Jungvögel brauchen selten Hilfe, aber wenn, benötigt es Zeit: So wurde „Charly“ liebevoll aufgepäppelt

Zurzeit zwitschert und tschilpt es in Hecken, Sträuchern und Nistkästen in ganz Bayern. Die ersten Vogeljungen verlassen bereits das schützende Nest und sitzen scheinbar hilflos auf der Wiese oder im Geäst. So erreichen auch die Mitarbeiter des LBV Umweltzentrums in Nößwartling (Landkreis Cham) jedes Jahr Anfragen von besorgten Vogelfreunden, die vermeintlich in Not geratenen oder verlassenen jungen Vögeln helfen wollen.
„Das soll man aber gar nicht unbedingt machen“, wiegelt Markus Schmidberger vom LBV ab. Nicht immer klappt die Hilfe – und oft genug würden die Vogeleltern die Jungen auch außerhalb des Nestes noch versorgen.
Die Katze auf der Lauer
Freilich – wenn die Katze schon direkt daneben auf der Lauer liegt, hängt das Leben des Kükens am seidenen Faden. So wie vergangenes Jahr in Ried am Pfahl, als Kinder mittags beim Aussteigen aus dem Schulbus an der Haltestelle ein kleines Amselküken im Gras finden – nur wenige Meter entfernt von der Nachbarskatze, die das Küken schon im Blick hat. Severin (damals 8), nimmt das Küken mit nach Hause, baut ihm eine Schachtel und versorgt es zweieinhalb Wochen lang mit Maden und Würmern, Wasser flößt er dem Vögelchen tropfenweise mit einer Pipette aus einem Wissenschaftsbaukasten ein. „Charly“ – ja, das Vögelchen bekommt sehr schnell einen Namen – ist anfangs zu schwach zu piepen, doch schon nach zwei Tagen schreit er das ganze Haus zusammen, wenn er Hunger bekommt.

Mehrmals täglich bringt Severin oder einer seiner eingespannten Helfer – Bruder, Mama, Papa, Freunde – Charly in einer hölzernen Biertrage nach draußen in den Garten, wo das Küken unter den wachsamen Augen seiner Beschützer – die nächste Katze und der Haushund sind nie weit – auf einem Gartentisch herumhopst und nach seiner Mama ruft. Und – die kommt!

Fette Würmer für Charly
Jedesmal flattert sie innerhalb ein, zwei Minuten heran, einen fetten Wurm im Schnabel , beäugt die Situation, und füttert ihrem verlorenen Sohn (Tochter? Man weiß es nicht) die dicke Beute. Nach einer guten Woche beginnt Hopser Charly mit seinen Flügeln zu flattern – nach zweieinhalb Wochen fliegt er bei einem seiner Ausgänge davon.
So etwas sei die Ausnahme, sagt Schmidberger – wobei er betont, dass es im Grunde gar nicht so schwierig sei, kleine Vögel durchzubringen. „Man muss eben viel Zeit investieren.“ Die schnelle Lösung, um Vögelchen vor Nachbars Katze zu schützen, sei, sie in Dornenbüsche zu setzen.

Viele Küken wirkten aber nur hilflos, weil sie unerfahren und im Fliegen noch ungeübt seien; darauf weist der LBV hin. Sie würden jedoch weiterhin von ihren Eltern versorgt und gefüttert. „Wir bitten daher, diese halbflüggen, bereits vollständig befiederten Vögel, so genannte Ästlinge, einfach sitzen zu lassen, solange sie sich nicht in unmittelbarer Gefahr, wie zum Beispiel durch Straßenverkehr oder Katzen, befinden“, heißt es in einer LBV-Erklärung.

Abgesehen davon hält es Schmidberger, so traurig es für manche klingen mag, mit dem Motto: „Nur die Stärksten überleben“. „Survival of the fiittest ist ein ganz gängiges Konzept in der Natur und hat sich bewährt“, sagt Schmidberger, und ist sich bewusst, dass er damit polarisiert. „Aber alle Jungen können gar nicht groß werden, das würde das Gleichgewicht durcheinander bringen.“
Beim Spaziergang oder im eigenen Garten entdeckt man gerade um diese Zeit auch manchmal Jungvögel, die vermeintlich alleingelassen und laut piepsen. Sie rufen jedoch nicht um menschliche Hilfe, sondern halten mit diesen sogenannten Standortlauten Kontakt zu ihren Eltern, um gefüttert zu werden. Denn: Viele Vogelarten verlassen ihr Nest, bevor sie fliegen können. Dazu zählen auch Singvogelarten, Greifvögel und Eulen.

Greift der Mensch in dieser sensiblen Phase ein und nimmt ein Jungtier in Obhut, unterbricht er die Bindung zwischen Alt- und Jungvogel, sagen LBV-Experten. Vogeleltern suchen bis zu 24 Stunden lang nach ihren verlorengegangenen Jungen. Hilfe benötigen befiederte Jungvögel nur, wenn sie nach zwei bis drei Stunden immer noch nicht von einem Altvogel gefüttert wurden, in Gefahr oder äußerlich verletzt sind.
Severin freute sich jedenfalls nach seinem erfolgreichen Aufpäppelversuch: „Charly ist noch ein paarmal zu uns in den Garten gekommen und hat uns besucht.“ Vielleicht flattern ja heuer schon Charlys Junge durch den Ort.
Tipps vom LBV
• Gefahr: Droht den flauschigen Federbällen unmittelbare Gefahr, zum Beispiel durch Katzen oder Straßenverkehr, können sie e kurz aufgenommen und an einem geschützten Ort in direkter Nähe des Fundortes, in Hörweite zu den Vogeleltern, abgesetzt werden. Am besten setzt man sie in eine Astgabel oder einen Busch. Vogeleltern nehmen ihre Jungen wieder an, wenn diese von einem Menschen berührt wurden. Handelt es sich um einen Nestling, also einen noch unbefiederten Vogel, kann dieser in sein Nest zurückgesetzt werden.
• Wildtiere: Jungvögel sind Wildtiere, sie dürfen nur vorübergehend aufgenommen werden, wenn sie verletzt, krank oder tatsächlich hilfsbedürftig sind. Ansonsten liegt ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz vor.
• Katzen: Dass Jungvögel außerhalb ihres Nestes auch natürlichen Feinden zum Opfer fallen, ist ein Vorgang, an den die Natur und die Vogelbestände angepasst sind. Hauskatzen sind jedoch keine heimischen Wildtiere. Als Beutegreifer jagen sie allerdings ebenfalls Vögel. Wer Katzen besitzt, sollte seinen Stubentiger daher für einige Tage – wenigstens in den Morgen- und Abendstunden – im Haus halten, gerade wenn Jungvögel im Garten oder in der Nachbarschaft unterwegs sind. Da die Jungvögel noch nicht richtig fliegen können, sind sie eine leichte Beute.
• Schutzräume: Umso wichtiger ist es, ihnen sichere Rückzugsorte zu bieten. Wer den Vögeln helfen möchte, sollte ihre Lebensräume schützen. Dazu kann jeder etwas beitragen – etwa indem er den Garten naturnah gestaltet, mit heimischen Pflanzen. Vögel finden dort Beeren und Insekten als Nahrung und können sich in dornigen Büschen gut verstecken. (Quelle: LBV)