Geschichten eines Zugreisenden auf der Strecke zwischen Regensburg und Cham

Von Johannes Lesser · 12. Juli 2025 um 19:00

Seit gut einem Monat ist der Schienenersatzverkehr mit Bussen auf der Zugstrecke zwischen Schwandorf und Regensburg im Einsatz. Doch auch davor waren die Zugfahrten für die Pendler für die eine oder andere Überraschung und damit verbundene Geschichte gut. Ich fahre die Strecke seit März täglich in die Redaktion. Einen kleinen Auszug meiner Erlebnisse habe ich hier zusammengetragen.

Tag 1: Erster Tag in der neuen Redaktion. Vor meinem Regensburger Balkon wird es langsam hell. Rausgehen? Keine Chance, viel zu kalt. Um halb 10 soll ich da sein. Abfahrt mit dem Bus: 7.45 Uhr. Es ist eng, der übliche Schulbetrieb. Ankunft am Hauptbahnhof: zehn Minuten Verspätung. Willkommen zurück beim Pendeln. Schon seltsam, wie schnell man dieses Gefühl vergisst.

Zwei Euro kostet die Überbrückungs-Dosis Koffein. Gleis 4, los geht’s. Viel los ist hier nicht, ich hab ein ganzes Abteil für mich. Raus aus dem Donautal, der Regen wartet. Die Großstadt weicht den Feldern, Hügeln und Wäldern. Im frühen Morgenlicht ein besonderer Anblick. Lok- und Richtungswechsel in Schwandorf. So weit, so unspektakulär. Mit einem leichten Ruckeln geht es Richtung Bayerwald. So schlimm wie erwartet ist das eigentlich gar nicht.

Tag 5: Zwei Junggesellenabschiede treffen auf dem Weg nach Pilsen aufeinander. „Wo kommts ihr her?“ „Aus Wasserburg!“ „Du bist der Bräutigam oder was?“ „Ja!“ „Mein Beileid!“ Die Fahrt könnte Spaß machen, es sei denn, man ist auf dem Weg zur Arbeit und – viel schlimmer – nüchtern. Einer der Feiernden trägt ein Eishockeytrikot mit einigen Unterschriften. Voller Stolz stemmt er seinen Maßkrug in die Höhe. Neonblaue Stamperl werden herumgereicht. Ein Mann, Anfang 30, mit schwarzer rechteckiger Brille trägt ein Hemd mit Biermotiv. Ein anderer schleppt in einem geklauten Supermarkt-Korb Lollis durch den Waggon. „Die Weiterfahrt verzögert sich“, schallt es aus dem Lautsprecher. Herzlichen Dank auch. Sonst sind mir die Verspätungen recht egal, aber jetzt... „Duu, können wir ein Foto machen“, fragt eine Frau mit Schleier. Ein anderer Mann mit Bandshirt verteilt Fleischwürste an die Mitfahrer, sie riechen bis zu mir.

Auf einmal ist eine Hundenase fünf Zentimeter vor meinem Gesicht: Eine Mitfahrerin hat die Geduld verloren und verlässt das Abteil. „Sie gehören alle dazu?“, fragt die Zugbegleiterin. „Können wir mal eine Durchsage machen?“ Längst mutiere ich zum Saufzug-Liveticker. Einmal anstoßen, ein Zischen auf dem Platz neben mir markiert das Öffnen einer Jack-Daniels-Dose. Zwei Vierer weiter sitzt ein älteres Touristenpaar mit dicken Koffern, beide mit Einwegmasken.

„Ex, Ex, Ex ohhhh…“ „Kannst du das bitte mal aufnehmen?“ „Ex Ex Ex Ex Buuuuh“, diesmal geht das ganze Abteil mit, als einer daran scheitert, sein Bier leer zu trinken. „Das ist ja richtig stressig hier“, stöhnt einer. Roding, gleich bin ich raus. Der Zug steht, neeein.

Ich gebe meinen Sitzplatz auf und verlasse den Waggon. Erst am anderen Zugende ist wirklich Ruhe. Der Zug kommt in Cham zum Stehen. Freiheit.

Tag 7: Betriebshalt – bitte nicht aussteigen. Hatte ich nicht vor, zumal es hier draußen auch weit und breit kein Netz geben würde…

Tag 9: Erste größere Verspätung vom Alex – glücklicherweise noch ohne mich. Überteuerter Riesenkaffee am Hauptbahnhof für die Nerven. Alternative: Verbindung mit Umsteigen in Schwandorf. Durchsage am Bahnsteig: „Vorsicht bei der Einfahrt.“ Die Anzeige derweil: „Gleiswechsel“. Jetzt also schnell. Sechs Minuten würde die Umsteigezeit betragen, ambitioniert, aber wird schon klappen… Der Zug kommt, jetzt ja nicht wegschlafen, sonst geht’s weiter nach Nürnberg.

Tag 13: Eine Woche nach dem Horror-Unfall bei Maxhütte. Strecke ist nach wie vor nur eingleisig befahrbar. Fünf Kilometer vorwärts, warten, fünf Kilometer vorwärts, warten. „Dies ist ein außerplanmäßiger Halt.“ Endlich in Schwandorf. Nachricht an die Redaktion: „Komme heute später.“

Oh wie schön, außerplanmäßiger Lokwechsel. 40 Minuten sind es mittlerweile. Auch die Zugbegleiterin ist genervt: „Beschwerden bitte direkt an die Leitstelle. Ich lasse mir diesen Schwachsinn auch nicht einfallen“, schallt es aus den Lautsprechern. Zehn Minuten später, im Wald: „Dies ist kein planmäßiger Halt, bitte halten Sie sich von den Türen fern.“

Tag 15: Ein kalter, regnerischer Tag. Der Sommer lässt sich heuer Zeit. Stehplatz im Bus, Augen zu, Musik an. Gleich am Hauptbahnhof, Blick auf die Uhr: Wo kommt die Verspätung her? Drei Minuten für den Umstieg. Zum Glück bin ich Läufer. Blick in die App, keine Verspätung beim Zug. Kann man sich nicht mal darauf verlassen? 400 Meter Vollsprint, Usain Bolt wäre neidisch. Keuchend klettere ich in den Waggon. Starke Leistung.

Sollte der Zug jetzt nicht wirklich fahren? Ich verschicke ein paar Nachrichten. Immer noch nichts. Ähm…?! Für Momente wie diesen wurde wohl der Begriff „zeitdehnend“ erfunden. Ich verfolge den Weg der Regentropfen auf der Fensterscheibe. Jetzt ja nicht Chasing Cars in der Playlist, es wäre des Klischees zu viel. Langsam beginnt der Zug zu rollen. „Wegen einer Lokstörung haben wir heute eine Verspätung von 15 Minuten.“ Aha, waren die letzten Tage also doch mehr Regel als Ausnahme.

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Tag 25: Der Alltag des Reporters: Hin und wieder mal braucht er ein Foto. Heute eines von einem Zug. Der Alex nach Prag am Chamer Bahnhof soll es werden. Zehn Minuten Verspätung stehen blau auf weiß auf blau auf der Anzeige geschrieben. 11.30 Uhr in den Pfingstferien: Zwei Zollbeamte warten in Uniform in der Mittagshitze. Ein blonder Junge im Pokémon-T-Shirt wandert in der Sonne zwischen Rollkoffer und Sitzbank auf und ab.

Wenige Meter weiter hängt ein alter Lautsprecher von der Überdachung. Das einzige Geräusch aus seiner Richtung ist ein Spatz, der auf ihm Platz genommen hat. Ein warmer Frühsommerwind versetzt die Blumen und Gräser an den Gleisen in ein leichtes Schwingen. Als Autofahrer ist man binnen kurzer Zeit in Regensburg, Weiden oder Straubing. Als Zugpendler nimmt man die Strecke anders wahr. Dann fühlt es sich an, als wäre die Stadt Cham ganz weit weg von allem. Jetzt wartet der Schienenersatzverkehr.

Im Regental ist die Aussicht aus dem Fenster nach Feierabend wirklich lohnenswert. - Foto: Johannes Lesser