rechenmacher zieht den Vergleich zu großen historischen Umbrüchen wie der Industriellen Revolution. „Auch Webstühle oder dampfbetriebene Maschinen wurden anfangs skeptisch betrachtet – heute sind sie selbstverständlich“, sagt er. Wichtig sei jedoch, technologische Entwicklungen aktiv zu gestalten und klare Regeln dafür festzulegen. „Technik ist ein Hilfsmittel“, sagt er. „Ich glaube, das ist Chance und Auftrag zugleich.“
Wie groß der Diskussionsbedarf rund um den Einsatz Künstlicher Intelligenz ist, zeigte sich nicht zuletzt an den Teilnehmerzahlen. „Mit mehr als 200 Besuchern war dieser Medizinethik-Tag der am besten besuchte“, sagt Rechenmacher. Ein digitales Thema stand allerdings nicht zum ersten Mal im Fokus. „Vor mehreren Jahren ging es um Anwendungen wie das E-Rezept und die elektronische Patientenakte. Auch darüber haben wir diskutiert. Bis so etwas dann den Patienten erreicht, ist es ein langer Prozess.“