Vom Schlaganfall bis ein paar Bier zu viel: Ein Sonntag im Notfallzentrum Regensburg

Von Isolde Stöcker-Gietl · 22. Juli 2025 um 05:00

Chefarzt Felix Rockmann und sein Team sind umgeben von Schmerzen und Angst – und doch spenden sie auch in hektischen Momenten menschliche Zuwendung.Unsere Reporterin hat die Ärzte im größten Notfallzentrum der Oberpfalz am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburgeinen Tag lang begleitet.

Video ansehen

Der Schockraum ist vorbereitet. Drei Ärzte warten auf die Ankunft des Rettungswagens. Niemand weiß, was sich in dem hochtechnisierten Setting in den nächsten Minuten abspielen wird, wenngleich der Ablauf einem standardisierten Modus folgt. Wer hier versorgt wird, ist in einer potenziell lebensbedrohlichen Gefahr. Doch die Informationen der Leitstelle zu der 88-jährigen Patientin sind spärlich. Akute Atemnot, heißt es. Und dass sie vor ein paar Stunden noch „pumperlgesund“ gewesen sei. Chefarzt Dr. Felix Rockmann, Leiter des Notfallzentrums am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg, instruiert sein Team. Alles andere muss warten. Die betagte Seniorin genießt jetzt höchste Priorität.

Lesen Sie hier: Sogar Spitzenklinik gerät in Geldnot

Ein Sonntag in der größten Notaufnahme der Oberpfalz. Bis zu 50 Patienten können hier rund um die Uhr gleichzeitig versorgt werden, erläutert Rockmann. 88 waren es am Samstag, an hochfrequentierten Tagen können es auch mal 150 sein. So kamen übers Jahr 2024 rund 36.000 Fälle an der Klinik zusammen. Zum Vergleich: Bundesweit sind es täglich rund 34.000 Notfall-Patienten. Vom gebrochenen Fußknöchel über Herzinfarkt und Schlaganfall bis zu Unfallopfern reicht das Spektrum. Und etwa einmal in der Woche können die Ärzte im Notfallzentrum der Barmherzigen Brüder auch mit den modernsten medizinischen Möglichkeiten nichts mehr tun. Dann bleibt nur, den Angehörigen einen geschützten Rahmen für den Abschied zu geben.

Chefarzt Dr. Felix Rockmann leitet das Notfallzentrum. Reporterin Isolde Stöcker-Gietl durfte ihn einen Sonntagsdienst begleiten. - Foto: Isolde Stöcker-Gietl

Aufmunternd und herzlich

Was das Team um Rockmann erwartet, dem heute zwei Internisten, ein Chirurg und eine neurologische Assistenzärztin angehören, kann niemand im Voraus beantworten. Jetzt, kurz vor acht Uhr, ist es noch ruhig. Rockmann verschafft sich bei der Visite einen Überblick. Fünf der sechs Betten auf der Akutstation wurden in der vergangenen Nacht belegt. Ein Hornissenstich mit allergischer Reaktion ist darunter und auch ein Mann, der beim Feiern seinen Alkohol-Pegelstand nicht mehr richtig einschätzen konnte und gestürzt ist.

Rockmann begegnet allen mit der gleichen aufmunternden Herzlichkeit. Den Feiernden mahnt er, sich künftig heimbegleiten zu lassen. Mit der schwerhörigen, gestürzten Seniorin scherzt er einige Dezibel über Zimmerlautstärke. Den Radfahrer muss er vertrösten. Er kann wegen seiner Kopfverletzungen nicht nach Hause.

Vier Patienten der roten Sichtungskategorie

In der Leitstelle, einer Art Rondell mit mehreren Computerarbeitsplätzen, großen Bildschirmen rundherum und vielen Flaschen Desinfektionsmittel, die wegen der hohen Anforderungen an die Sterilität überall griffbereit stehen, besprechen die Ärzte die jeweiligen Behandlungsoptionen. Auf einer digitalen Anzeige stehen dazu die wichtigsten Informationen: Geschlecht und Alter der Patienten, Informationen zu Vorerkrankungen und akuten Beschwerden. Daneben farblich gekennzeichnet die sogenannte Triage in rot, gelb oder grün. Patienten, denen eine grüne Sichtungskategorie zugeordnet wird, sind „nicht dringlich“ und müssen längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Wer mit einer roten Priorität versehen ist, muss unverzüglich behandelt werden, erläutert Rockmann. An diesem Sonntag werden tagsüber vier Patienten dieser roten Kategorie zugewiesen. Drei, bei denen sich Schlaganfall-Anzeichen zeigen und die 88-Jährige im Schockraum.

Harte Bauchdecke: Der Ultraschall bringt hier Klarheit. - Foto: Stöcker-Gietl

In den Behandlungsräumen, die Rockmann und seine Kollegen den ganzen Tag im Laufschritt abarbeiten, sitzen auch Patienten mit Kopfschmerzen oder Schwindel, die sie zum Teil schon seit Tagen plagen, wie sie erzählen. Aber warum kommen sie jetzt in die Notaufnahme statt am Montag eine Hausarztpraxis aufzusuchen? „Diese Menschen haben Angst“, sagt Rockmann. Manchmal sind es die Patienten selbst, manchmal Angehörige, die nicht länger warten können. Rockmann hat dafür Verständnis. Doch er verweist auch auf die Kostenthematik. Denn es ist kostenintensiver in der personell besser ausgestatteten Notaufnahme zu behandeln, als in einer Praxis. Nur vergütet wird das von den Krankenkassen nicht. Notaufnahmen sind also ein defizitäres Geschäft und an kleineren Krankenhäusern nur noch schwer aufrecht zu erhalten. In Regensburg werden Notfälle, die sich selbst einweisen und keine umfassende Diagnostik erfordern, deshalb tagsüber in die KVB-Praxis gelotst.

Ein todernstes Gespräch

Rockmann ist inzwischen in einem der Behandlungszimmer bei einem 72-jährigen Patienten. Der Mann hat große Probleme mit dem Atmen, fiebert und zeigt Anzeichen einer Infektion. Die Bilder aus der Computertomographie zeigen den traurigen Grund: Lungenkrebs im Endstadium. Und Rockmann will den Mann nicht im Unklaren über die ernste Situation lassen. Auch das ist eine Aufgabe, die in der Notfallmedizin täglich auch in größter Hektik gemeistert werden muss. „Sie haben einen Infekt. Es kann sein, dass sie daran sterben“, sagt Rockmann zu dem Krebspatienten. Und der wirkt erstaunlich aufgeräumt. „Wenn es so weit ist, dann ist es so weit“, entgegnet er. Der Arzt drückt ihm mitfühlend die Hand. Dann eilt er zurück ins Rondell, wo schon wieder Neuzugänge warten.

Lesen Sie hier: Krankenhaus-Mammut-Projekt in Regensburg

Eine Urlauberin, die wegen starker Herzbeschwerden statt auf der Donau-Kreuzfahrt nun im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder einchecken muss. Ein Patient, der seit zehn Tagen keinen Stuhlgang hatte. Gebrochene Handgelenke, blaue Zehen, offene Wunden. Und der junge Fußballer, der sich die Kniescheibe ausgerenkt hat und mit seinen 21 Jahren den Altersschnitt an diesem Sonntag deutlich senkt. Arztbriefe schreiben, Betten auf den Stationen buchen, Angehörige anrufen. In der Notaufnahme sind die Ärzte auch Seelsorger und Sekretär.

Bei der 88-Jährigen im Schockraum ist die Behandlung für den Moment erfolgreich verlaufen. Sie wird stationär weiterbehandelt, so wie im Schnitt 45 Prozent der Notfallpatienten. Ein eher ruhiger Sonntag geht nun langsam zu Ende. Für Montag rechnet Rockmann mit deutlich mehr Ansturm. „Da kommen all jene, die sich noch durchs Wochenende geschleppt haben.“

Starker Kopfschmerz: Diese Patientin erhält eine Infusion. - Foto: Stöcker-Gietl