Pro-Familia-Chefin über Abtreibungen in Regensburg: Versorgung hat sich stark verschlechtert

Wo kann ich eine Abtreibung machen lassen? Bekomme ich in der wenigen Zeit, die mir für den Abbruch noch bleibt, frei, einen Termin beim Frauenarzt und den Beratungsschein? Und was ist, wenn die einzige Praxis, die den Eingriff hier vornimmt, auch noch Urlaub hat? Frauen, die in Regensburg ungewollt schwanger sind, müssen innerhalb kürzester Zeit Antworten auf Fragen wie diese finden – ein Kraftakt.
So bezeichnet es zumindest eine Betroffene in einer Videobotschaft, die während der Podiumsdiskussion zur Aktionswoche um den Internationalen Tag für sichere Schwangerschaftsabbrüche am Mittwoch im M26 abgespielt wurde. Pro Familia hatte dazu geladen. Mit auf dem Podium saß auch Dr. Kai Dittmann, der im Castra-Regina-Center eine Praxis betreibt, in der operative Abtreibungen vorgenommen werden. Deswegen sieht er sich auch seit 20 Jahren mit so genannten Gebetswachen von Abtreibungsgegnern vor seiner Klinik konfrontiert.

Das Schwierigste an der Sache sei nicht die Entscheidung, sondern die Umsetzung gewesen, berichtete die Betroffene im Video von ihrer Abtreibung in Regensburg, die nun eineinhalb Jahre zurückliege. Inzwischen aber sehe sich eine Frau in dieser Lage im Zweifelsfall gezwungen, eine Operation vornehmen zu lassen, die sie nicht will, oder eine Stunde Fahrt zur nächstgelegenen Praxis in Kauf zu nehmen, in der der Eingriff medikamentös möglich ist, oder es aber gleich in anderen Bundesländern zu versuchen. „Das macht mich sprachlos“, schloss die Frau ihr Statement.
Vor welcher Versorgungslage sich Frauen wiederfinden, die in Regensburg abtreiben wollen, schilderte Eva-Maria Meier, Vorständin bei Pro Familia. Bei der Beratung gebe es mit den Anlaufstellen bei Pro Familia, Donum Vitae und der am Landratsamt ein ausreichendes Angebot, sagte sie. Zuletzt habe es in Regensburg zudem eine Praxis gegeben, die operative Abbrüche vornimmt und eine, die das mit Medikamenten ermöglicht. „Seit August gibt es aber nur noch eine Praxis und die führt ausschließlich operative Abbrüche durch“, sagte Meier. Zudem könnten sich Betroffene an das Klinikum in Weiden wenden. „Die Versorgungslage hat sich stark verschlechtert“, wurde Meier deutlich. Gynäkologe Dr. Patrick Stimmler, er führt keine Abtreibungen durch, erklärte: „Frauen müssen einen adäquaten Zugang haben. Bisher war der gewährleistet. Das aber hat sich verändert.“ Es sei nicht mehr so einfach wie vor einem Jahr. Die Auswirkungen bekommt auch Hausärztin Dr. Margit Kollmer zu spüren, die in ihrer Praxis in Niederbayern medikamentöse Abtreibungen vornimmt. „Die Nachfrage ist groß und es gibt noch mehr davon, seit sich die Situation in Regensburg verschlechtert hat“, sagte sie. Sie appellierte an ihre Kollegen: Es sei für Hausärzte möglich, die Genehmigung für medikamentöse Abtreibungen zu bekommen. Claudia Alkofer, die fachliche Leiterin von Pro Familia in Regensburg, sprach davon, dass die Organisation des Abbruchs – der bis zu 400 Euro kosten und für den eine Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragt werden könne – weite Teile der Beratungsgespräche bei Pro Familia dominiere. „Die psychosoziale Beratung kommt dadurch zu kurz“, beschrieb sie die Situation.
Wie viele Frauen es gibt, die abtreiben, verdeutlichte Alkofer so: Pro Jahr gebe es 100.000 Abtreibungen und 60.000 Frauen, die an Brustkrebs erkranken, sagte sie. Obwohl die Zahl der Neuerkrankungen weit unter den Abtreibungen liegt, dürften die meisten Menschen schon einmal eine Frau getroffen haben, von der sie wussten, dass sie an Brustkrebs erkrankte – aber keine, die über ihren Schwangerschaftsabbruch sprach.
Als Grund dafür, dass Frauen zu diesem Eingriff schweigen, nannte Alkofer den Paragrafen 218 im Strafgesetzbuch. Er regelt den Schwangerschaftsabbruch und stellt ihn unter Strafe, obwohl er in bestimmten Fällen straffrei bleiben kann. Deswegen würden sich viele Betroffene aus Angst vor einer Verurteilung lediglich den engsten Vertrauten offenbaren. Dabei könne jede Frau im gebährfähigen Alter in diese Situation kommen. „Es ist egal, wie alt, jung, gebildet oder nicht, wie selbstbewusst oder unsicher eine Frau ist“, sagte sie. Beispielsweise habe sie fünf Mal mehr Frauen jenseits der 40 in der Beratung als Minderjährige. Dittmann bestätigte dies. Die jüngste Patientin, die einen Abbruch in seiner Praxis habe vornehmen lassen, sei zwölf Jahre alt gewesen, die älteste 53.
Diese kleine Lücke müssen wir schließen.“
Dr. Patrick Stimmler, Gynäkologe
Sein Problem sei nicht der Paragraf 218, sondern die Auslegung der Vorschriften hier vor Ort in Regensburg, klagte Dittmann. Seit diesem Jahr dürfe er keine medikamentösen Abbrüche mehr vornehmen. Dafür müsse er einen Kooperationsvertrag mit einer Klinik vorweisen. Wegen ihrer kirchlichen Träger würden die Krankenhäuser so eine Vereinbarung aber nicht unterschreiben. „Das verstehe ich sogar“, erklärte er. Bei einer entsprechenden Auslegung der Regelung aber wäre die medikamentöse Methode trotzdem praktizierbar. Den Ermessensspielraum dafür gebe es. Auch Stimmler forderte: „Diese kleine Lücke müssen wir schließen.“
Weiter kam Dittmann auf die Gebetswachen von Abtreibungsgegnern vor seiner Praxis zu sprechen. Fünf Mal habe er die Polizei gerufen, eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft gestellt und schließlich Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) überzeugt, einen Strafantrag zu stellen. Bisher ohne Ergebnis. „Man kann öffentlich demonstrieren, aber man sollte die Frauen nicht dabei belästigen“, wurde Dittmann deutlich.
Aktionen am Freitag, 26. September
• Kunst: Um 14 Uhr wird auf der Steinernen Brücke das Frauendenkmal zur Aktionswoche um den Safe Abortion Day enthüllt.
• Demonstration: Die Kundgebung beginnt heute um 16 Uhr am Rathausplatz.
• Solitresen: Er hat ab 20 Uhr in der Kneipe Büro geöffnet.
Die Debatte werde von antifeministischen Akteuren geführt, klagte Miri, Aktivistin bei Pro Familia in Action (Pia). Dabei müsse jede Frau selbst über ihren Körper bestimmen und wählen können, ob sie eine Abtreibung vornimmt, bei welchem Arzt und mit welcher Methode.