Auf Regensburgs Freisitzen: Highlife in der Sonne, Flucht vor dem Schatten

Von Heike Haala · 12. April 2025 um 05:00

In der Sonne ist es schon schön warm, im Schatten aber halten es die meisten Cafébesucher noch nicht draußen aus: Das führt in der Regensburger Altstadt mitunter zu Wanderbewegungen – die auch einiges durcheinanderbringen können.

Leon Müller hat es am Donnerstagnachmittag perfekt erwischt. Er gönnt sich einen Kaffee in der Bar Centro am Bismarckplatz. „Bei dem schönen Wetter nach der Arbeit raus: Das ist einfach befreiend nach dem kalten Winter, der in Regensburg auch ganz schön nebelig sein kann“, sagt er. Das Zeitfenster, während dem er sich an der Hausmauer von den Sonnenstrahlen wärmen lassen kann, schließt sich da aber bereits wieder. Wenige Zentimeter vor Müllers Tisch tastet sich die Schattenkante Minute um Minute näher heran. Das Theater wirft sie in diesem Bereich bei Sonnenschein am späten Nachmittag. Müller packt zusammen und geht. Der Kaffee ist ausgetrunken. „Und im Schatten ist es noch zu kalt“, sagt er.

Menschen, die sich in der Sonne drängen

Müller ist nicht der einzige, der in diesen Tagen mitbekommt, dass es die Freiluftsaison nicht so ganz aus dem Startblock geschafft hat. Freilich gab es schon einige warme Tage, die sich herrlich auf einem der Freisitze vor Regensburgs Lokalen zubringen ließen. Sobald sich dann aber Schatten breit macht, wird es empfindlich kalt. Und so drängen sich die Menschen entlang der dunklen Kontur, um den ersten Frühlingsmomenten nur jede nur irgend mögliche Sonnenminute abzutrotzen.

Sobald die Sonne scheint, füllt sich die Freisitz beim Goldenen Kreuz innerhalb von Minuten. - Foto: Heike Haala

Dadurch entsteht ein Phänomen, das um diese Zeit im Jahr vor vielen Regensburger Lokalen zu beobachten ist: In der Sonne gibt es viel Trubel und Gedränge, Gabeln und Messer klappern auf den Tellern, Menschen im T-Shirt und mit einer Sonnenbrille auf der Nase prosten einander zu – dolce far niente. Über den Tischen, die im Schatten stehen und damit oft nur wenige Zentimeter weiter, fegt dagegen ein kühles Lüftchen. Hier herrscht gähnende Leere. Neben Müller hatten sich am Donnerstag in der Bar Centro immerhin noch einige Hartgesottene eingefunden, die – in Steppjacke und Wolldecke gekauert – bibbernd die Lippen in Richtung eines dampfenden Heißgetränks spitzten.

Das Schwarmverhalten der Regensburger im Frühling

Wie sich Sonnenhungrige entlang einer Schattenkante drängen, ist auch vor dem Goldenen Kreuz am Haidplatz zu beobachten. Am späten Nachmittag wirft die Arch bei schönem Wetter ihre dunkle Silhouette auf das Pflaster. Knapp vor den Freisitzen der Lokale auf der anderen Seite des Platzes aber endet sie und lässt der Sonne einen Streifen Platz, auf dem das Leben tobt. Chefin Christine Horsch kennt die Mechanismen dieses Schwarmverhaltens. „Wenn der Himmel aufreißt, füllt sich die Terrasse innerhalb von Minuten“, sagt sie. Etwa ab Mitte März gehe das jedes Jahr bei ihr los, vor allem an den Nachmittagen und am Wochenende.

Stadtamhof hat eine Vormittags- und eine Nachmittagsseite. Die Freisitze auf der westlichen Seite der Straße haben Morgens Sonne, liegen aber ab dem Nachmittag im Schatten. Dann geht es auf dem gegenüberliegenden erst richtig los. - Foto: Heike Haala

Bei einem Spaziergang zum Brückenbasar in Stadtamhof offenbart sich dieses Phänomen ebenfalls. Stadtamhof hat eine Vormittags- und eine Nachmittagsseite. Die Freisitze auf der westlichen Seite der Straße haben morgens Sonne, liegen aber ab dem Nachmittag im Schatten. Dann geht es gegenüber erst richtig los. Das ist die Seite, auf der Andreas Espig die Trattoria Marina betreibt. Die Sehnsucht seiner Gäste nach Sonne im Frühling ist ihm nicht fremd. „Das ist ein Hin und Her“, sagt er. Die gegenüberliegenden Cafés könnten früher aufsperren, dafür habe er die Nachmittagssonne. „Nach vorne, zur Donau hin, sind wir schon ab 11 Uhr frequentiert. Hier gibt es den ganzen Tag Sonne“, erklärt Espig. Am Brückenbasar füllen sich ab den Mittagsstunden zuerst die vordersten Reihen, die hinteren peu à peu, sobald sie in der Sonne liegen.

Zu Beginn des Frühlings gebe es auch Wanderungen. „Die Gäste setzen sich um, um in der Sonne zu sitzen“, erzählt Espig. Das sorge auch für Stress. „Meine Leute müssen dann sehen, dass sie auch auf den richtigen Tisch bonieren und dass die Bestellungen trotzdem richtig ankommen“, sagt Espig. Horsch kennt ebenfalls eine Kehrseite dieser Medaille: Sobald es im Juli und im August zu heiß wird, bleiben die Tische auf dem Haidplatzleer – etwa ab 11 Uhr, spätestens 12 Uhr. „Dann geht es nicht mehr ohne Schatten“, sagt sie. Deswegen überlegt sie schon, wie sie ihre Gäste in diesem Sommer vor der Hitze schützen könnte. Alles in allem sei der Beginn der Freiluftsaison aber eine schöne Zeit, resümiert Espig. „Ein sonniger April ist Gold wert“, schwärmt er.