Ein großer Störfaktor: Regensburger Coachin gibt Tipps für ein empathisches Miteinander

Eine Freundschaft wegen eines harmlosen Streits aufs Spiel setzen, weil sich keine gemeinsame Lösung findet? Die Sicht des anderen zu verstehen zahlt sich aus. Wie das im Alltag leichter funktioniert, erklärt die Regensburgerin Andrea Grabert, die den Perspektivwechsel zu ihrem Beruf gemacht hat.
Frau Grabert, welche Rolle spielt der Perspektivwechsel in Ihrem Job?
Andrea Grabert: Ich biete Supervisionen und Coachings für soziale Einrichtungen und Unternehmen an. Im Mittelpunkt stehen bestimmte Gegebenheiten – meist Problemstellungen – und die verschiedenen Sichtweisen, die Personen eines Teams darauf haben. Durch meine neutrale Begleitung und Moderation lernen die Teilnehmer, ihren Blick zu weiten und gemeinsam eine Lösung zu finden. Damit hat der Perspektivwechsel eine Schlüsselfunktion.
Teilnehmer lernen also, neue Sichtweisen einzunehmen. Warum ist das für den Erfolg so wichtig?
Grabert: Ein Glas kann halb voll oder halb leer sein. Dieses Bild kennt jeder. Die Sichtweise auf eine Gegebenheit ist entscheidend dafür, mit welcher Motivation und Kreativität ich an die Problemlösung herangehe. Im Austausch profitieren Menschen von den verschiedenen Sichtweisen, wobei eine gemeinsame Wahrnehmung entsteht. Das bildet ein starkes Fundament für die Weiterarbeit.
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Ein tragendes Netzwerk bauen
Sie teilen das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry: „Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.“ Wenn dieser Wechsel nicht stattfindet, kenne ich dann nur die halbe Wahrheit?
Grabert: Ich würde nicht einmal sagen, die halbe Wahrheit. Der Mensch hat eine stark eingeschränkte subjektive Sichtweise. Jeder hat einen blinden Fleck in der Wahrnehmung. Aber es schafft viel Klarheit, wenn ich weiß, dass meine Perspektive nicht die Einzige ist. Trotz dieses Wissens kann eine Person die Wahrheit nie ganz erschließen.
Welche Vorteile ergeben sich dennoch für Menschen, die fähig sind, die Sicht ihres Gegenübers einzunehmen?
Grabert: Ganz einnehmen kann man die Sicht vom Gegenüber nicht, aber zumindest kann diese ein Stück weit nachvollziehbar werden. So kann ich angemessen darauf reagieren. Wer versteht, warum der andere so reagiert, nimmt sein Gegenüber nicht als Gegner wahr. Zunächst einmal profitiert eher das Umfeld, also die Arbeitsatmosphäre oder das Team, von der gezeigten Empathie. So entsteht automatisch ein tragendes Netzwerk, das einen später wieder auffängt.
Welche Macht hat Ihrer Ansicht nach der Perspektivwechsel?
Grabert: Unter Einbezug vieler Perspektiven ergeben sich kreative überraschende Impulse und Lösungen, auf die man sonst vielleicht nicht gekommen wäre.
Parthologischer Grund für fehlende Empathie
Woran liegt es aber, dass vielen Menschen dieser Schritt so schwerfällt? Zeugt dieses Verhalten unmittelbar von fehlender Empathie oder lässt sich die Fähigkeit erlernen?
Grabert: Grundsätzlich, wenn jemand in ein Coaching mit so einer Fragestellung kommt, wie Sie gerade, dann ist die halbe Miete gewonnen. Empathie ist lehrbar, wenn die richtige Motivation dahinter steckt. Es müsste ein pathologischer Grund dahinter sein, wenn das nicht geht. Dennoch gibt es Situationen, wo es schwer ist, einfühlsam zu sein, wie zum Beispiel in Stresssituationen. Dann bekommt man einen Tunnelblick und ist mit sich selbst beschäftigt. Auch bei einem Konflikt versuchen die beiden Fronten zunächst den eigenen Standpunkt durchzusetzen. Überzeugtes Einzelkämpfertum oder Machtstreben stehen der Empathie entgegen.
Vielleicht macht man manche Dinge irgendwann nur noch, weil sie zum Ablauf gehören und nicht, weil sie der beste Weg sind.
Andrea Grabert, Perspektivwechselcoach
Kann eine einseitige Sichtweise auf Dauer also zum Verlust sozialer Beziehungen führen?
Grabert: Das lässt sich ganz klar mit ja beantworten. Ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken ist sehr störend für soziale Beziehungen.
Starke Emotionen erschweren Perspektivwechsel
Weil der Mensch bekanntlich ein Gewohnheitstier ist, fällt er gerne in alte Verhaltensmuster zurück. Welche Rolle spielt hierbei die Reflexion?
Grabert: Zunächst möchte ich anmerken, dass Gewohnheiten und Rituale für den Alltag wichtig sind. Allerdings sollten diese immer wieder überprüft werden. Vielleicht macht man manche Dinge irgendwann nur noch, weil sie zum Ablauf gehören und nicht, weil sie der beste Weg sind. Durch Reflexion distanziere ich mich innerlich von einem Verhalten und lasse dieses aus der Meta-Ebene Revue passieren. Dann wird klar, welche Handlungsoptionen es außerdem gibt, die ich zukünftig etablieren kann.
Wer starke Emotionen verspürt, wehrt sich gegen neue Perspektiven. Es kann helfen, eine Nacht darüber zu schlafen.
Andrea Grabert, Perspektivwechselcoach
Mit welchen drei Tipps gelingt Ihrer Meinung nach der Perspektivwechsel im Alltag?
Grabert: Jeder sollte ab und an versuchen Gewohnheiten zu durchbrechen und etwas Neues ausprobieren. Es ist wichtig, sich stetig um einen Perspektivwechsel zu bemühen und gezielt Freunde oder Familienmitglieder nach ihrer Meinung zu fragen. Um offen für andere Ansichten zu sein, ist es von Vorteil eine entspannte Situation abzuwarten, wie einen Spaziergang oder einen Grillabend. Wer starke Emotionen verspürt, wehrt sich gegen neue Perspektiven. Es kann helfen, eine Nacht darüber zu schlafen.
In welchen Situationen ist es denn dringend nötig, diese Fähigkeit zu beherrschen?
Grabert: Wenn Gruppendruck herrscht, braucht es viel Mut, sich nicht in eine Ecke drängen zu lassen und für eine Sicht-Erweiterung einzustehen. Im Konflikt ist es wichtig, zeitnah eine andere Perspektive zuzulassen, um einer Eskalation entgegenzuwirken.