Mit dem Bus auf den Gipfel des Čerchov: Ein babylonisches Abenteuer

Sommerzeit ist Wanderzeit. Wer aus Furth oder Waldmünchen kommt, hat mit dem Cerchov einen Gipfel direkt vor der Haustür – wenn auch auf der tschechischen Seite. Zu erreichen ist er mit einer etwa zweieinhalb bis vierstündigen Wanderung. Doch es gibt noch eine weniger schweißtreibende Möglichkeit: den Bus.
Von Mitte Mai bis Ende Oktober verbindet die Linie 520 an den Wochenenden die Bahnhöfe Furth beziehungsweise Waldmünchen mit dem Gipfel. Doch wie läuft so eine Busfahrt auf einen Berg ab und was gibt es zu beachten?
Es ist kurz nach 8 Uhr am Samstagmorgen. Von Cham aus beginnt die Tour zunächst mit dem Weg zum Further Bahnhof. Kurzer Besuch beim Bäcker, Kaffee, Frühstück, Autoradio. Eine Nachrichtensprecherin warnt vor erhöhter UV-Strahlung. Trotz der frühen Stunde steht die Sonne bereits hoch am Himmel. Schon von weitem ist ein Bus vor dem Bahnhof zu erkennen. Hinten ist eine Befestigung für Fahrräder montiert. 651 steht als Nummer darauf. Wohl eine andere Linie, es ist ja noch früh. Frage den Fahrer: „Wann fährt hier der 520er?“ „Zehn Minuten“, antwortet er.
Fahrtpreis in Kronen
Also eine kurze Pause an der Haltestelle, für ein paar Minuten die warmen Strahlen Morgensonne genießen. Ein Mann tritt an das Wartehäuschen. Er kommt aus Domažlice, erzählt er. Furth, Cerchov, Waldmünchen: Das sei seine Route für heute. Der Berggipfel ist mittlerweile auf dem 651er angeschrieben. Anscheinend die tschechische Liniennummer. Wir betreten den Bus. Der Fahrpreis steht in Kronen neben dem Fahrer. „Ich müsste mit Euro zahlen.“ Kein Problem: 3,80 Euro verlangt der Fahrer.
Pünktlich um 9.05 Uhr geht es los. Der Bus ist fast leer. Immer wieder ertönt ein klingelndes Geräusch, gefolgt von einer Durchsage. Auf Tschechisch. Draußen ziehen beige-gelbe Getreidefelder an den Fenstern vorbei. Auf der anderen Seite: eine Mc-Donald‘s-Filiale. An der Frontscheibe schwingen neben dem Fahrer die Federn eines orangefarbenen Traumfängers im Rhythmus der Straße. Dann sind wir in Tschechien.

Kaum über der Grenze wird es hügeliger. Der Motor beginnt lautstark zu arbeiten. Nach einigen Minuten erreicht der Bus eine Haltestelle vor einem traumhaften Bergpanorama. Vor ihr ist ein winziges Kettenkarussell zu erkennen. Eine Familie mit ihren drei Kindern steigt ein. Vorsichtig stellen sie den Kinderwagen ab und nehmen in der letzten Reihe Platz.
Grundsätzlich soll es hier WLAN geben, steht auf einem Schild. Ein kurzer Test bestätigt das nicht. In Babylon steigen weitere Passagiere ein. Einige von ihnen sind mit Wanderstöcken ausgestattet. Alle reden – Überraschung – Tschechisch. Ohne die entsprechenden Sprachkenntnisse ist der Ortsname damit Programm. Weiter geht es durch die Grenzregion. Panoramablicke und Kasinos wechseln sich ab.
In Domažlice wird es eng
Um halb 10 erreicht die Fahrt Domažlice, der einzige Mitfahrer aus Furth winkt zum Abschied. Wohl doch falsch verstanden. Im Bus wird es jetzt eng: Alle Sitzplätze sind belegt, die ersten stehen. Kinder mit ihren Eltern, ältere Reisegruppen, Einzelpersonen im Sportoutfit: Das Alter der Fahrgäste ist bunt gemischt. Es herrscht ein einziges Stimmengewirr, unterbrochen vom Klirren der Restgeldmünzen beim Ticketkauf. Von weiter vorne durchdringt der Geruch von frischem Gemüse aus einer Brotzeitbox die Sitzreihen. Auf der Rückbank schreit ein Baby.
Eine Station weiter betritt die nächste Gruppe den Bus. Ein Junge auf einer der vorderen Reihen kniet auf dem Platz, um etwas zu sehen. Für mehrere Minuten stehen die Räder still. Wenig später wird der Cerchov sichtbar. Die Fahrgäste sind an diesem Tag nicht allein: Vereinzelt überholt der Bus einen Jogger nach dem anderen. Alle mit Startnummer. Es ist eine Laufveranstaltung bis zum Gipfel. In teils sehr hohem Tempo arbeiten sich die Teilnehmer in der Vormittagshitze nach oben. Links wie rechts auf der Straße.

Der Busfahrer wirkt nicht beeindruckt. Stoisch schlängelt sich die Linie 651 Meter für Meter über die steilen Kurven nach oben. Mittlerweile teilt er sich die Strecke mit Wanderern und Mountainbikern. Einige werfen ihm ungläubige Blicke zu oder machen Fotos. Die Straße wird in der Zwischenzeit immer enger. Für Autos wäre längst Schluss gewesen. Die Straße unter den Reifen ruckelt, die Schrift im Notizbuch zittert. Eineinhalb Stunden nach der Abfahrt endet die Fahrt auf dem Gipfelplateau.
129 Stufen zur Aussicht
Für den Bus geht es direkt weiter nach Waldmünchen. Für die Passagiere geht es jetzt darum, die Gegend zu erkunden. 129 Stufen sind es auf den Kurz-Turm. Die Aussicht oben ist atemberaubend. Auf der einen Seite die tschechische Ebene, auf der anderen die sanften Wellen des Bayerischen Walds. Auch Furth ist von hier klar zu erkennen – auch dank Hinweisschildern. Der Drachensee wirkt wie ein kleiner Edelstein, der in einen tiefgrünen Mantel eingebettet wurde. Unter der Plattform erreichen in der Zwischenzeit die Bergläufer den kleinen Zieleinlauf.

Im Restaurant herrscht Hochbetrieb. „Ich denk mir, mein Gott bist du blöd, du fährst da mit dem Fahrrad hoch und da fährt ein Bus“, ruft ein Mann im schwarzen Fahrradtrikot. Er heißt Thomas und kommt aus Lixenried, erzählt er. Für ihn ist es nur ein Zwischenstopp. Als nächstes wartet der Drachensee.
Es ist an der Zeit umzukehren. Bis 17.15 Uhr fahren die Busse wieder ins Tal. Der letzte erreicht Furth um halb sieben. Die Fahrten sind allerdings so früh, dass sich der Abstieg auch problemlos zu Fuß oder mit dem Fahrrad bei Tageslicht bewerkstelligen lässt. Für die Wanderung sagt das Handy drei Stunden voraus. Schon nach acht Minuten ist vom Trubel auf dem Gipfel nichts mehr zu hören. Vögel zwitschern, hin und wieder grüßt ein Radfahrer. Später wird ein plätschernder Bach zum ständigen Begleiter. Der Gipfel, der Bus, selbst der eiserne Vorhang – sie scheinen plötzlich weit entfernt. Nur noch das Plätschern bildet einen ständigen Begleiter auf diesen letzten Schritten.
Weitere Informationen
• Abfahrtszeiten: Der Bus auf den Berggipfel fährt am Samstag und Sonntag um 9.05 Uhr am Further Bahnhof ab. Am Bahnhof in Waldmünchen beginnt die Fahrt um 11.15 und 16.25 Uhr. Der komplette Weg dauert 95 Minuten von Furth und 35 von Waldmünchen aus.
• Kosten: Für ein Ticket werden 3,80 Euro (Furth) beziehungsweise 2,80 Euro berechnet.
• Rückweg: Um 10.45 und 15.50 Uhr fährt der Bus nach Waldmünchen und um 17.15 Uhr bis Furth.
• Nummer: Die lautet 520 (DE) und 651 (CZ).
