Pro und Contra zur geplanten Verkehrsberuhigung in Regensburg: Autofreie Oase – oder noch chaotischere Altstadt?

Von Christian Eckl, Marion Koller · 14. Juli 2025 um 19:00

Am Dienstag stimmt der Regensburger Stadtrat über ein Konzept zur Verkehrsberuhigung ab. Während Befürworter davon sprechen, dass das Welterbe eine grüne Oase werden soll, sehen Kritiker das Konzept kritisch und befürchten mehr Chaos statt grünes Idyll. Ein Pro und Contra.

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Ein Pro von Marion Koller: Weniger Autos, mehr Lebenslust – So geht Stadt heute

Regensburger kennen die Fotos vom zugeparkten Haidplatz und von der Steinernen Brücke mit Autokolonnen. 1984 hat die Stadt den motorisierten Verkehr vom mittelalterlichen Platz verbannt. Das Wahrzeichen wurde 1997 für Autos und 2008 für Busse gesperrt. Heute flanieren die Menschen dort, genießen den Blick auf die Stadtsilhouette. Über die alten Zeiten schüttelt man den Kopf. Schließlich ist die autogerechte Stadt ein überholtes Konzept der 60er Jahre.

Regensburg wächst weiter und der Verkehr nimmt zu. 97.000 Menschen pendeln an Wochentagen ein und belasten die innerstädtischen Verkehrsachsen. 2024 wurden 15 Millionen touristische Tagesgäste gezählt. Nach Jahren halbherziger Maßnahmen ist niemand zufrieden mit der Verkehrssituation. Am Dom, einer der bedeutendsten gotischen Kathedralen Deutschlands, rollen motorisierte Karawanen vorbei und schaden mit ihren Abgasen auch dem Bauwerk. In der Gesandtenstraße schlängelt sich der eigentlich ausgesperrte Individualverkehr zwischen Freisitzen durch und Fußgänger fühlen sich von schnellen Radfahrern bedroht. Kontrolliert wird kaum. Kaufleute klagen über zu wenig öffentliche Parkplätze, Anwohner beschweren sich über den Parkplatz-Suchverkehr.

Schon die Unzufriedenheit aller Seiten zeigt, dass es so nicht weitergehen kann. Außerdem spitzt sich der Klimawandel zu, auch wenn ihn die Politik zurzeit vergisst. Die Stadt erhitzt sich immer gnadenloser. Auch deshalb muss der nächste Schritt bei der Verkehrsberuhigung folgen.

Die Stadtspitze legt einen mutigen, zukunftweisenden Plan vor: fast kein Durchgangsverkehr mehr, weniger öffentliche Parkplätze und damit suchende Autofahrer. Fußgängerzonen am Domplatz, in der Gesandten-, Ludwig- oder Goliathstraße. Radfahrer haben weiterhin freie Fahrt, nicht aber in engen Gassen. Busspuren, Grün und Sitzgelegenheiten kommen. Autofahrer können den Unteren Wöhrd ansteuern, wo ein Parkhaus kommen soll. Die Ausrede des langen Fußweges fällt flach, denn der Bus Emil holt die Leute ins Zentrum ab: gratis und alle fünf bis zehn Minuten.

Regensburg wird von der Verkehrsberuhigung profitieren, auch wenn rückwärtsgewandte Gegner unken. Einzelhändler befürchten Umsatzverluste, wenn Parkplätze und Straßenraum wegfallen. Eine Analyse des unabhängigen Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) von 2025 zeigt, dass diese Sorge meist unbegründet ist – im Gegenteil: Auch der Handel gewinnt, weil das Bummeln mehr Spaß macht. Wo sich Menschen gerne aufhalten, geben sie eher Geld aus, sagen Difu-Forscher. Das belgische Gent und das norwegische Oslo belegen, dass mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer auch dem Einzelhandel und Tourismus nützt.

Das Difu kommt zu dem Schluss, dass in dicht bebauten Altstadtquartieren die Reduzierung des motorisierten Verkehrs die Luftqualität entscheidend verbessert und den Lärmpegel senkt. Entsiegelung und Grün schwächen die Hitze ab. Nicht zuletzt muss eine Welterbestadt die historischen Bauten schützen.

Wer an die nächste Generation und die wegweisenden Maßnahmen in anderen Städten denkt, kommt gar nicht um eine Reduzierung des Individualverkehrs herum. Oder sind Sie schon einmal in die Altstadt von Freiburg, Lucca, Bilbao hineingefahren?

Ein Contra von Christian Eckl: Wer Autofahrer gängelt, bekommt nur noch mehr Verkehrschaos!

Vor 15 Jahren waren in Regensburg noch etwa 75.000 Autos zugelassen. Heute sind es 83.000. Der Zuwachs lässt sich vielleicht mit dem Bevölkerungswachstum erklären. Klar ist aber: Die Menschen fahren nicht weniger Auto, sondern sogar mehr als noch vor Jahren. Das mag auch an einer überalterten Gesellschaft liegen. Fakt ist jedenfalls: Die moderne Gesellschaft lebt von Mobilität. Und wer es den Bewohnern der Regensburger Altstadt noch schwerer machen will, einem Beruf nachzugehen, dazu ein Auto und mithin eben auch einen Parkplatz und die Zufahrt zu diesem zu benötigen, der will Regensburg vielleicht im Herzen grüner machen – am Ende könnte aus der Gott sei Dank belebten Altstadt aber auch ein Freilichtmuseum mit einer Vielzahl von Studenten-WGs werden.

Mehr noch: Bislang ist die Regensburger Altstadt noch ein mehr oder weniger gut funktionierender Handelsraum. Alteingesessene Familien wechseln mit – leider immer mehr – Filialisten ab. Doch wer mag schon noch in die Altstadt fahren, wenn Parken und Erreichbarkeit ein Thema sein wird? Schon heute ähnelt es einem Spießroutenparkour, in Regensburg von einer Seite der Altstadt auf die andere zu kommen, wenn man auf das Auto angewiesen ist. Viele Altstadthändler stöhnen über chaotische Zustände, weil Krethi und Plethi durch die Stadt fahren, obwohl sie gar keine Berechtigung haben. Hier hätte die Stadt ansetzen müssen: Kontrollen bei Tag und in der Nacht, wer da eigentlich versucht, mitten durch die Altstadt zu fahren – statt jetzt ein System von Schleifen zu etablieren, das eine Durchfahrt unmöglich macht. Ja, Sie haben richtig gelesen: Das Verkehrskonzept sieht vor, dass eine Durchfahrt durch die Stadt unmöglich gemacht wird. Man soll nur noch in drei Schleifen in die Stadt fahren können, die man dann wieder verlassen muss.

Den Anwohnern wird vorgegaukelt, dass die Zahl der Parkplätze für sie steigt. Das trifft auf den ersten Blick zu. Aus den derzeit etwa 1400 Parkplätzen sollen 2100 werden. Zur Wahrheit gehört, dass man die Zahl der Parkplätze in den vergangenen Jahren erheblich reduziert hat, um sie jetzt wieder zu erhöhen.

Das Argument der Stadtverwaltung, man wolle mit dem Bau des Parkhauses am Unteren Wöhrd genügend Flächen ausweisen, um auch die Einpendler in der Stadt mit Parkraum zu versorgen, ist fadenscheinig. Wer sagt denn, dass es das Parkhaus in ein paar Jahren wirklich geben wird? Nicht nur die Kosten dafür sind hoch. Bäume müssen dafür gefällt werden.

Seit Jahren stümpert die Stadtspitze herum. Jetzt will man es den Autofahrern noch schwerer machen. Dass man dabei die umweltfreundlichen Elektroautos genauso aussperren und deren Fahrer gängeln will, ist nur eine weitere Logik-Unwucht eines Konzepts, das weder schlüssig, noch hilfreich ist. Leider ist es so: Jede Maßnahme der letzten Jahre hat die Situation in der Altstadt nur noch schlimmer gemacht.

Statt dauernd etwas zuzusperren: Wie wäre es denn mal mit Baumaßnahmen für die Autofahrer? Am Bismarckplatz feiern die jungen Leute, während die Autofahrer wie selbstverständlich einen großen unterirdischen Parkraum nutzen. Da geht es doch auch! Die Stadt hatte ein Konzept unter dem Emmeramsplatz, das hat man verworfen. Keine Angst, dort ist ein großes Löschwasserbecken aus dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert, man scheitert also nicht an Römerfunden. Baut Parkhäuser nicht irgendwo, sondern dort, wo sie gebraucht werden! Das verhindert den kreisenden Suchverkehr – und entlastet die Altstadt!