85-Jährige muss nachts aus Notaufnahme wieder raus: Familie ist sauer

Die Angehörigen der Seniorin aus Regensburg wundern sich über Entscheidung der Ärzte. Sie finden: Ein solches Vorgehen könne nicht zum Wohl des Patienten sein. Kliniken verweisen wiederum auf begrenzte Ressourcen und gesetzliche Vorgaben.
Für die Angehörigen von Anneliese O. (Name geändert) ist es ein Schock. Kurz vor Mitternacht bekommen sie einen Anruf aus dem Krankenhaus. Eine Ärztin sagt ihnen, dass sie die 85-Jährige nun umgehend abholen müssten. Diese sei medikamentös wieder eingestellt und ein weiterer Aufenthalt im Krankenhaus nicht mehr zu rechtfertigen. Die Familie der Seniorin wundert sich noch heute darüber. Sie findet: Ein solches Vorgehen könne doch nicht zum Wohl des Patienten sein.
Das war passiert: Am Morgen war nach langer Krankheit der Ehemann von O. gestorben. Im Zuge dieser Stresssituation hatte die Frau wohl zu wenig gegessen und war in Unterzucker gefallen. Die Symptome, die sie daraufhin zeigte, hatten die Familie sogar einen Schlaganfall befürchten lassen. Es wurde ein Notarzt gerufen. Dieser haben ihnen gesagt, erzählen die Angehörigen, dass O. kurz davor gestanden habe, ins Koma zu fallen. Deswegen solle sie jetzt auf jeden Fall ins Krankenhaus gebracht werden und dort eine Nacht zur Beobachtung bleiben.
„Sehr belastende Situation“
Gegen 21.30 Uhr wurde die Frau dann von einem Rettungswagen abgeholt. Zweieinhalb Stunden später gab es aber bereits wieder den Anruf der Klinik. Die Gesamtsituation sei „sehr aufwühlend und belastend“ gewesen, erzählt ein Familienangehöriger.
Das Regensburger Krankenhaus, in dem die Frau behandelt wurde, will sich aus Gründen des Datenschutzes, wie es auf Anfrage mitteilt, nicht zu dem konkreten Vorfall äußern.
Die Frage, wann Patienten nach einer Behandlung in der Notaufnahme die Klinik wieder verlassen oder von ihren Angehörigen abgeholt werden müssen, spielt in Regensburger Krankenhäusern aber ganz grundsätzlich natürlich eine wichtige Rolle.
„Alle Beteiligten sollen daran mitwirken, Belegungen der Krankenhäuser mit Patienten zu vermeiden, die der Behandlung mit den Mitteln eines Krankenhauses nicht bedürfen.
Kata Vogel, Sprecherin des Krankenhauses St. Josef
Für das Krankenhaus St. Josef sagt Sprecherin Katja Vogel, dass die Entscheidung, ob jemand im Krankenhaus stationär aufgenommen wird, immer von einem Arzt nach medizinischen Kriterien getroffen werden müsse. Dazu sei das Krankenhaus gesetzlich verpflichtet. Es sei vorgeschrieben, dass eine Verordnung einer stationären Krankenhausbehandlung allein aus medizinischen Gründen in Betracht komme: „Alle Beteiligten sollen daran mitwirken, Belegungen der Krankenhäuser mit Patienten zu vermeiden, die der Behandlung mit den Mitteln eines Krankenhauses nicht bedürfen.“
„Selbstverständlich hat die Patientensicherheit dabei höchsten Vorrang“, sagt Vogel. Jeder Patient werde erst nach einer sorgfältigen Untersuchung und nur dann nach Hause entlassen, wenn klar sei, dass eine stationäre Aufnahme nicht nötig ist. Natürlich könne es belastend für die Angehörigen sein, wenn jemand aus der Familie nachts wieder aus der Notaufnahme abgeholt werden müsse: „Doch wir sind all unseren Patienten verpflichtet und müssen daher verantwortungsvoll mit unseren verfügbaren Betten und personellen Ressourcen umgehen.“
Dr. Felix Rockmann, Chefarzt des Notfallzentrums am Regensburger Krankenhaus Barmherzige Brüder, sagt, dass es eine Vorgabe der Krankenkassen sei, dass Patienten, deren medizinische Probleme ambulant gelöst werden können, nicht stationär aufgenommen werden. Dies könne auf den geschilderten Vorfall durchaus zutreffen, führt Rockmann aus: „Wenn eine bekannte Diabeteserkrankung nach einer Unterzuckerung ambulant eingestellt werden kann und keine weitere medizinische Behandlung notwendig ist.“ Es sei aber verständlich, sagt er, dass es für Angehörige unangenehm ist, nachts ein Familienmitglied abzuholen.
Es gibt Beschimpfungen
Es könne auch ein Krankentransport angefordert werden. Hier gebe es beizeiten aber längere Wartezeiten. „Zudem werden die Kosten für den Krankentransport in der Regel nur für den Weg in die Notaufnahme übernommen“, sagt Rockmann. Grundsätzlich würden sich Patienten und Angehörige im Krankenhaus, insbesondere in der Notaufnahme, oft in emotional belastenden Ausnahmesituationen befinden. „Dies führt leider mitunter zu Konflikten, die bis zu Beschimpfungen, Bedrohungen oder sogar Handgreiflichkeiten reichen können.“
Die Mitarbeiter seien deswegen speziell geschult, um in solchen Situationen möglichst deeskalierend vorgehen zu können. Für die Patienten und Angehörigen gebe es mit dem Beschwerdemanagement sowie der Patientenfürsprecherin auch konkrete Anlaufstellen für Kritik.