Storch frisst eigenes Küken: Chamer Störche reduzieren die Anzahl der Jungvögel

Von Tanja Fenzl · 17. Juni 2025 um 05:00

Was hat das schwere Hochwasser im vergangenen Jahr damit zu tun, dass Störche im Landkreis heuer vermehrt ihre Jungen töten? „Es gibt heuer deutlich weniger Nahrungsangebot für die Störche“, weiß die Chamer Horstbetreuerin Jutta Vogl.

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Dazu hat die anhaltende Trockenheit der vergangenen Monate ebenfalls zu schweren Bedingungen für junge Weißstörche in Bayern geführt. Und so reiht sich Cham ein in die bayerischen Landkreise, wo Horstbetreuer berichten, dass einige Altvögel nicht mehr in der Lage sind, ihren gesamten Nachwuchs ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Und dann werden Störche zu Rabeneltern.

Störche werden Rabeneltern

„Am Straubinger Turm hat ein Storch ein Junges gefressen“, sagt Vogl. Das sei da noch ganz klein und erst frisch geschlüpft gewesen, aber wenn die Nahrung knapp sei, sähen Störche eben zu, dass die stärkeren Jungen umso bessere Überlebenschancen haben. „Wegen des Hochwassers vergangenes Jahr gibt es heuer bei uns im Regental deutlich weniger Mäuse“, erklärt Vogl das knappe Nahrungsangebot rund um Cham. Sie weiß, dass auch auf den Horsten der Familie Gruber in Hof heuer bereits einige Jungtiere von ihren Eltern aus dem Nest geworfen wurden.

Angst um den Storchennachwuchs im gesamten muss man deshalb nicht haben: Alle Brutpaare haben noch Junge im Nest, um die sie sich kümmern. „Auch am Amtsgericht, wo letztes Jahr der Horst gebaut wurde, sind Junge geschlüpft. Wie viel, ist nicht ganz klar, das sieht man schlecht, wenn man die Elterntier nicht gerade beim Füttern erwischt“, sagt Vogl. Auf dem Althammer-Horst hat sie heuer ein neues Storchenpaar entdeckt, das ebenso wie das Paar auf dem Straubinger Turm Junge bekommen hat.

Wegen des lange ausbleibenden Regens im Frühjahr finden Weißstörche für sich und ihre Jungen weniger kleine Beutetiere wie Regenwürmer, Amphibien und Mäuse. Hier ein Altstorch auf dem Straubinger Turm in Cham mit zwei Jungstörchen - Foto: Jutta Vogl

„Die Althammer-Küken sind erst geschlüpft, das Paar hat erst spät gebrütet.“ Und auch in Hof, Michelsdorf und in Untertraubenbach ist Nachwuchs bei Meister Adebar in Sicht. Eine absolute Besonderheit: In Hof bildet sich bei Familie Gruber inzwischen eine regelrecht Storchenkolonie. Waren im vergangenen Jahr bereits fünf Horste besetzt, so hat die Familie heuer noch einen sechsten Horst gebaut, der schnell von einem Paar n Beschlag genommen wurde. „Mittlerweile hat dort jetzt sogar ein siebtes Storchenpaar mit dem Nestbau begonnen“, weiß Jutta Vogl.

Übrigens: Auch Störche ziehen gerne mal um. So ist das Storchenpaar, das jahrelang bei der Bettfederfabrik zuhause war und dort auch heuer überwintert hat, im Frühjahr kurzerhand zum Amtsgericht gezogen.

Die Küken-Morde sind heuer allerdings ein bayernweites Phänomen. Wegen des ausbleibenden Regens im Frühjahr finden die Störche für sich und ihre Jungen generell weniger kleine Beutetiere wie Regenwürmer, Amphibien und Mäuse. Bleibt der Regen über lange Zeit aus, ziehen sich Regenwürmer in tiefere Schichten des hart werdenden Bodens zurück. Ausgetrocknete Gewässer sorgen für weniger Amphibien.

Und auch Mäuse finden in trockenen Phasen weniger Nahrung – was ihre Population sinken lässt. Um wenigstens ein paar Küken durchzubringen, reduzieren einige Altvögel aktiv die Zahl ihres Nachwuchses und werfen Küken aus dem Horst – „oder fressen sie, das ist ja auch wieder zusätzliche Energie“, weiß Vogl.

2024 war es zu nass

Trotz dieser schwierigen Umstände bewertet der LBV die Gesamtsituation des Weißstorchs in Bayern weiterhin als stabil – vereinzelte Verluste junger Störche seien derzeit noch kein Anlass zur Besorgnis.

Schwierige Nahrungssuche bei Trockenheit: Dieser Weißstorch hatte Glück; er hat einen Frosch erwischt. - Foto: Jutta Vogl

Doch auch 2024 starben etliche junge Störche – damals wegen der heftigen und langanhaltenden Regenschauer im Mai und Juni. Viele junge Weißstörche starben an Futtermangel und Unterkühlung.

Wenn die Altvögel merken, dass das Futter nicht für alle Küken ausreicht, packen sie eins der Jungen – nicht unbedingt das kleinste – am Hals und werfen es aus dem Nest. So stellen sie sicher, dass zumindest die anderen genug Futter bekommen.

Hintergrund

Zahlen: Die Bestandszahlen des Weißstorchs sind mit über 1200 brütenden Paaren in Bayern im vergangenen Jahr stabil. Die bisher bekannten Jungenabwürfe sowie der Nahrungsmangel sind für die Population des Weißstorchs noch nicht alarmierend. Störche können Verluste durch Extremwetterereignisse wie Starkregen oder Trockenheit in den folgenden Jahren ausgleichen.

Bestand: Seit der Jahrtausendwende nimmt der Bestand der Weißstörche in Bayern kontinuierlich zu, sodass der LBV für 2025 erneut von einem Bestandsanstieg ausgeht. Dieses Jahr gab es allein im Landkreis Ansbach über 50 Brutpaare, die sich neu angesiedelt und ein Nest gebaut haben. Vermutlich sind uns einige Nester auch noch nicht bekannt. Auch in Nord- und Ostbayern steigt der Bestand langsam an, wie zum Beispiel in Hengersberg im Landkreis Deggendorf mit gleich drei neuen Nestern.

Internet: Die Weißstorchkarte des LBV zeigt eine Übersicht der aktuell besetzten Nester unter www.lbv.de/storch. Dort kann jeder nachschauen, ob das jeweilige Nest und die aktuellen Informationen zur Brut oder dem Nachwuchs schon vermerkt wurden. Ansonsten können aktuelle Daten gemeldet werden. Der LBV freut sich über jeden Weißstorchfan, der ein neues Nest für uns im Auge behält – am besten längerfristig. Das hilft den Bestand zu überwachen. Jeder, dem vor Ort ein neues Storchenpaar auffällt, kann dies melden: weissstorch@lbv.de.