Auf dem Trittbrett der Schweigespirale: Gloria von Thurn und Taxis schreibt ein Buch

Gloria von Thurn und Taxis hat ein Buch geschrieben – Sie sei lieber „unerhört als ungehört“, so lautet auch der Titel. Wer es liest, findet sich schnell in den derzeit umstrittenen Themen: Abtreibung, Nazi-Vergleiche, die AfD, Alice Weidel bei den Schlossfestspielen – aber auch bei der Frage, ob es Rassismus gegen Weiße gibt. Leider fehlt es der Autorin an manchen Stellen an Empathie für die Betroffenen.
Provokant oder platt? Am Rande des Sagbaren oder schon jenseits davon? Diese Frage werden sich viele Journalisten und auch Käufer stellen, wenn sie das Buch von Gloria von Thurn und Taxis lesen. Die Adelige sorgt regelmäßig für Eklats – und das allein schon mit provokanten Aussagen oder Einladungen. Denn politische Macht hat der Adel hierzulande schon lange nicht mehr. Aber weil sie Gott und die Welt kennt, vom US-Supremecourt-Richter bis zu Michael Jackson, selig, sind ihre Aussagen eben auch immer eine Nachricht wert. Offenbar lässt sich die Adelige von beißender Kritik und manchem Shitstorm nicht ins Bockshorn jagen. „Lieber unerhört als ungehört“ heißt ihr Buch und es ist ab 22. September im Handel erhältlich.
„Obwohl sich meine Ansichten in den letzten 20, 30 Jahren kaum geändert haben, gehöre ich auf einmal zu einem stigmatisierten Rand, dessen Angehörigen nahegelegt wird, besser den Mund zu halten“, schreibt sie in ihrem Buch. Geschehen sei dies „im Namen der Meinungsvielfalt.“ Von Thurn und Taxis spürt in ihrem Buch damit einer These nach, die bereits die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann in den 70er Jahren aufgestellt hat: Eine angeblich vorherrschende Meinung hindert eine stille Mehrheit daran, ihre Meinung zu äußern – aus Angst, nicht dem Mainstream zu entsprechen. So gesehen wäre das Buch der Autorin eine Art von Trittbrettfahren auf der Schweigespirale. Doch gibt es die überhaupt neu – heutzutage, wo Krethi und Plethi ihre Meinung ins Netz hauen?
Sie widerlegt eigene These
Gloria sagt und schreibt, was sie denkt – man muss das Buch ja nicht kaufen oder auf die Festspiele in ihrem Schloss gehen. Damit widerlegt sie aber die eigene Kernthese, dass man nicht alles sagen dürfe.
Gibt es die Cancel-Culture also gar nicht? Kürzlich sorgte sie für eine bundesweite Debatte. Von Thurn und Taxis hatte die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel zu den Schlossfestspielen eingeladen. Doch zunächst weigerte sich der Caterer, Weidel zu bedienen, dann wollte Sängerin Vicky Leandros nicht auftreten, wenn Weidel in der ersten Reihe sitzen würde. Tatsächlich verbrachten die beiden Damen dann einen Abend im Schloss – was genau dabei gesprochen wurde, blieb ihr Geheimnis. Ob solcherlei Medienskandale finanziell tatsächlich einen Schaden verursachen, ist offen: Die darauf folgenden Konzerte waren nicht schlecht verkauft.
Gloria hat, das liest man in ihrem Buch aus jeder Seite, aber eine Mission: „So lange wir noch offen unsere Meinung sagen dürfen, sehe ich es als meine Pflicht an, dies zu tun.“
Die Autorin arbeitet sich in ihrem Buch an ihren Lieblingsthemen ab. Die Familie zeichnet sie als eine Art Schutzwall vor einer Welt voller Bedrohungen. Dass die Adelige das klassische Familienbild bevorzugt, also Vater-Mutter-Kinder, ist hinlänglich bekannt. Sie kritisiert, dass Frauen heutzutage oft arbeiten würden und obendrein Kinder erziehen: „So verwandeln sich Kinder in Belastungen, vergleichbar ungefähr dem Terminstress im Job. Das finde ich ziemlich kinderfeindlich.“ Doch eigentlich kritisiert sie die Männer, die immer weniger bereit seien, Verantwortung zu übernehmen. Insbesondere die „Homo-Ehe samt Leihmutterschaft obendrein“ kritisiert die Adelige scharf.
Überhaupt ist es ein seltsames Verhältnis, das von Thurn und Taxis zu Homosexuellen und Transsexuellen pflegt. Einerseits hat sie keine Berührungsängste, etwa wenn der damalige US-Botschafter Richard Grenell und sein Mann im Schloss nächtigen. Sie „blicke ja nicht in Schlafzimmer“, sagte sie damals. Andererseits hält sie es mit Weidel, die von sich sagt, sie sei mit einer Frau verheiratet, aber nicht „queer“. Die Adelige umgibt sich mit Homo- und Transsexuellen, macht aber keinen Hehl daraus, dass sie Homosexualität für eine Sünde hält.
Auch auf die Boykottaufrufe gegen die Schlossfestspiele, die seit 2003 im Innenhof von St. Emmeram stattfinden, kommt die Autorin zu sprechen. Sie zerlegt die Band Revolverheld, die sich erst von ihr distanzierten, aber ein Gespräch ablehnten – und erst nach Medienberichten ihre Gage spendeten, für Seenotretter.
Vor allem hat sich die Rechte ja nur herausbilden können, weil die CDU so weit nach links gerückt ist
Gloria von Thurn und Taxis in ihrem neuen Buch
Im Kern lebt das Buch von den derzeit geradezu mantraartig wiederholten Behauptung, man dürfe in Deutschland nicht mehr alles sagen und das Land ginge irgendwie den Bach runter. Und polarisiert sich immer weiter: „Am deutlichsten manifestiert sich die gespaltene Gesellschaft im Kampf gegen Rechts, den ich für undemokratisch halte, weil zu einem parlamentarischen System eine Rechte genauso gehört wie eine Linke“, schreibt die Autorin. „Vor allem hat sich die Rechte ja nur herausbilden können, weil die CDU so weit nach links gerückt ist“, so ihre These. Und weiter: „,Hass ist keine Meinung!´ plakatieren heute dieselben, die ,Ganz Berlin hasst die AfD!` rufen.“
Da hat die Autorin einen Punkt: Der Zweck sollte nie die Mittel heiligen. Viele fragwürdige Thesen sind im Buch enthalten. Etwa jene, die Nationalsozialisten seien in Wahrheit Sozialisten, also Linke gewesen. Man fragt sich bei der Lektüre, welchen Schluss man eigentlich daraus ziehen soll – die Verbrechen der Nazis einfach den heutigen Linken in die Schuhe schieben? Das wäre nicht nur historisch falsch, sondern eine Art Geschichtsklitterung. Doch so einfach macht es einem die Autorin nicht. Sie widmet etwa der Frage ein Kapitel, wieso im politischen Diskurs heutzutage so häufig Nazi-Vergleiche angestellt – und die Gräuel des Dritten Reichs auch ein Stück weit verharmlost werden. Zudem zitiert sie die Geschichte der Familie ihres Mannes. Fürst Karl August, ihr Schwiegervater, war in KZ-Haft. Eine Anekdote berichtet, wie Fürst Johannes bei einer Einladung des früheren Bundespräsidenten Richard von Weitzsäcker diesen düpierte – beim Empfang für den Bürgermeister von Jerusalem rieb Johannes dem CDU-Politiker dessen Mitgliedschaft in der Hitlerjugend unter die Nase.
Es fehlt an Empathie
Was der Autorin fehlt, ist an vielen Stellen die Empathie für Betroffene. Gloria beschreibt etwa, dass es auch eine Art von Rassismus gegen Weiße gibt. Mag sein. Doch kann man das mit dem Rassismus vergleichen, den Schwarze seit Jahrhunderten erleben? Mit Sklaverei und Unterdrückung, Ermordung und Leid?
Dass Buch ist im selben Verlag erschienen wie das der BR-Journalistin Julia Ruhs. „Links-grüne Meinungsmacht – die Spaltung unseres Landes“ heißt ihres. Beide haben die gleiche Kernthese: Sie würden das wiedergeben, was hierzulande angeblich die Mehrheit denkt – nur eine irgendwie geartete Medien- und Politikelite hätte das Meinungsmonopol.
Ob die Reaktion auf das Buch nun Empörung oder Applaus sein wird? Who Cares. Skandale verkaufen sich – gerade auch in Buchform. Aus der angeblichen Schweigespirale, die im Land vorherrscht, machen die Autorinnen somit ein Geschäftsmodell.