Post-Vac: Erst kam die Impfung gegen Corona, dann wurden zwei Neumarkter schwer krank

Im April 2023 hat die deutsche Politik die Coronapandemie offiziell für beendet erklärt. Während die meisten Menschen seitdem wieder ihren normalen Alltag leben, ist für Ramona Lautenschlager aus Neumarkt nichts mehr wie es war. Sie leidet an Post-Vac, an massiven gesundheitlichen Folgen nach der Impfung gegen Covid 19. Die zuständige Behörde jedoch erkennt den Impfschaden nicht an.
„Ich bin kein Impfgegner“, sagt die 29-Jährige. Sie hat sich sogar dreimal gegen das Coronavirus impfen lassen. Aus Überzeugung, dass es das Beste sei. Für sich und ihre Umwelt, weil sie damals in der Krankenhausverwaltung gearbeitet hat.
Nach der Boosterimpfung im Mai 2021 fingen die Symptome an. Herzstechen, Pulsrasen, Erschöpfungszustände. Doch wie viele Patienten, die an Long Covid leiden, musste auch die Velburgerin erst eine Ärzte-Odyssee durchleben, bis sie an einen Mediziner geraten ist, der den Zusammenhang zwischen der Corona-Impfung und ihren Beschwerden hergestellt hat.
Sport kann für Post-Vac-Patienten mit Herzmuskelentzündung lebensgefährlich sein
Ob Hausarzt oder Notaufnahme – monatelang kehrte sie immer wieder ohne eine konkrete Diagnose oder Therapie nach Hause zurück. „Mal wurde mir geraten, mehr zu trinken, mal mehr Sport zu treiben“, erzählt die 29-Jährige. Dann wurde eine Herzmuskelentzündung festgestellt. Eine körperliche Belastung mit dieser Erkrankung – „das hätte schief gehen können“, sagt Lautenschlager im Nachhinein. Denn das kann für Patienten mit Herzmuskelentzündung lebensbedrohlich sein.
Andere Ärzte hätten ihr ins Gesicht gesagt, dass die Krankenkasse all die Untersuchungen nicht abdecke, die bei ihr notwendig seien und sie deshalb ein zu kostspieliger Patient sei. Nachdem sie rund neun Kilo abgenommen hatte, bekam sie sogar zu hören, die meisten jungen Frauen wollten doch schlank sein.
Ein Jahr habe es gedauert, bis ein Arzt sie komplett durchgecheckt hat. Ihr Glück: Sie fand den Kardiologen Jörg-Heiner Möller von der Asklepios-Klinik in Burglengenfeld. „Er ist wie ein Doktorvater für mich geworden“, sagt die 29-Jährige und gibt dem Wort eine ganz neue Bedeutung. Er nehme sie ernst, unterstütze sie, sei für sie ein ganz wichtiger Ansprechpartner geworden. „Das ist ein Mensch, der alles versucht hat und immer noch alles versucht.“
Möller habe nicht nur eindeutig den Zusammenhang zwischen der Impfung und ihrer Erkrankungen hergestellt, sondern ihr auch erklärt, an wen sie sich wenden kann, wenn sie wegen eines Impfschadens eine Entschädigung beantragen möchte.
Was Thomas Bayerl erlebt hat, deckt sich mit den Schilderungen von Ramona Lautenschlager. Viele Neumarkter – vor allem Landwirte – kennen den früheren Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands (BBV). „Nach der Impfung habe ich gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich habe dann selbst eine Meldung an das Paul-Ehrlich-Institut gemacht, aber von dort nie mehr wieder was gehört.“
Er leide vor allem an massiver Erschöpfung, der Fatigue. „Man kann sich das vorstellen wie ein grippeartiges Krankheitsgefühl, das einen bei einer Grippe bettlägerig macht.“ Die kleinste physische oder psychische Anstrengung könne zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands führen, von der man sich erst Tage oder sogar Wochen später langsam wieder erhole, wenn man streng liegenbleibe.
„Wenn man mich draußen sieht, erkennt man keines der Symptome.“ Thomas Bayerl
Das Problem, nicht ernst genommen zu werden, hat Bayerl ebenfalls erfahren. Auch in Situationen, wenn er ausnahmsweise einmal vor die Tür gehen konnte: „Wenn man mich draußen sieht, erkennt man keines der Symptome.“ Deshalb bekomme er manchmal zu hören, er sehe doch „ganz gut aus“. Gemeinsame Unternehmungen mit der Familie seien kaum möglich, sagt Thomas Bayerl. Die meiste Zeit verbringe er zuhause. Liegend.
„Trotz der Beteuerungen der Gesundheitspolitiker, dass es eine Versorgung für die Betroffenen gebe, empfinden wir Betroffenen das anders“, sagt Bayerl. Viele Anträge auf Schwerbehinderung, Anerkennung von Impfschäden oder Rentenleistungen würden von den Versicherungen, Versorgungsämtern und Rentenversicherungen abgelehnt.
Wer die Kraft dazu habe, kämpfe, gehe in den Widerspruch oder die Klage. „Die anderen Betroffenen werden sozial abgehängt und landen im Arbeitslosengeld und schließlich im Bürgergeld.“
Tatsächlich hat das zuständige Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS) den ersten Antrag auf Schadenersatz von Ramona Lautenschlager trotz der medizinischen Unterlagen abgelehnt. Das Paul-Ehrlich-Institut liste diese Beschwerden nicht, habe die Begründung gelautet. Und das, obwohl der Kardiologie Möller die Folgen der Impfungen immer an das Institut weiterleite, erzählt sie. Sie hat Widerspruch eingelegt. Doch sie rechnet mit einer erneuten Ablehnung. Dann werde es wohl zu einer Klage kommen.
Vorausgesetzt, sie finde die Kraft zu kämpfen. Das Verfahren zieht sich schon Monate in die Länge, weil sie immer wieder für mehrere Wochen im Krankenhaus lag. Dreimal musste sie allein dieses Jahr schon stationär behandelt werden. Eine Blutwäsche in Hannover habe die Fatigue leider nur für ein halbes Jahr gelindert. „Die Schmerzen im ganzen Körper sind geblieben.“
Hoffnung auf Studie in Erlangen mit BC007
Inzwischen ist Ramona Lautenschlager in die deutschlandweit bekannte Studie im Post-Covid-Zentrum der Universitätsklinik Erlangen aufgenommen worden. Nach einem Cortisonstoß gehe es ihr gerade etwas besser. Sie hofft auf das Medikament BC007 der Firma Berlin Cure. Es zeigt vielversprechende Ansätze bei der Bekämpfung von Autoantikörpern, die bei Post-Covid-Patienten wie auch bei Post-Vac-Patienten nachgewiesen wurden. Sie werden vom Immunsystem gebildet und richten sich gegen körpereigenes, gesundes Gewebe. „Ich bin froh, dass ich diese Chance bekomme.“
„Die Krankheit hat mich gelehrt, dass man nicht in die Zukunft schauen kann.“ Ramona Lautenschlager
Hoffnung geben ihr auch Gespräche mit anderen Betroffenen. Deshalb will sie eine Selbsthilfegruppe gründen. Am Montag, 5. August, um 18 Uhr hat sie das erste Treffen im Jugendheim Oberwiesenacker geplant. „Das Schlimmste ist, mit dieser Krankheit allein zu sein. Man bekommt so Gedanken....“, deutet Lautenschlager an. In einer WhatsApp-Gruppe tauscht sie sich schon lange mit anderen Patienten aus. Zwei von ihnen sind nicht mehr dabei, sie haben ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt.
Thomas Bayerl unterstützt die 29-Jährige in diesem Ansinnen, so gut er kann. Er ist Mitglied in einer Selbsthilfegruppe in Amberg. In Gesprächen mit anderen Betroffenen müsse man sich nicht erklären, sagt er. Abgesehen davon, dass man sich gegenseitig informiere entstünden auch Freundschaften. Und das sei wichtig, „da sich durch die Krankheit andere Freunde verabschieden und neue Freunde einen Teil des verloren gegangenen sozialen Lebens ersetzen“.
Sich über Zoom oder Teams auszutauschen, sei auch wichtig, sagt die Velburgerin, vor allem, wenn man nicht in der Lage sei, das Bett zu verlassen, geschweige denn woanders hinzufahren. Aber ein Computerprogramm könne kein persönliches Gespräch ersetzen.
„Ich habe großes Glück. Ich habe meine Familie“, sagt die 29-Jährige. Ihre Eltern und ihre Schwester unterstützten sie nach Kräften. Und sie könne kostenfrei daheim wohnen. Denn seit Februar lebt sie von Erwerbsminderungsrente. Da Post-Covid, Post-Vac oder aber auch ME/CFS, das für Myalgische Enzephalomyelitis steht und ein ganzes Bündel an Beschwerden rund um das Chronische Fatigue Syndrom bezeichnet, noch unerforscht sind, bezahlten die Krankenkassen Therapien wie etwa eine Blutwäsche nur in den seltensten Fällen, erklärt Lautenschlager. Dank ihrer Familie müsse sie zumindest keine finanziellen Existenzängste haben.
Ängste aber bleiben. „Die Krankheit hat mich gelehrt, dass man nicht in die Zukunft schauen kann.“ Sie versuche, sich nicht allzu viele Gedanken zu machen. „Ich versuche, von Tag zu Tag zu leben. Sonst macht das alles mir zu viel Angst.“
Glossar zu Long-Covid, Post-Covid, Paul-Ehrlich-Institut:
Long Covid: Damit werden Symptome beschrieben, die länger als vier Wochen nach einer Infektion andauern oder ab einer Zeit von vier Wochen nach einer Infektion auftreten.
Post Covid: Damit sind Beschwerden gemeint, die noch drei Monate nach einer Ansteckung bestehen oder neu auftreten „und anderweitig nicht erklärbar sind“ (kassenärztliche Bundesvereinigung).
Betroffene: Laut einer Studie der Fachzeitschrift „Nature Reviews Microbiology“ leiden etwa zehn Prozent der an Corona-Erkrankten an Post-/Long-Covid, allein in Deutschland rund eine Million Menschen (Stand Januar 2023).
Post-Vac: Treten vergleichbare Symptome nach einer Corona-Impfung auf, spricht man vom Post-Vac-Syndrom (vaccination = Impfung).
Paul-Ehrlich-Institut: Das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel überwacht die Arzneimittelsicherheit. In einer Stellungnahme heißt es: Angesichts von 192 Millionen verabreichten Impfdosen gegen Covid-19 und 1547 gemeldeten Verdachtsfällen von Impfschäden (Stichtag 19.5.2023) seien diese „extrem selten“. „Darüber hinaus gibt es keinen medizinisch plausiblen Hinweis auf einen direkten, ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der obengenannten Long-/Post-COVID-ähnlichen Beschwerden und einer Covid-19-Impfung.“