Kulturtempel statt Gotteshaus: Was wird aus Regensburgs ungenutzten Kirchen?

Von Heike Haala · 6. September 2025 um 05:00

Bei bis zu der Hälfte der Kirchen in Deutschland könnte sich in den kommenden Jahren die Frage nach einer neuen Nutzung stellen, ist sich eine Expertin sicher. In Stadt und Landkreis Regensburg gibt es erste Antworten darauf. In einem Fall lautet die momentan aber: Abriss.

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Vor diesem Schritt warnt Prof. Karin Berkemann. Sie hat vor einem Jahr das Kirchenmanifest ins Leben gerufen, dessen Unterstützer ehemalige Kirchenräume mit Hilfe von Stiftungen erhalten wollen. Über das Religiöse hinaus prägen Kirchen für sie auch einen Stadtteil. Zudem seien sie ein Ort der Geschichte, der Kunst, der Demokratie- und Sinnerfahrung. „Es steckt also viel Energie in ihnen: reale Energie beim Bauen und kreative Idee beim Gestalten“, verdeutlicht Berkemann den Wert, den die Gebäude in ihren Augen haben.

Denn was weg ist, ist weg.“

Prof. Karin Berkemann, gründete das Kirchenmanifest

Die Frage der Nachnutzung betreffe auch nicht allein einzelne Gebäude, sondern werde sich in den kommenden Jahren bei einem Drittel bis zu einer Hälfte der zwischen 40000 und 45000 Kirchen bundesweit stellen. „Wir reden hier von einer Kulturlandschaft, die sich im besten Fall verändert und im schlechtesten verschwindet“, verdeutlicht sie. Und mahnt zur Vorsicht: „Denn was weg ist, ist weg.“

In Stadt und Landkreis Regensburg sei im Moment zwar nicht vorgesehen, weitere Kirchen zu entwidmen, geben Paul Höschl, Baudirektor beim Bistum Regensburg, und Anke Polednik, Pressesprecherin beim Donaudekanat, Auskunft. Allerdings spricht Polednik auch das Immobilienkonzept der Landeskirche an, das erst in einiger Zeit endgültige Antworten liefern werde. Zudem sorgten zuletzt auch etliche Regensburger Kirchengebäude mit der Frage nach ihrer Zukunft für Schlagzeilen und Betroffenheit.

Die Kreuzkirche im Regensburger Stadtosten soll abgerissen werden. - Foto: Haala

Etwa standen vor einem Jahr noch der Verkauf und die Entwidmung von St. Oswald im Westen der Altstadt im Raum. Das beobachteten Menschen aus dem Umfeld der Gemeinde mit Sorge. Sie verwiesen auf die kulturellen Veranstaltungen, die vor der Sanierung regelmäßig in der Kirche stattfanden, die wertvolle Orgel oder den einzigartigen Charakter des Raums, die bei der zukünftigen Nutzung nicht außer Acht gelassen werden dürften. Inzwischen plane das Dekanat eine kulturelle und kirchliche Nutzung, erklärte Stadtdekan Jörg Breu kürzlich.

Die Erlöserkirche in Beratzhausen und St. Theresia in Kumpfmühl erleben dagegen gerade so etwas wie eine Wiedergeburt. Wohnungen, Einzelzimmer, Appartements: Die Lebenshilfe Regensburg errichtet eine Wohnstätte für 24 Menschen mit Behinderung in der ehemaligen Erlöserkirche. Sie sollen noch in diesem Jahr einziehen. Die Orgel wurde in eine Holzkiste verpackt, ein Raum für Gottesdienste ist geblieben, im Turm fand der Lift Platz.

St. Oswald in Regensburg: Entwidmung und Verkauf sind vom Tisch. - Foto: Hell

Wenn das kulturelle Leben in Regensburg in der zweiten Septemberhälfte nach der Sommerpause wieder Fahrt aufnimmt, wird sich die ehemalige Kirche St. Theresia als neuer Kulturtempel und weiterer Veranstaltungsort präsentieren. Los geht es am 20. und 21. September mit einer Licht- und Soundinstallation von Audionaut Max Zeller. Eine ähnliche Show habe er schon einmal in der ebenfalls entwidmeten Spitalkirche in Amberg gezeigt. Leere Kirchen in einem Zwischenstadium bezeichnet er als spannende Räume.

Für das Immobilien Zentrum (IZ), dessen Günder Thomas Dietlmeier das Gebäude erwarb, ist es ein Raum für Ideen. Theresia soll das neue kulturelle Zentrum Kumpfmühls werden. Geplant seien kulturelle Veranstaltungen und öffentliche Events, wie Ausstellungen, Konzerte oder Vorträge. Die ehemalige Kirche wurde nach der Profanierung im Juli 2024 im Außenbereich saniert. Das Dach, die Außenfassade sowie der 45 Meter hohe Kirchturm, der als Wahrzeichen des Ortes gilt, erstrahlen nun wieder in neuem Glanz. Die Glocken befinden sich auf Wunsch des neuen Eigentümers weiterhin im Kirchturm und werden bei besonderen Ereignissen wieder erklingen, gibt das IZ Auskunft. Sitzbänke, Hauptaltar, Nebenaltäre, Orgel und Beichtstühle seien aber ausgebaut worden und sollen in österreichischen sowie in polnischen Kirchen eine neue Verwendung erhalten.

Veranstaltungen im Theresia – Raum für Ideen

• Audionaut: Am 20. und 21. September ist ab 20 Uhr eine Licht- und Soundinstallation zu sehen.

• Buchvorstellung: Am 25. September um 19.30 Uhr ist die Präsentation der 14. Ausgabe des Periodikums „Der Vitusbach“ mit dem Thema 80 Jahre Kriegsende in Kumpfmühl – Zusammenbruch und Neuanfang von Dr. Rainer Girg, Vorsitzender des Geschichts- und Kulturvereins Regensburg-Kumpfmühl.

• Benefizveranstaltung: Sie organisiert die Leukämiehilfe Ostbayern am 26. September.

• Ausstellung: Von 10. bis 12. Oktober ist „8 Fotografen“ mit Maria Maier, Petra Homeier, Simon H. Süß, Herbert Stolz, Martin Rosner, Stefan Effenhauser, Wolfram Schmidt und Maximilian Weinzierl zu sehen.

• Konzert: Am 18. Oktober um 19 Uhr spielt das Ensemble Melodic Marketplace.

• Ideen: Wer eine Idee für Theresia hat, kann sich beim Team melden unter info@theresia-regensburg.de

Das Schicksal der ehemaligen Kreuzkirche im Stadtosten dagegen scheint besiegelt. Auf dem Gelände sollen nach dem Abriss der Kirche und des Gemeindehauses Wohnungen entstehen. Berkemann aber kennt viele Ideen für Plätze wie diesen. „Die Frage ist nur: Was ist gut?“, sagt sie. Möglich seien in einem solchen Fall generell etwa die Nutzung als Bürgerhaus, als Raum für Vereine, als Dorfladen in einem Teil der Kirche, als soziale Einrichtung wie eine Tafel, die Umwandlung in eine Sportkirche zum Klettern, eine Nutzung als Aula oder Schulturnhalle sowie als eine Bühne für Musik, Kunst oder Tanz. Denkbar sei auch, dass eine Urnenkirche entsteht oder dass Bestattungsinstitute den Raum als Trauersaal nutzen. Wenn Kirchen den öffentlichen Charakter verlieren, ziehen laut Berkemann oft Ferienwohnungen, Wohnungen, Büros, Firmen oder Ladengeschäfte ein.

„Wer solche Räume neu beleben will, sollte früh und laut sagen, dass es Probleme gibt“, rät sie. Dann könnten Interessenten reagieren. Als gelungenes Beispiel für eine erweiterte Kirchennutzung nennt sie das Projekt „Maria als“ in Stuttgart. Hier habe man die Türe aufgemacht und verschiedene Initiativen vor Ort viel probieren lassen. In der Experimentierphase sei sogar einmal ein Trampolin in der Kirche gestanden.