„Regensburger damals“: Die virtuelle Community wirkt auch ganz analog

Von Rainer Wendl · 21. Oktober 2025 um 16:56

Bei Facebook-Gruppen denkt man unweigerlich an Online-Nerds mit wenig Bezug zum wirklichen Leben. Die Mitglieder von „Regensburger damals“ treffen als Gegenbeispiel auch in der analogen Welt zusammen und finden Gehör.

Rund 10.000 Mitglieder zählt die Facebook-Gruppe „Regensburger damals“. Entgegen ihres Namens ist sie ein Tummelplatz für nahezu alle Generationen. „Freilich sind die Leute hier überwiegend Ü40, Ü50 oder älter. Die schwelgen einfach gerne in Erinnerungen“, sagt Bernd Edtmaier, einer der Administratoren der Seite. „Aber es gehören auch überraschend viele Junge zu uns. Die interessieren sich dafür, wie die Stadt früher ausgeschaut hat.“ Da Fotos aus vergangenen Jahrzehnten ein regelmäßiger Inhalt auf „Regensburger damals“ sind, wird dieses Interesse hier gut gestillt.

Oberbürgermeisterin als Gast, aktuelle Bezüge

Wenn der virtuelle Stammtisch allerdings ganz analog im Wirtshaus zusammenkommt, haben eindeutig die Älteren die Oberhand. Viermal im Jahr lädt Edtmaier zum Gruppentreffen, am Samstag war es im Restaurant Herrmann wieder so weit.

Mit 65 Gästen lag der Zuspruch zwar unter dem Rekordwert von 72, dafür war die Zusammensetzung prominent. Neben Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer saßen OB-Kandidat Thomas Burger, Landratskandidatin Silvia Gross oder auch Kulturamtsleiterin Maria Lang und Sebastian Kanartz, der Chef der städtischen Museen, an einem Tisch.

Unsere Gruppe hat sich einen Namen gemacht.Bernd Edtmaier, Administrator von „Regensburger damals“

„Unsere Gruppe hat sich einen Namen gemacht“, kommentierte Edtmaier stolz dieses Teilnehmerfeld, während das Stadtoberhaupt die verbindende Kraft der Community lobte: „Aus dem Austausch im virtuellen Raum ist ein persönliches Treffen geworden, man fühlt sich zugehörig.“ Mit ihrem eigenen Erfahrungsschatz aus 55 Jahren Regensburg könne hier auch sie gut mitreden in dieser Gruppe, meinte Maltz-Schwarzfischer. „Aber ich bin privat nicht auf Facebook. Vielleicht gehe ich später mal dazu.“

Bereits am Samstag konnte sie sich davon überzeugen, wie leicht die vermeintlichen Nostalgiker den Bogen zu brandaktuellen Themen spannen. Da war zum Beispiel die Wortmeldung von Fritz Rehbach. Er erinnerte an seine Vorfahren, die im 19. Jahrhundert in der Marschallstraße das damals größte Industrieunternehmen mit den meisten Arbeitsplätzen der Stadt (Rehbach'sche Bleistiftfabrik) gründeten und auch zwei IHK-Präsidenten stellten: „Da wäre längst die Benennung einer Straße angebracht“, lautete Rehbachs Forderung an die Oberbürgermeisterin, die erst zwei Tage zuvor im Stadtrat eine ähnliche Debatte geführt hatte. Da ging es um den Wunsch der Von-der-Tann-Schule, künftig den Namen Elly-Maldaque-Schule zu tragen.

Harald Schäfer referierte über die Kino-Geschichte der Stadt. - Foto: Wendl

Der nächste Redebeitrag streifte diesen Themenkomplex erneut. Der Autor Dieter Lohr stellte seinen Roman „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“ vor. Dieser handelt von dem Regensburger Maler und Schriftsteller Alfred Seidl, dessen Bruder Florian ab 1973 der Pate einer hiesigen Straße war. Als Mitte der 90er Jahre Florian Seidls Nähe zum Nationalsozialismus thematisiert wurde, war der Ruf nach einer Umbenennung die Konsequenz. Die damalige absolute CSU-Mehrheit im Rathaus wehrte sich drei Jahre gegen diese Forderung, musste letztlich aber doch nachgeben – heute heißt die Straße Johann-Hösl-Straße.

Die meisten der Anwesenden im Wirtshaus waren alt und Regensburg-kundig genug, um sich noch lebhaft an diese Debatte erinnern zu können. Und auch bei leichteren Themen waren sie im Bilde. Als Harald Schäfer in seinem Vortrag über die Kino-Geschichte der Stadt anmerkte, dass vom Scala in Kumpfmühl wohl kaum noch jemand etwas wisse, erntete er prompt „Doch, doch!“-Zwischenrufe. Wissenslücken solcher Art lassen sich die „Regensburger damals“ nämlich gar nicht gerne nachsagen.

Keine politische Färbung

So blieb am Samstag nur die Frage, ob die Gruppe eine politische Färbung hat. Wegen der Gästeliste des Abends mit den SPD-Politikern Gertrud Maltz-Schwarzfischer, Silvia Gross und Thomas Burger schien diese berechtigt, zumal Edtmaier selbst auch Stadtratskandidat auf der SPD-Liste ist.

Seine Antwort aber lautete: „Wir sind politisch neutral, sonst hätten wir ja auch niemals 10.000 Mitglieder. Die Oberbürgermeisterin hatten wir zuvor schon öfter eingeladen, aber es hat erst heute geklappt. Die Silvia kommt als zweite Vorsitzende des Geschichts- und Kulturvereins Kumpfmühl sowieso immer und mit dem Thomas habe ich schon vor 45 Jahren in Ziegetsdorf ministriert.“ Für „Regensburger damals“ ist das eine ganz normale gemeinsame Vergangenheit.