Das Mammut-Projekt gegen die Fluten: Fünf Jahre Baustelle am Unteren Wöhrd

Von Jonas Raab · 13. August 2025 um 15:00

In Sallern biegen die Bauarbeiten für den Hochwasserschutz langsam aber sicher auf die Zielgerade ein. Nun richtet sich der Blick des Wasserwirtschaftsamtes auch Richtung der Regensburger Innenstadt. Ende Juli wurde das Planfeststellungsverfahren für den Unteren Wöhrd und damit für den neuralgischen Punkt in der Werftstraße eingeleitet. Wie geht es jetzt weiter?

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Das Junihochwasser von 2024 werden die Bewohner der Werftstraße wohl nie vergessen. Weil der Untergrund aufgrund des hohen Grundwasserspiegels derart aufgeweicht war, dass sich die darin verankerten Hochwasserschutzelemente hätten lösen können, musste die Straße evakuiert werden. „Das hat gezeigt, wie fragil unser städtischer Grundschutz ist“, sagte Alexander Bauer vom Tiefbauamt kürzlich bei einem Ortstermin in Sallern.

Bereits im Dezember hatte der Freistaat dem Stadtrat seine Hochwasserschutz-Pläne für den Unteren Wöhrd vorgelegt. Das Projekt umfasst den Unterlagen zufolge zehn Planabschnitte entlang von Nord- und Südufer, von der DLRG-Station bis zum Pesthofareal. Geplant ist eine Kombination aus festen Mauern, Geländeanhebungen, begrünten Böschungen und mobilen Schutzelementen.

Regensburger Welterbe verlangt besonderen Hochwasserschutz

Besonders sensible Bereiche wie die Altstadtansicht oder die Kastanienallee sollen laut den Plänen des Wasserwirtschaftsamtes gestalterisch angepasst werden, teils mit Sitzmauern oder niedrigeren Bauhöhen. Im Vergleich zu anderen Abschnitten sei am Unteren Wöhrd aufgrund der Lage in der Weltkulturerbe-Kernzone ein deutlich höherer Anteil an mobilem Hochwasserschutz nötig, erklärt Peter Jaud, Abteilungsleiter für Planung und Bau am Wasserwirtschaftsamt.

Im Zuge der Arbeiten sollen Straßen, Plätze und Grünflächen aufgewertet werden. So sind etwa an der Eisernen Brücke eine Aussichtsterrasse und Sitzelemente an der Böschung geplant. Auch die Hochwasserschutzmauer soll dort als Sitzbank dienen. Prägendes Element der Gestaltung der Werftstraße sind drei lange Sitzstufen zur Donau hin. Sitzen ist also ein großes Ding.

So soll die Werftstraße einmal aussehen, wenn das Wasserwirtschaftsamt seine Hochwasserschutzmaßnahme umgesetzt hat. - Foto: Christoph Gabler, Visualisierungen: Rakete

Ein zentrales Element des Konzeptes ist die Binnenentwässerung mit vier Pumpwerken und Drainageleitungen. Mobile Schutzelemente werden nur eingesetzt, wo es technisch oder städtebaulich zwingend nötig ist. Für deren Lagerung ist ein neues Gebäude an der Westrampe der Nibelungenbrücke vorgesehen.

127 Bäume müssen für die Hochwasserschutzmaßnahmen am Unteren Wöhrd gefällt werden. „Die Minimierung von Eingriffen in den Baumbestand ist im Planungsprozess ein hohes Gebot, leider ist der vollständige Ausschluss von Eingriffen in diesem Abschnitt aufgrund zahlreicher technischer und rechtlicher Rahmenbedingungen nicht möglich“, sagt Jaud und verweist auf vorgesehene und vorgeschriebene Neupflanzungen. 161 Bäume sollen laut der Planung als Ersatz gepflanzt werden.

Der Hochwasserschutz für den Unteren Wöhrd ist aufgrund seines großen Planungsumgriffs, seiner Insellage, den vielfältigen Betroffenheiten und den hohen Anforderungen in Sachen Grundwasser und Gestaltung sehr komplex.

Peter Jaud, Wasserwirtschaftsamt

Die Kosten werden auf rund 55 Millionen Euro geschätzt und zunächst je zur Hälfte von Stadt und Freistaat getragen. Zum Vergleich: Die Kosten für die Maßnahmen in Sallern, die sich über rund 800 Meter erstrecken, taxierte das Wasserwirtschaftsamt zunächst auf etwa acht Millionen Euro. Rund zwölf werden es am Ende werden. „Der Hochwasserschutz für den Unteren Wöhrd ist aufgrund seines großen Planungsumgriffs, seiner Insellage, den vielfältigen Betroffenheiten und den hohen Anforderungen in Sachen Grundwasser und Gestaltung sehr komplex“, erklärt Jaud. Das sei der Grund, warum hier mit wesentlich höheren Kosten als bei den bisherigen Abschnitten zu rechnen sei.

Eigentlich wäre der nächste Abschnitt, der von den insgesamt 18 Hochwasserschutzmaßnahmen im Stadtgebiet an der Reihe wäre, Gallingkofen. Dort befindet sich das Wasserwirtschaftsamt allerdings noch in Planung, während die weitaus komplexere Maßnahme am Unteren Wöhrd bereits in die Genehmigungsphase eingetreten ist. Wo als nächstes gebaut wird, hängt laut Jaud auch davon ab, welches der beiden Rechtsverfahren zügiger vorangeht.

In Planfestellungsverfahren prüft das Umweltamt, ob das beantragte Vorhaben mit den rechtlichen Vorgaben der Wassergesetze und sonstiger betroffener Rechtsgebiete im Einklang steht und genehmigt werden kann. Im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung werden auch die betroffenen Eigentümer und Fachstellen angehört werden. Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra geht mit Blick die vorangegangenen Hochwasserschutz-Abschnitte mit einer Verfahrensdauer von bis zu eineinhalb Jahren aus.

Wann könnte es am Unteren Wöhrd losgehen? Im Planungsausschuss war von frühestens 2028 die Rede. „Eine belastbare Aussage zum Baubeginn ist derzeit nicht möglich“, sagt Jaud. Der Start der rund fünf Jahre in Anspruch nehmenden Bauarbeiten hänge unter anderem davon ab, wie lange das Genehmigungsverfahren dauert – und vom Grunderwerb sowie der weiteren Finanzierung. Zur Erinnerung: In Sallern stand die Baustelle mehrfach monatelang still, weil Mittel vom Freistaat fehlten. Zudem stellte der Abschnitt den ersten im Stadtgebiet dar, für den man private Flächen gebraucht habe, erklärte Stefan Neudert, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, kürzlich in Sallern.

Wasserwirtschaftsamt Regensburg steht vor „umfangreichen Gesprächen“

Im Stadtnorden laufen drei Enteignungsverfahren. In der Innenstadt werde es bestimmt nicht einfacher, was die Eigentumsverhältnisse betrifft, sagte Neudert: „Je enger etwas bebaut ist und je mehr Grundstückseigentümer es gibt, desto schwieriger wird es.“ Jaud erklärt, es seien schon Gespräche mit Eigentümern am Unteren Wöhrd geführt worden. Auch zu einzelnen Grundstückskäufen sei es schon gekommen, aber es stünden noch „umfangreiche Gespräche“ bevor.

Bevor die große Lösung des Wasserwirtschaftsamtes kommt, ist die Stadt am Zug: Die Decke der Werftstraße muss erneuert werden, damit die mobilen Elemente im Fall eines Hochwassers halten. Zudem muss die Kaimauer saniert werden. Laut von Roenne-Styra konnten die Arbeiten am Asphalt bis Pfingsten abgeschlossen werden, die Sanierung der Ufermauer sei in Vorbereitung. Genaue Angaben zum Zeitplan konnte sie nicht machen. Zuletzt nannte die Stadt die Jahre 2026 und 2027 für die Umsetzung.