Regensburg hat ein massives Kokain-Problem – Wird Crack zur nächsten Bedrohung?

Durch Regensburg rollt eine Kokain-Welle: Hilfsstellen und Polizei nehmen große Veränderungen in der Drogen-Szene wahr. Zudem gibt es auch erste Warnhinweise, dass ein hochgefährliches Rauschgift in der Domstadt Einzug gehalten hat.
Marion Santl ist Leiterin der Fachambulanz für Suchtprobleme bei der Caritas Regensburg. Sie betont: „Wir merken bei uns in der Beratung, dass der Kokain-Konsum in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist.“ Dabei konsumierten die meisten Klienten mehrere Drogen. „Die Konsumlandschaft hat sich zum Teil drastisch verändert. Auch aufgrund geopolitischer Veränderungen.“ Santl betont, dass sie nicht das komplette Feld überblicken kann. Eines stelle sie aber in den Beratungen oder in Gesprächen mit den Streetworkern immer wieder fest: Die Leute konsumieren, was gerade zur Verfügung steht.
Regime-Wechsel in Afghanistan hat Auswirkung auf Regensburger Drogenszene

Und da kommt die Geopolitik ins Spiel: Durch den Regime-Wechsel in Afghanistan kann dort kaum mehr Heroin produziert werden. Das mache sich auch auf den Straßen in Regensburg bemerkbar. „Dafür kommt mehr Kokain ins Land“, sagt Santl und verweist auf Rekordfunde an Häfen in Hamburg. „Die Lieferketten haben sich verändert.“ Die Folge: „Der Markt ist überschwemmt von Kokain.“ Dabei ist die Droge hochgefährlich. „Die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit ist groß. Das wiederum ist schwierig zu behandeln“, so Santl.
Auch die Drogenhilfe Drugstop registriert die Kokain-Welle, bestätigt Maria Heilmeier, die den Kontaktladen des Vereins leitet. Sie verweist ebenfalls auf die globalen Veränderungen, die dazu geführt haben. Kokain habe einen weitaus größeren Stellenwert in der Szene, als noch vor zwei oder drei Jahren. Mit dem weißen Pulver kommen auch medizinische Komplikationen, die so bislang noch keine Rolle gespielt hätten. Das seien zum einen Kreislaufprobleme, aber auch Schlaganfälle oder Abszesse. Für Heilmeier ist dies vor allem ein Zeichen dafür, wie verunreinigt die Drogen sind. In der letzten Zeit sei es auch immer wieder zu Problemen mit K.o.-Tropfen in Kokain gekommen.
Wird Crack auch in Regensburg bald zum Problem?

Und dann ist da auch noch Crack. Eine Mischung aus Wasser, Kokain und Natron. Kleine Kristalle, die geraucht werden und dabei knacken – daher der Name. Eine ungemein gefährliche Droge, die gerade wie eine Welle durch die Bundesrepublik schwappt. Auch Regensburg spürt schon die ersten Ausläufer, sagt Santl. „Hin und wieder beobachten wir aber Konsumenten.“ Die Welle ist noch nicht über Regensburg geschwappt, betont Santl. Aber: „Wir beobachten die Situation aufmerksam.“ Das bestätigt auch Maria Heilmeier von Drugstop. Sie betont: „Crack ist noch kein Problem – noch nicht.“ Ihr Verein gibt Pfeifen aus. „Die gehen noch nicht scharenweise weg.“
Crack sei so gefährlich, weil der Rausch schnell und intensiv ist, erörtert Marion Santl von der Caritas. „Es ist ein extremes High.“ Das sei aber auch extrem kurz. Die Konsumenten brauchen mitunter Minuten später schon wieder Stoff. „Die Droge hat ein extrem hohes Abhängigkeitspotenzial.“
Kokain ist in der Mitte der Regensburger Stadtgesellschaft angekommen
Früher gab es das Klischee von Kokain als Droge der Reichen und Schönen. „Das ist schon lang nicht mehr so“, sagt Santl. „Kokain ist in der breiten Gesellschaft angekommen.“ Natürlich in der Party-Szene, aber auch an den Arbeitsplätzen in Regensburg. „Kokain-Konsumenten sind Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.“
Polizei registriert enormen Anstieg von Kokain-Delikten
Auch die Polizei registriert die Kokain-Welle, die durch Regensburg schwappt. Die Fallzahlen seien in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, sagt Präsidiumssprecher Jonas Krauß auf MZ-Anfrage. 2022 zählten die Beamten 72 Kokain-Delikte in der Domstadt, 2023 waren es bereits 91. Im vergangenen Jahr registrierten die Behörden 128 Kokain-Straftaten.
Bei derartigen Straftaten handele es sich um sogenannte Kontrolldelikte, sagt Krauß. „Eine verstärkte Kontrolle im Bereich der Drogenkriminalität begründet auch höhere Fallzahlen.“ Die Zahl der Kokaindelikte in Regensburg sei insbesondere deshalb gestiegen, weil die Polizei vermehrt am Bahnhof kontrolliere. Dort fände ein Großteil der Delikte statt, so Krauß.
Drogen-Misere in Regensburg: Welche Lösungsansätze gibt es?
Kokain ist also ein Problem in Regensburg. Und wie geht man nun damit um? Die Leiterin des Drugstop-Kontaktladens, Maria Heilmeier, sieht insbesondere zwei Punkte. Zum einen fordert sie den Ausbau eines Drug-Checkings. Dabei werden Drogen fortlaufend auf ihre Inhaltsstoffe überprüft. Damit könne man einen Überblick über die Lage gewinnen, sagt Heilmeier. Man könne Abhängige davor warnen, wenn besonders schädliches Kokain im Umlauf ist. Zum anderen fordert sie Drogenkonsumräume. Dort könnten die Süchtigen unter medizinischer Aufsicht konsumieren. „Das senkt das Risiko, dass einer einfach in einer dunklen Ecke liegen bleibt.“ Zudem binde man die Süchtigen an, komme mit ihnen ins Gespräch und könne ihnen Hilfsangebote machen. Generell fordert sie eine vernünftige Drogenpolitik, die nicht die Augen vor der Realität verschließt – strikte Verbote hälfen nicht. „Andere Krankheiten kann man ja auch nicht verbieten.“
Drogensucht in Regensburg: Hier finden Betroffene Hilfe
• Caritas: Die Caritas Fachambulanz für Suchtprobleme in Regensburg bietet Betroffenen, Angehörigen und Interessierten Rat und Hilfe bei Sucht- und Abhängigkeitsproblemen. Die Mitarbeitenden begegnen den Ratsuchenden unvoreingenommen und auf Augenhöhe und suchen gemeinsam nach Lösungen. Die Beratung ist kostenfrei, anonym und unabhängig von Religion oder Herkunft. Die Ambulanz ist unter Tel. (0941)6308270 zu erreichen.
• Drugstop: Der unabhängige Verein für Drogenhilfe will Menschen Anhaltspunkte für Wege aus der Abhängigkeit geben. Dabei will er beraten und informieren – das gilt auch für das Umfeld von Süchtigen. Drugstop bietet unter anderem eine Wohngemeinschaft an. Der Kontaktladen dient als eine Art „Safe Space“ vor der Drogen-Szene. Dort gibt es Hilfe und die Möglichkeit, sich einfach mal auszuruhen. Drugstop ist unter Tel. (0941)37803750 zu erreichen.