Amokläufer von Kallmünz erneut vor Gericht: Er sieht sich als Verschwörungsopfer

Wilde Theorien zum Prozessauftakt: Nach einem SEK-Pannen-Zugriff landet ein Mann aus Regensburg in der Psychiatrie und greift dort eine Therapeutin an. Das Schwurgericht muss deshalb zum zweiten Mal über seine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie entscheiden.
Vor gut einem Jahr starten Elitepolizisten im Westen von Regensburg ihren Überraschungszugriff. Doch das Spezialeinsatzkommando aus Nürnberg stürmt die falsche Wohnung, irrte sich wohl im Flur und sprengte die falsche Tür. Der Mann, dem der Einsatz eigentlich galt, steht nun vor Gericht. Die Antragsschrift legt nahe, warum das SEK anrückte – der 39-Jährige soll eine Kollegin gestalkt und ihr verstörende Dateien geschickt haben. Offenbar auch eine Folge seiner Psychose.
Vier statt wie sonst zwei Polizeibeamte begleiten den Mann gestern zum Prozessauftakt am Landgericht. Er sei „durch die Hölle gegangen“, erklärt er seiner Anwältin, die im Flur vor dem Sitzungssaal bereits wartet. Es fallen Worten wie Folter, Isolaton sowie Anzeigen und Klagen, mit denen er sich wehren wolle. Der Redefluss des Beschuldigten ist auch später, als er sich gut zwei Stunden selbst äußert, kaum zu brechen. Auffällig: Auch in der Sitzung bleiben Handschellen samt Bauchgurt und Fußfesseln dran.
Kollegin des Mannes hat bis heute Angst
In dem sogenannten Sicherungsverfahren, das gestern startete, geht es um zwei Komplexe, die mit besagtem SEK-Einsatz vom 25. Oktober 2024 wohl zusammenhängen: Vor dem Zugriff schrieb der 39-Jährige mit einer jungen Frau von der Arbeit. Obwohl sie ihm nach einigen Tagen nicht mehr antwortete, soll er sie mit Nachrichten bombardiert haben. Im Chat soll er Dateien geteilt haben, in denen er über frühere Gewaltakte, seine Erkrankung, die Arbeit und eine Leidenschaft für Waffen fabuliert haben soll. Viel wirres Zeug. Und er offenbarte, dass er seine Medikamente abgesetzt hatte.
Die Frau, die als Zeugin vor Gericht aussagen muss, blockierte den Beschuldigten Mitte Oktober und zeigte ihn bei der Polizei an – aus Angst, die bis heute da ist, wie sie auf dessen Frage klar sagte. Wenige Tage später wurde der Mann von SEK-Einheiten festgesetzt und kam in ein psychiatrisches Krankenhaus. Dort spielte im Januar der zweite Komplex der Antragsschrift: Weil er wegen Drohungen gegen einen Mitpatienten in Isolation soll, rastet der 39-Jährige offenbar aus. Mit einem Kugelschreiber soll er seine eigene Therapeutin attackiert und versucht haben, ihr das Auge auszustechen. Ein Pfleger soll damals noch eingegriffen und das verhindert haben.
Nicht zum ersten Mal muss sich ein Regensburger Gericht mit einer dauerhaften Unterbringung des Beschuldigten in der Psychiatrie beschäftigen. Bereits vor mehr als zehn Jahren sorgte der Mann für einen bis heute beispiellosen Großeinsatz. Stundenlang war Kallmünz damals in einem Belagerungszustand, nachdem er zunächst einen Arzt brutal attackiert, auf offener Straße massiv randaliert, sich dann in einem Haus verbarrikadiert hatte und schließlich Polizisten mit Säure verletzen wollte.
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Auch damals rückte ein Spezialeinsatzkommando an – als Elitebeamten das Haus stürmten, empfing er die Einsatzkräfte an jenem frühen Morgen im April 2015 mit einem Flammenwerfer. Es gelang aber, ihn zu überwältigen – lediglich die Feuerwehr hatte gut eine Stunde zu tun, um den Brand im Haus zu löschen. Nur „glückliche Umstände“ hätten verhindert, dass „in dem Drama mehrere Personen den Tod fanden“, befand im März 2016 das Schwurgericht, und ordnete eine Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie an.
Das ist halt ein KZ, wo ich jetzt bin – ein System voller Willkür. Aber mir geht es jetzt schon wieder besser.Der Beschuldigte sieht sich selbst als Psychiatrie-Opfer und verweigert bis heute alle Medikamente
Gleiches stand im Oktober vergangenen Jahres im Raum – damals allerdings aufgrund einer „öffentlich-rechtlichen Unterbringung wegen erheblicher Eigen- und Fremdgefährdung“, wie die zuständige Staatsanwaltschaft erläuterte. Die Stadt hatte wohl auch wegen der Vorgeschichte und der offenkundigen Abneigung gegen Polizei und den Staat ganz allgemein Spezialeinheiten aus Nürnberg hinzugezogen. Das SEK und das österreichische Pendant namens Cobra kamen in einer der Dateien die Kollegin auch vor.

Den Prozessauftakt nutzte der 39-Jährige für eine Art Generalabrechnung. Als Staatsanwalt Wimmer die mehrseitige Antragsschrift verlas, huschte immer wieder ein Lächeln über das Gesicht des Beschuldigten; insbesondere, als es um den Vorfall mit dem Stift gegen die Therapeutin ging. Hinter den Vorwürfen, wegen derer ihm nun die dauerhafte Unterbringung droht, vermutet er eine große Verschwörung. „Man kann niemandem vertrauen“, schilderte er, nannte die Forensik, in der er wegen seiner Krankheit vielfach war, ein „Willkür- und KZ-System“. Alle Vorwürfe seien zudem nur konstruiert.
War es vielleicht doch versuchter Totschlag?
Das Hilfsschwurgericht unter dem Vorsitz von Richter Gaßmann hat nun zu prüfen, ob die Voraussetzungen für die Anordnung einer Unterbringung vorliegen. Die Staatsanwaltschaft geht im Fall des 39-Jährigen von Nachstellung, versuchter schwerer und gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung sowie Körperverletzung aus. Das Gericht eröffnete das Verfahren mit dem Hinweis, dass auch versuchter Totschlag in Betracht komme. Bei den Taten soll der Mann schuldunfähig gewesen sein, von ihm soll allerdings eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgehen.
Mit einer Entscheidung der zehnten Strafkammer am Landgericht, das wegen zu vieler Kapitaldelikte als Hilfsschwurgericht tagt, ist wohl erst Ende November zu rechnen. Fünf Prozesstermine sind noch geplant.