Medizinisch machbar - aber sinnvoll? Damit beschäftigt sich das Ethikkomitee am UKR

Von Marion Neumann · 1. Oktober 2023 um 15:00

Das Ethikkomitee am Universitätsklinikum Regensburg beschäftigt sich mit schwierigen Fragen. Oft gibt es kein eindeutiges richtig oder falsch, sagt der Vorsitzende Michael Rechenmacher.

Ein älterer Patient liegt auf der Intensivstation, seine Prognose ist schlecht. Dazu in der Lage, die eigenen Wünsche zu kommunizieren, ist der Schwerkranke nicht mehr – und als zu seinen bisherigen Erkrankungen noch ein Nierenversagen hinzukommt, stellt sich die Frage, ob in diesem Fall noch mit einer Dialysebehandlung zur Blutreinigung begonnen werden soll. Was ist in so einem Szenario die richtige Entscheidung?

„Im Bereich der Ethik ist es nicht wie in der Juristerei. Es gibt oft kein eindeutiges Richtig oder Falsch – und oft auch nicht die eine Lösung, mit der alle glücklich sind“, sagt Michael Rechenmacher, der sich genau in solchen Fällen einschaltet. Der Oberarzt ist Leiter der interdisziplinäre Palliativmedizin am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) und Vorsitzender des Ethikkomitees der Klinik. „In der Medizin müssen Entscheidungen getroffen werden – und auch, wenn man nicht handelt, trifft man im Endeffekt eine Entscheidung“, sagt er.

Extra-Sitzungen während der Corona-Pandemie

Bereits seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sich das Klinische Ethikkomitee, dem neben Rechenmacher noch weitere Ärzte aus unterschiedlichen Fachrichtungen, Pflegekräfte, Verwaltungsmitarbeiter und unter anderem auch ein Theologie-Professor sowie ein Mitglied der Rechtsabteilung angehören, mit relevanten Fragen der Medizinethik. „Einmal im Quartal findet eine Plenumssitzung statt“, erklärt der Oberarzt, der den Vorsitz seit vier Jahren inne und Medizinethik studiert hat, „zu Zeiten von Corona haben wir uns etwas häufiger getroffen.“ Unter anderem seien dabei zu Pandemie-Zeiten ethische Fragen zum Thema Triage diskutiert worden. „Wegen der Corona-Patienten mussten zudem andere Gruppen zurückgestellt und Operationen verschoben werden. Auch das ist eine Form der Abwägung, die man ethisch betrachten muss.“

Abseits der turnusmäßigen Treffen gibt es laut Rechenmacher aber auch im Klinikalltag immer wieder „Dilemmata“, bei dem das Komitee die ethische Fallberatung übernimmt. „Diese Beratungen sind eigentlich die Hauptaufgabe des Komitees. Oft ist eine Ausweitung der Therapie technisch machbar. Aber sind die lebensverlängernden Maßnahmen auch richtig für den einzelnen Patienten? Wir versuchen, Lösungen für das Individuum zu finden“, sagt er.

Mit dem Fortschritt wächst die Verantwortung

Wie Rechenmacher weiter erklärt, gebe es pro Jahr etwa zehn bis fünfzehn Fälle am Klinikum, für die sich Ärzte und Pflegekräfte mit Mitgliedern des Ethikkomitees zur Beratung treffen. „Lebenszeit versus Leidverlängerung“ sei dabei ein klassisches Konfliktthema. „Selbst mit einer Patientenverfügung lassen sich nicht alle Einzelfälle ganz genau regeln“, sagt Rechenmacher, „den mutmaßlichen Willen des Erkrankten zu deuten, die Fakten zusammenzutragen und alle Wahrscheinlichkeiten abzuwägen, kann sehr herausfordernd und gerade für die Kollegen auf der Station emotional belastend sein.“

Grundsätzlich sei es so, dass mit medizinischem Fortschritt auch die ethische Verantwortung immer weiter wachse. „Vor 50 Jahren wäre der Mensch in vielen Fällen einfach gestorben. Heute sind die Behandlungsoptionen vielfältiger, zum Beispiel in der Onkologie. Aber es muss immer überlegt werden, ob das, was machbar ist, auch sinnvoll ist.“

Ressourcenverteilung als großes Thema

Ein weiteres „heißes Thema“ in Sachen Medizinethik sei die künftige Verteilung von Ressourcen. „Die Menschen werden immer älter – und gleichzeitig sind neue Behandlungsformen extrem teuer. Da stellt sich langfristig die Frage, ob jeder jede Therapie bekommen kann und wie eine angemessene Versorgung aussieht“, so Rechenmacher.

Im Gegensatz zu Deutschland sei es beispielsweise in Großbritannien heute schon so, dass bei über 70-jährigen Patienten die Kosten für ein neues Hüftgelenk nicht mehr gesetzlich übernommen werden. „Das ist heute bei uns noch kein Thema“, sagt er, „aber das sind Aspekte, die ethisch betrachtet werden müssen.“