Das Fahrrad, die Regensburger Altstadt und die Krux mit den Zahlen: „Subjektive Bedrohung“?

Das Fahrrad polarisiert. Der Seniorenbeirat moniert „chaotische Zustände“ in der Altstadt und stellt ein „Armutszeugnis für Regensburg“ aus. Die CSU nimmt sich der Sorgen an und fordert Verbotszonen in engen Gassen. Verkehrsverbände halten das für Unsinn. Was alle eint: Der Unfallstatistik wollen sie nicht so recht trauen.
Im CSU-Antrag, mit dem sich der Stadtrat kommende Woche auseinandersetzt, warnt Fraktionschef Michael Lehner vor einem „wachsenden Sicherheitsproblem“ – vor „enormen Behinderungen und Gefahren“. Der MZ sagt er: „Wenn Sie die Stadt fragen, wird sie sagen, es gibt fast keine Unfälle in der Altstadt. Das halten wir für einen Schmarrn.“
Nachfrage bei der Verwaltung. „Bitte wenden Sie sich dahingehend an die Polizei“, lautet die Antwort von Stadtsprecherin Katrin Holzgartner. Markus Reitmeier klärt auf. Rund 200 Unfälle haben die Beamten der PI Süd laut ihrem Sprecher im vergangenen Jahr innerhalb des Grüngürtels registriert. Der Großteil seien Parkrempler gewesen, oft in den Parkhäusern. An etwa 40 Unfällen waren Radfahrer beteiligt. Darunter waren fünf Unfallfluchten. In zwei dieser Fälle (einmal Rad gegen Rad, einmal Rad gegen Auto) war ein Pedalritter der Verursacher. Einen dieser Unfälle konnte die Polizei aufklären, den anderen nicht.
Regensburger Altstadt kein Hotspot für Fahrrad-Unfälle
Einen Hotspot für Fahrradunfälle in der Altstadt kann Reitmeier nicht ausmachen. Laut Verkehrslagebericht waren vergangenes Jahr Radfahrer an 416 Unfällen im gesamten Stadtgebiet beteiligt. Knapp zehn Prozent davon entfallen also auf die Altstadt. „Was das politische Thema in der Fußgängerzone angeht, liefert das Zahlenmaterial aber keine direkte Aussage“, sagt der Polizist. Denn: Wo innerhalb des Grüngürtels die rund 40 Radunfälle genau stattgefunden haben und wer sie verursacht hat, lässt sich laut Reitmeier nicht ohne Weiteres aufschlüsseln.
Die meisten Unfälle mit Radfahrern passieren auf Hauptstraßen, auf denen Autos und Busse unterwegs sind, würde ich meinen
Klaus Wörle, ADFC
Klaus Wörle, Vorstand beim Regensburger Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), glaubt nicht, dass viele der Unfälle in den Gassen der Altstadt passiert sind. Er verweist darauf, dass im ausgewerteten Gebiet auch Hauptverkehrsachsen wie etwa die D.-Martin-Luther- oder die Kumpfmühler-Straße liegen. „Die meisten Unfälle mit Radfahrern passieren auf Hauptstraßen, auf denen Autos und Busse unterwegs sind, würde ich meinen.“ Laut Reitmeier stürzen Radler „sehr oft“ alleinbeteiligt. Das wiederum kann Wolfgang Bogie, Kreisvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), nicht ganz nachvollziehen. Immer wieder lese er in Polizeiberichten von „selbstverschuldeten Unfällen“. „Das kann ich nicht greifen. Was heißt das? Lag vielleicht Split auf der Straße? Gab es ein Schlagloch? Da habe ich oft Informationsbedarf.“
CSU-Chef Lehner blickt aus einem anderen Grund skeptisch auf die Zahlen: „Wie willst du denn einen Radfahrer anzeigen?“, fragte er kürzlich im MZ-Gespräch und verwies auf fehlende Kennzeichen. Zudem sei die Straftat beziehungsweise Ordnungswidrigkeit oft so gering, dass es sich nicht lohne, diese zu verfolgen. Dazu Polizist Reitmeier: „Beinaheunfälle kann ich nicht aus dem System herauslesen. Ich kann nur über Zahlen sprechen, die uns vorliegen.“ Zu brenzligen Situation – etwa wenn jemand erschrickt – werde die Polizei nur in den seltensten Fällen dazugerufen. In der Debatte drehe sich viel um subjektive Wahrnehmung, vermutet Reitmeier.
Debatte um Verbotszonen in Regensburger: Fahrradfahrer eine „subjektive Bedrohung“?
Das sieht auch Wörle so. Er spricht von einer „subjektiven Bedrohung“, versteht aber, dass rücksichtslose Radler – auch wenn sie alles im Griff haben – als Gefahr wahrgenommen werden. „Natürlich gibt es einzelne Konflikte – wie überall im Straßenverkehr.“ Auch manche Autofahrer oder Fußgänger benähmen sich daneben. Wenn es um Fehltritte von Radfahrern geht, werde laut dem ADFC-Chef „schon auffällig oft“ pauschalisiert. Dabei gehe es in der Altstadt laut Wörle „relativ entspannt“ zu. Bogie sieht das ähnlich. Vom Antrag der CSU halten die beiden daher wenig bis gar nichts.
An der Debatte stören Wörle vor allem zwei Dinge: Vielen sei nicht bewusst, dass die meisten Gassen Wohnverkehrsstraßen sind. „Das sind gemeinsame Geh- und Radwege. Sie werden aber als Fußgängerzone betrachtet. Deshalb fühlen sich die, die zu Fuß unterwegs sind, oft im Recht.“ Das Bild vom Raudi, der Fußgänger als Slalomstangen betrachtet, findet Wörle grotesk. „Ja was soll ein Radfahrer denn sonst machen? Einfach geradeaus fahren?“, fragt er. „Das ist Unfallvermeidung, sonst nichts.“