Klinikum Neumarkt rückt Selbsthilfe in den Fokus: Hand in Hand für die Patienten

Von Eva Gaupp · 28. August 2025 um 15:48

Wird ein Patient aus dem Krankenhaus entlassen, muss er allein mit seiner Erkrankung oder den Folgen einer Operation zurecht kommen. Unterstützung bieten dann die 32 Selbsthilfegruppen im Landkreis. Mit ihnen will das Klinikum Neumarkt enger zusammenarbeiten. Aber auch die Gruppen erhoffen sich viel von der neuen Initiative.

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„Es gibt eine große Schnittmenge zwischen den Krankheitsbildern, die bei uns im Klinikum behandelt werden, und den Selbsthilfegruppen im Landkreis“, sagt Nadine Fanderl. Sie ist die Pflegedienstleiterin, aber seit kurzem auch neue „Selbsthilfe-Beauftragte“ des Klinikums. Ihr Ziel ist es, den Informationsaustausch zwischen Klinikum und Selbsthilfegruppen zu verstetigen und damit die Betreuung und Versorgung der Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt zu verbessern.

Pflegedirektor René Sossau nennt dies einen „Triple-Win-Ansatz“: Denn neben den Patienten profitierten von einer engeren Zusammenarbeit auch die Selbsthilfegruppen (SHG) und das Klinikum selbst. Bisher hätten vor allem die Gastroenterologie sowie die Gynäkologie mit Selbsthilfegruppen zusammengearbeitet. Es liegen Flyer aus und teilweise empfehlen Ärzte oder Pflegekräfte Selbsthilfegruppen – jedoch noch zu wenig, weiß Fanderl. „Jetzt wollen wir uns breiter aufstellen“, ergänzt Sossau.

Klinikum Neumarkt plant regelmäßigen Austausch mit Selbsthilfegruppen

In einem ersten Schritt hat Nadine Fanderl im Juli alle SHG zu einem Treffen eingeladen. Sieben seien gekommen und Fanderl spricht von einer „super Diskussion“. Ab sofort soll es einmal im Quartal so einen Austausch geben, einbezogen wird das Gesundheitsamt, das sich als Partner für Selbsthilfegruppen versteht.

Inzwischen ist das Klinikum Neumarkt Mitglied im „Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen“. Dieses schreibt Qualitätskriterien vor, damit sich eine Einrichtung als „selbsthilfefreudlich“ bezeichnen darf. Dazu gehört es, die Mitarbeitenden im Haus über das Angebot an SHG zu informieren. Deshalb will Fanderl als nächstes einen Steuerkreis bilden mit Vertretern aus dem ärztlichen Dienst, der Pflege und dem Qualitätsmanagement.

Mein großer Wunsch ist es, über das Krankheitsbild aufzuklären und eine Sensibilisierung im Klinikalltag zu erreichen.“

Nadja Schiller, Sprecherin von „Lip-Lymph-Lebensfreude“

Nadja Schiller verspricht sich sehr viel von dieser Vernetzung: Denn Frauen, die wie sie unter einem Lipödem leiden, würden oft nur als übergewichtig eingestuft. Es habe Jahre gedauert, bis ein Facharzt bei ihr die Diagnose gestellt habe. „Mein großer Wunsch ist es, über das Krankheitsbild aufzuklären und eine Sensibilisierung im Klinikalltag zu erreichen“, sagt die Sprecherin von „Lip-Lymph-Lebensfreude“. Denn allein eine Blutdruckmanschette am Oberarm anzulegen, bereite nicht nur große Schmerzen, sondern sorge für massive Blutergüsse.

„Man wird nach der Diagnose oft allein gelassen – entweder mit zu viel oder zu wenig Information“, sagt Schiller. Da könne eine Selbsthilfegruppe weiterhelfen. Zumal, da es im Landkreis Neumarkt keine medizinischen Fachzentren für Lip- oder Lymphödeme gebe. „Ich habe deshalb angeboten, Patienten im Klinikum zu besuchen und zu informieren.“

Das machen die Mitglieder der Ilco-Stoma-Selbsthilfegruppe schon seit Jahren, wie der Gruppensprecher Martin Ochsenkühn erklärt. Sie beraten Patienten , die schon einen künstlichen Darmausgang bekommen haben oder kurz vor der OP stehen.

Er kenne jedoch andere Krankenhäuser, die enger mit Selbsthilfegruppen zusammenarbeiten. Früher habe es Audits mit dem Darmkrebszentrum in Neumarkt gegeben, diese seien aber seltener geworden. Was ein künstlicher Darmausgang für die Betroffenen im Alltag bedeute, darüber könnten Betroffene anders berichten als Mediziner, sagt Ochsenkühn. „Wir stellen beispielsweise Produkte vor oder sprechen über Probleme, die erst im Nachhinein auftreten.“

Info-Stände am „Tag der Selbsthilfe“ im Klinikum Neumarkt

Ob sich die SHG am Aktionstag für Selbsthilfe am 16. September im Klinikum beteiligen wird, stehe noch nicht fest. Bei den Selbsthilfetagen im Landratsamt sei das Interesse der Besucher nicht allzugroß gewesen. „Vielleicht erreichen wir mehr Menschen im Klinikum.“

Für Helgard Kübler von der Diabetiker Selbsthilfegruppe Neumarkt ist gerade dieser Aktionstag eine Chance, sich Betroffenen sowie deren Angehörigen vorzustellen. Gleichzeitig erhofft sie sich, durch den engeren Austausch vielleicht Fachpersonal zu gewinnen, das den einen oder anderen Vortrag vor den Mitgliedern halten könnte – zum Beispiel über Wundmanagement.

Für Ramona Lautenschlager bedeutet die Initiative des Klinikums noch viel mehr als eine Chance: Sie verbindet damit eine große Hoffnung. Die junge Frau hat vor einem Jahr eine Selbsthilfegruppe für Betroffene von Post Vac, Post Covid und ME/CFS gegründet. Während in der Öffentlichkeit gesundheitliche Folgen nach einer Corona-Infektion nicht infrage gestellt werden, müssen Personen, die an denselben Symptomen nach einer Corona-Impfung leiden, noch immer um eine Anerkennung kämpfen. Die Diagnostik für sie ist genauso komplex wie für Menschen, die an Myalgischer Enzephalomyelitis bzw. Chronischem Fatigue Syndrom erkrankt sind.

Nadine Fanderl ist Pflegedienstleiterin am Klinikum Neumarkt. René Sossau Pflegedirektor. - Foto: Eva Gaupp

Dass das Klinikum sie zu Gesprächen einladen möchte, Betroffene ernst nimmt und bereit ist, ihre Bedürfnisse in den Klinikalltag aufzunehmen, empfindet Lautenschlager als etwas ganz Besonderes. Schon beim ersten Gespräch habe sie eine große Aufgeschlossenheit aufseiten des Klinikums wahrgenommen.

Deshalb wollen sie und andere Mitglieder der SHG unbedingt an dem Aktionstag teilnehmen – auch wenn es für Menschen, die unter vielfachen Symptomen wie Muskel- und Nervenschmerzen sowie extremer Erschöpfung leiden, eine enorme Herausforderung bedeutet. Darum werden sie Schichten für die vier Stunden einteilen, sagt Lautenschlager. „Auch wenn ich weiß, dass es uns am folgenden Tag gesundheitlich schlechter gehen wird – das ist es uns wert.“

Informationen zum Aktionstag am 16. September in Neumarkt

• Termin: Der 16. September ist der bundesweite „Tag der Selbsthilfe“. Initiiert wurde er von der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (NAKOS) und ihrem Träger, der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (DAG SHG).

• Angebot: Das Klinikum Neumarkt organisiert von 10 bis 14 Uhr im Eingangsbereich Informationsstände, an denen sich Selbsthilfegruppen vorstellen. Interessierte können mit den Vertretern ins Gespräch kommen und deren Angebote kennenlernen.

• Teilnehmer: Noch steht nicht konkret fest, welche Selbsthilfegruppen (SHG) vertreten sein werden. Voraussichtlich sind dabei: Diabetiker SHG Neumarkt; SHG Lymphödem/Lipödem; Post Vac, Post Covid und ME/CFS SHG; Chronische Borreliose – SHG Schwarzachtal; Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe FSG Neumarkt sowie SHG Angehörige um Suizid. Außerdem sind die Selbsthilfebeauftragte des Klinikums, Nadine Fanderl, und Claudia Zölfl-Setschödi vom Neumarkter Gesundheitsamt vor Ort.