Lebensgefahr für Jugendliche? Stadt Berching sperrt die Kulturfabrik

Von Bernhard Neumayer · 31. Oktober 2025 um 14:34

Aufgrund „technischer Mängel“ ist ein marodes Gebäude, in dem auch der Jugendtreff der Stadt Berching (Landkreis Neumarkt) untergebracht ist, ab sofort geschlossen. Jetzt stehen nicht nur Jugendliche im Regen. Auch die Auftritte von Blasorchester und Theatergruppe stehen auf der Kippe. Was das Problem im Gebäude ist und wie es für die Vereine weitergeht, erklären Verantwortliche.

Video ansehen

Die Nachricht kommt für viele überraschend, andere rechnen schon seit Jahren damit: Die Stadt schließt ab sofort und bis auf Weiteres die Kulturfabrik. Die Sperrung des Gebäudes kommt für einige Nutzer des Gebäudes zur Unzeit: Wo kommt der Jugendtreff nun unter? Stehen die Adventskonzerte des Symphonischen Blasorchesters auf der Kippe? Und wo probt die Stadtbühne für ihr neues Stück, das am 22. November Premiere feiern soll?

Am Freitagvormittag wissen viele Nutzer noch nicht, was der Grund für die Sperrung ist, wie lange das Gebäude geschlossen bleibt und wie es weitergeht. Eins steht fest: Begeistert ist niemand von ihnen.

Im allerschlimmsten Fall wird das Stück abgesagt, aber davon gehe ich jetzt nicht aus.“Lena Wölki (Stadtbühne Berching)

„Einen schlechteren Zeitpunkt gibt es für uns kaum“, sagt Lena Wölki von der Stadtbühne Berching. Sie führt gemeinsam mit Lukas Graf Regie für das neue Theaterstück „Wunschpunsch“. Am 22. November ist die Premiere in der Kulturhalle geplant. Aktuell steckt der Verein mitten in den Proben und baut Bühnenteile – in der Kulturfabrik. Wie es nach der Sperrung weitergeht, kann Wölki noch nicht beantworten. „Im allerschlimmsten Fall wird das Stück abgesagt, aber davon gehe ich jetzt nicht aus“, sagt die Regisseurin.

Konzert des SBO und Theater-Premiere fraglich?

Ähnlich sieht es beim Symphonischen Blasorchester Berching (SBO) aus, das aktuell die Adventskonzerte einstudieren möchte. „Wenn wir keinen Probenraum haben, werden die Konzerte ins Wasser fallen“, sagt Vorsitzende Carolin Luber. Von diesem Worst-Case-Szenario geht sie aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht aus. Das SBO prüfe derzeit, wo es vorübergehend unterkommen könnte, wenn die Kulturfabrik länger gesperrt sein sollte.

Zahlreiche Gruppen und Vereine sind in der Kulturfabrik Berching untergebracht. - Foto: Bernhard Neumayer

Neben Stadtbühne, SBO sowie weiteren Bands, Musikschule und Trachtenverein nutzen auch Jugendliche die Kulturfabrik. Dort ist im Erdgeschoss der Jugendtreff untergebracht. Normalerweise treffen sich Jugendliche in der Kulturfabrik mittwochs und freitags, nach Absprache auch samstags. „Jetzt werden sie sich neue Plätze suchen – wie zu Corona-Zeiten“, sagt Jugendbetreuer Bernd Knüfer, der sich auch schon Gedanken macht, wie das Problem gelöst werden kann.

Gerade jetzt im Herbst, wenn die dunkle Jahreszeit beginnt und Jugendliche ins neue Schul-/Ausbildungsjahr gestartet sind, brauchen sie am meisten Betreuung, sagt Knüfer. Doch gerade jetzt fehlt der Rückzugsort in der Kulturfabrik. „Für die konzeptionelle Arbeit ist das ein kleines Desaster, aber wir werden zurechtkommen“, sagt Knüfer.

Doch was genau ist passiert? Nachdem ein Nutzer der Stadt einen Defekt bei der Beleuchtung rückgemeldet hat, wurde die Stromverteilung in der Kulturfabrik in Augenschein genommen, teilt die Stadt auf Nachfrage unserer Zeitung mit.

So sieht die Kulturfabrik in Berching aus. - Foto: Bernhard Neumayer

Dabei sei festgestellt worden, dass die Stromverteilung ohne Absicherung durch Fehlerstromschutzschalter aufgebaut ist. Bei den regelmäßigen TÜV-Prüfungen (alle vier, fünf Jahre) sei dieses Manko allerdings nicht festgestellt worden, sagt die Stadt.

Fehlerstromschalter fehlt in der Kulturfabrik Berching

Fehlt der Fehlerstromschutzschalter, fließt der Strom bei einem defekten Gerät/Kabel oder einer beschädigten Leitung nicht sicher zur Erde ab. Wenn eine Person dann das kaputte Teil berührt, kann lebensgefährlicher Strom durch den Körper fließen.

Firma sieht „Gefahr für Leib und Leben“ in Kulturfabrik

Deshalb hat eine Fachfirma der vorhandenen Stromverteilung „eine Gefahr für Leib und Leben“ unterstellt, wie die Stadt schreibt. Weil die Sicherheit aller Beteiligten an oberster Stelle stehe, sei am Donnerstag in der Verwaltung in Abstimmung mit dem Zweiten Bürgermeister Christian Meissner der Entschluss gefasst worden, die Kulturfabrik ab sofort bis auf Weiteres komplett zu sperren. Darüber wurden die Nutzer am Donnerstagnachmittag informiert.

„Die Kulturfabrik ist aufgrund technischer Mängel bis auf Weiteres gesperrt“, schreibt die Stadt Berching. Dieser Zettel hängt aktuell an den Eingangstüren des Gebäudes. - Foto: Bernhard Neumayer

In welchem Umfang und zu welchem Zeitpunkt eine Wiederaufnahme der Nutzung möglich sein wird, werden weitere Prüfungen zeigen, teilt die Stadt mit. Der Zugang zu den Materialien werde den Nutzern ermöglicht. Das SBO hat beispielsweise seine Schlaginstrumente in der Kulturfabrik gelagert. Wie und wann die Nutzer an ihre Sachen kommen, werde ihnen direkt mitgeteilt.

Jugendtreff, Blasorchester und Stadtbühne betroffen

Die Stadt könne derzeit nicht abschätzen, wann das in die Jahre gekommene Gebäude, dessen Nutzung das Landratsamt unter Auflagen duldet, wieder genutzt werden kann. Eigentlich ist schon seit über einem Jahrzehnt im Gespräch, dass das Gebäude abgerissen werden soll und alternative Räume gefunden werden sollen. „Doch dafür werden wir kurzfristig keine Lösung finden“, sagt Bürgermeister Ludwig Eisenreich.

Ursprünglich hatte die Stadt geplant, ein neues Jugendzentrum mit Musikräumen zu errichten. Weil die Kosten für den Neubau der Schule zu hoch sind, hatten die Stadträte das Jugendzentrum im November 2023 auf Eis gelegt.

So lange wir die Kulturfabrik benötigen, werden wir sie nutzen.Ludwig Eisenreich

Dass die Musiker und Jugendlichen jetzt auf einmal ohne Räume dastehen, trifft sie hart. „Die Nutzer der Kulturfabrik wussten jedoch alle, dass die Nutzung des Gebäudes aufgrund des Alters endlich ist“, sagt Eisenreich. Nach einem internen Krisengespräch der Verwaltung am Freitagvormittag bereite die Stadt die nächsten Schritte vor. „Wir müssen jetzt schauen, ob mit einer technischen Lösung das Problem behoben werden kann. Der TÜV wird uns dabei behilflich sein“, sagt Eisenreich. Ein Termin mit dem Prüfer stand am Freitagmittag noch nicht fest.

Die Nutzer müssen jetzt erst einmal abwarten. Unabhängig davon hatte Eisenreich unserer Zeitung schon vor dem auftretenden Stromproblem seine Sichtweise zur Zukunft der alten Räumlichkeiten mitgeteilt: „So lange wir die Kulturfabrik benötigen, werden wir sie nutzen.“