„The Shining“ als Oper und „Tanz Dahoam“: Das bringt die neue Saison im Theater Regensburg

Alles steht auf dem Spiel: Unter dem Motto „Existenzen“ sind von September 2025 bis Juli 2026 29 aufregende Produktionen im Theater Regensburg zu erleben. Das Bayerische Theaterfest im Mai 2026 gibt’s obendrauf – und den Titel „Staatstheater“.
Der neue Spielplan wird traditionell bis zur letzten Minute so geheim gehandelt wie ein Raketenbauplan. Am heutigen Samstag wird er im Theater am Bismarckplatz vorgestellt, der Saal ist ausgebucht. Ab Mittag liegen die Spielplan-Bücher gratis aus. Bereits am Freitag präsentierten Intendant Sebastian Ritschel und sein Team vor Medienvertretern das mit Spannung erwartete Programm: Aufregende Inszenierungen, einige sehr prominente Namen und das Motto: „Existenzen“.
Im nahen und näheren Osten – in Gaza und in der Ukraine – tobt Krieg, im fernen Westen macht ein seltsamer Präsident makabere Deals, unsere Wirtschaft pfeift aus dem vorletzten Loch und sämtliche Sozialsysteme mit. Die Menschen verlieren Orientierung und die Welt scheint verrückt geworden: Nicht weniger als alles steht also auf dem Spiel. Wie unklar und verschwommen wir sehen, was an Existenziellem auf uns zukommt, spiegelt schon das Programmbuch – buchstäblich: Die Silberfolie des Covers wirft unser Bild vage zurück, fordert auf zu Selbstbefragung.
Lesen Sie mehr: Staatstheater Regensburg: Kommt der Titel im Mai 2026?
29 Produktionen sind zu erleben, darunter acht Uraufführungen, eine deutsche Erstaufführung und zwei Inszenierungen, die erstmals nach Europa kommen – und da sind noch nicht mal die 35 Konzerte in großen und kleinen Formaten unter Generalmusikdirektor Stefan Veselka erwähnt und auch nicht die Gast-Inszenierungen, die die Bayerischen Theatertage im Mai 2026 bringen werden. Das Ensemble würzte die Konferenz mit Kurzauftritten, urkomisch und mit beeindruckendem Elan: Wagner Moreira tanzte auf Zuruf.
Der Spielplan ist ambitioniert und kitzelt die Lust auf Neues. Das Publikum geht den Weg inzwischen gern mit, wie die exzellente Auslastung zeigt. Händel und Verdi bleiben die einzigen Statthalter aus dem Klassik-Musik-Repertoire: Mit „Alcina“, gerade auf Bühnen reihum präsent, darf man im Barockrausch schwelgen, mit „Rigoletto“ in einen Strudel um Eifersucht und Rache tauchen.
Die Geister der Geköpften
„The Ghosts Of Versailles“ holt blutige Geschichte in die Gegenwart: Marie Antoinette, 1793 enthauptet, trauert 200 Jahre später immer noch um ihr verlorenes Leben, umschwirrt von Geistern ihres geköpften Hofstaats, darunter der Dramatiker Beaumarchais. Er will die Angebetete durch „Figaro“, seine Komische Oper, erlösen. John Corigliano webt in seine raffinierte Musik Mozart und Rossini ein. Seine kühne Grand Opera Buffa verspricht ein so opulentes wie rares Erlebnis. Seit der Uraufführung an der New Yorker Met 1991 stand sie nur ein Mal auf einem deutschen Spielplan.
An den Kragen geht’s auch der Familie von Jack, die im eisigen Colorado ein Hotel hütet: „The Shining“ ist als Opern-Thriller zu erleben, mit der Nerven zerfetzenden Musik von Paul Moravec, die im Januar ein Grammy-Kandidat war. Wer die Bilder des irren Jack Nicholson aus Stanley Kubricks Kinowerk im Kopf hat, kann sie gleich vergessen. Das Psychodrama, erstmals in Europa aufgeführt, folgt nämlich nicht dem Film, sondern dem Buch von Horror-Altmeister Stephen King, der übrigens auch jedes Detail vorab persönlich absegnen muss.
Lesen Sie mehr: Ein Buch und eine Ausstellung erinnern an den borstigen Avantgardisten Max Bresele
Die Regensburger Wiederentdeckung des lang verschollenen „Prinz von Schiras“ war 2024 eine Sensation. Jetzt folgt das Haus vielfachem Wunsch und setzt Joseph Beer wieder auf den Spielplan: „Polnische Hochzeit“ kommt – und die Herzen der Operettenfreunde schlagen höher.
Bei der Weihnachtsfamilienproduktion dürfte den Kindern das Wasser im Mund zusammenlaufen: „Charlie und die Schokoladenfabrik“ kennen sie aus dem Film mit Johnny Depp als exentrischem Süßwarenhersteller – hier ist die Story um eine bitterarme Familie, die Liebe über Geld stellt, als Musical zu erleben, erstmals auf einer deutschen Bühne.
Um „Tanz Dahoam“ wird das Publikum buhlen: Wagner Moreiras Kompanie kommt nämlich auf Wunsch ins Wohnzimmer, in den Schrebergarten oder wo immer sich Menschen daheim fühlen, und führt eine Privat-Performance auf. Zehn Termine sind reserviert. Weitere Uraufführungen im Tanz sind der ehrgeizige Doppelabend „Sacre – ein Rausch“, der von einer Feier der Lebenslust ins Dunkle führen wird, und „Dollhouse“, eine Choreographie um fiese Puppen und KI.
Ein Sixpack im Theater am Haidplatz
Der Haidplatz wird Bühne für einen Sechsteiler. Sechs Inszenierungen á 90 Minuten umkreisen – mal leichthändig, mal bitter-melancholisch – existenzielle Themen wie Alter und Demenz und sind auch durch die Ausstattung von Kristopher Kempf miteinander verbunden: vier Stücke (eins davon schreibt der renommierte Autor Philipp Löhle gerade), das „Dance Lab 4.0“ und „Lucidity“, die Kammeroper der New Yorker Komponistin Laura Kaminsky. Sie lässt eine Sängerin um die 80 auftreten, genau so eine wird noch gecastet. Zu Saisonende kann man sich das Haidplatz-Sixpack dann sogar im Zwei-Tage-Marathon gönnen.
Antje Thoms und ihre Schauspiel-Sparte packen eine Reihe heißer Eisen an und schreiten den Raum zwischen Freiheit und Verantwortung ab. Es geht etwa um „The Manhattan Project“ und die Atombombe oder um die Frage, wie man einen Judenretter ehrt: „Lob der Gerechten“ ist eine Komödie, aber ihr Humor ist entlarvend und bitterböse. Lutz Hübner und Sarah Nemitz, angesagt wie kein anderes Dramatiker-Duo bundesweit, schrieben das Stück im Auftrag des Theaters Regensburg, recherchierten vor Ort über den Umgang mit Erinnerungskultur und konnten hier auch über Gedenksteine stolpern, die beschmiert werden. Ebenfalls witzig vor ernstem Hintergrund ist eine Polit-Satire, wie sie das Leben schreibt: „Die Schattenpräsidentinnen“ sind sieben Frauen im Weißen Haus, die alle Hände voll zu tun haben, um die Ausfälle des US-Präsidenten glatt zu bügeln.
Wer bin ich, wer will ich sein? Kleine Menschen müssen sich permanent wuchtigen existenziellen Fragen stellen. Oda Zuschneid und das Junge Theater bieten ihnen viele Modelle an. Sie pirschen sich zart, humorvoll und überraschend an schwierigen Stoff wie Einsamkeit, Alkoholismus und Holocaust heran. Drei Pinguine fragen da, ob Gott existiert, ein Bär findet sich selbst, ein Paar rollt in Liedern seine Beziehung von rückwärts und vorwärts auf. Und ein Nashorn schaut aus dem Zoo auf die Gitter und die abgemagerten Menschen gegenüber, die so seltsame gestreifte Anzüge tragen.
Das sind die Premieren von September 2025 bis Juli 2026
• Theater am Bismarckplatz
27. September: „The Ghosts of Versailles“, Oper 8. November: „Sacre – Ein Rausch“, Tanzabend, Uraufführung6. Dezember: „Charlie und die Schokoladenfabrik“, Musical, erstmals in Deutschland7. Februar: „Polnische Hochzeit“, Operette21. Februar: „Die Schattenpräsidentinnen“, Polit-Satire21. März: „Alcina“, Oper9. Mai: „The Shining“, Oper, erstmals in Europa20. Juni: „Rigoletto“, Oper
• Theater im Antoniushaus
28. September: „Lob der Gerechten“, Komödie, Uraufführung1. November: „Nora. Ein Thriller“, Schauspiel22. November: „An der Arche um Acht“, Familienstück31. Januar: „Manhattan Project“, Schauspiel28. März: „Dollhouse“, Tanzabend, Uraufführung10. Mai: „Die schmutzigen Hände / Die Gerechten“, Dramen, Doppelabend
• Theater am Haidplatz
4. Oktober: „Fischer Fritz“, modernes Volksstück9. November: „Tod eines Handlungsreisenden“, Drama14. Dezember: „Born to be Wild“, Liederabend mit Puppen, Uraufführung8. Februar: „Lucidity“, Kammeroper, erstmals in Europa11. April: „Ein neues Stück“ (Arbeitstitel), Schauspiel, Uraufführung7. Juni: „Dance Lab 4.0“, Tanzabend, Uraufführung
• Junges Theater
5. Oktober: „Der Bär, der nicht da war“, Schauspiel29. November: „Kleinstadtnovelle“, Monolog25. Januar: „The Last Five Years“, Musical14. März: „Was das Nashorn sah“, Schauspiel10. April: „Mary, Shelley, Frankenstein!“, Community Theater, Uraufführung11. Mai: „Das Leben ist ein Wunschkonzert“, Schauspiel
• Sonderformate
13. September: „Auf dem Weg zum Staatstheater“, Auftakt am Bismarckplatz20. September: Eröffnungsgala am Bismarckplatz, Theaterfest an allen Spielstätten26. September: „Tanz Dahoam“, mobile Tanzperformance, Uraufführung8. Mai: Eröffnung der Bayerischen Theatertage am Bismarckplatz4. Juli: „Casino Royale“, Sommernachtsball am Bismarckplatz, in Planung18./19. Juli: „Klassik im Jahnstadion“, Open-Air, in Planung