Ein Buch und eine Ausstellung erinnern an den borstigen Avantgardisten Max Bresele

Von Marianne Sperb · 20. März 2025 um 13:30

Im Rahmen der Internationalen Kurzfilmwoche kommt man einem eigenwilligen „Lebenskunstwerk“ nahe. Aber noch immer fehlt ein würdiger Platz für die prägende Figur Max Bresele.

Ob Max Bresele das getaugt hätte, eine Ausstellung und sogar ein ganzes Buch über ihn und sein Schaffen? Einerseits ja: Der Multikünstler aus der Oberpfalz wollte ja erklärtermaßen im Museum vertreten sein und steuerte einen Platz bei der Weltkunstschau Documenta an. Andererseits nein: Verzweckung jeder Art, Vereinnahmung, gar durch Marktmechanismen, lehnte der Kapitalismus-Kritiker radikal ab. Als beispielsweise Heiko Herrmann, Gründer der „Pertolzhofener Kunstdingertage“, eines Tages kaufinteressierte Galeristen zum Refugium des Künstlerfreunds lockte, da reagierte Bresele stinksauer.

Die aktuelle Erinnerungsoffensive freilich, die Mittwochabend im Kulturzentrum M26 in Regensburg startete, konnte der Eigenbrötler weder gutheißen noch verhindern: Max Bresele, Jahrgang 1944, starb 1998. Er hinterließ einen Berg an Schulden, ein Gebirge an Kunst-Rohstoff, vulgo: Schrott, aufgetürmt rund um den aufgelassenen Stall in Uckersdorf im Kreis Schwandorf – und vor allem ein kaum überschaubares Werk, sagenhaft ausgedehnt, verästelt und verrätselt. Malerei, Assemblagen, Experimentalfilme, Buchkunst, Möbel, Wortschöpfungen, Skulpturen, Soundmontagen, Teppiche, Zeichnungen: Ein uferloses Schaffen aus Weggeworfenem. Nichts, was Max Bresele nicht bemalte, beklebte, beschnitt, verschraubte, montierte, verschweißte, bekritzelte, beschriftete, zerkratzte, um Müll mit Quersinn aufzuladen.

Auf dem Moped nach Kassel

Max Bresele liefert den Beleg, dass subversive Avantgarde auf dem Land gedeiht und keine exklusiv urbane Sache ist. Wolfgang Herzer vom Kunstverein Weiden, hält ihn für eine Figur, die repräsentativ für die Oberpfalz der 1980er und 1990er steht, auch für den Aufstand gegen die WAA, der die Identität einer ganzen Region prägte. Polit-Aktivist Bresele trug das Seine zu der Rebellion bei, sein Hof wurde ein Zentrum des Widerstands. Ein Lebenskunstwerk – LKW – nennt Herzer den Pionier, nach dem Kreativitätsforscher Paolo Bianchi. Einen Menschen also, der an der Schnittstelle von Leben und Kunst permanent experimentierte und sich reflektierte.

Der Name ruft heute meistens nur ein schwaches Echo wach. Bresele, da war doch was? Meistens wird dann die eine oder andere Anekdote erzählt über den widerborstigen Sonderling aus der Provinz. Fest zur Bresele-Folklore gehört etwa die Fahrt zur Documenta. Auf seinem altersschwachen Moped knatterte der Nonkonformist 1997 nach Kassel, ein hellblaues Kinderwagerl als Anhänger, vollgestopft mit Kunst, die er vor internationalem Publikum auf der Freitreppe zur Karlsaue ausbreitete. In seiner klugen Einführung im M26 lenkt Wolfgang Herzer am Mittwoch den Blick auf eine ernsthaftere und vor allem: dauerhafte Beschäftigung mit Breseles Werk, das immer noch unterschätzt, übersehen, lückenhaft inventarisiert, kaum publiziert ist.

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Anfänge sind gemacht. Der Kunstverein Weiden rettete den aufgetürmten Nachlass, bevor der 1999 im Müllkraftwerk Schwandorf landen konnte, und verwaltet ihn. Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler, die Kunstpartner in Adlmannstein im Kreis Regensburg, haben Arbeiten aus dem Nachlass des Underdog in ihrem Schaulager ein schönes Plätzchen eingerichtet. Seit vielen Jahren gibt es außerdem den Max-Bresele-Gedächtnispreis, den die Internationale Kurzfilmwoche verleiht und den neuerdings der Weidener Kunstverein ausstattet, 2025 sogar mit 1000 statt 500 Euro Preisgeld. Unter dem Schlagwort „Großwetterlage“ präsentiert das Festival historische und aktuelle Polit-Positionen, erklärt Amrei Keul, die mit Gabriel Flieger das Festival leitet – ein Film-Biotop, wie für Bresele gemacht.

Der „Idyllenstörer“ im Buch

Ein Buch, herausgegeben vom Kunstverein Weiden, bringt den subversiven Kunst-Berserker nun näher. „Idyllenstörer“ heißt es stimmig. Julia Weigl-Wagner hat ein Buch geschrieben, das einen anregt wie ein kräftiges Gewürz und das man in einem Zug wegliest. Sie kniete sich tief in den Kosmos Bresele, trieb viele Zeitzeugen auf, auch Gefährtinnen und Partisaninnen. Aus Pixeln und Gesprächen entstand ein dichtes, sinnliches und fein recherchiertes Porträt, das beide abbildet: Mensch und Künstler. Im M26 ging es vor allem um den Aktivisten, geschildert im Kapitel „Hinter der Kamera gegen die Atomfabrik“. Das Buch ist ein Trittstein für das Bewahren von Bresele, sagt Herzer, und: „Weitermachen!“

Der Kosmos Max Bresele

Ausstellung: Ein Crossover zu Max Bresele ist bis 28. März (12 bis 18 Uhr) im M26 zu sehen, zur Internationalen Kurzfilmwoche. Zur Finissage gibt’s eine Führung: am 29. März (12 Uhr).

Preis: Der Max-Bresele-Gedächtnispreis für politisch relevanten Film wird am 26. März (18 Uhr) in der Filmgalerie im Leeren Beutel verliehen.

Buch: „Idyllenstörer Max Bresele“ von Julia Weigl-Wagner, herausgegeben vom Kunstverein Weiden, hat 103 Seiten und kostet 14,99 Euro.

Nachlass: Werke von Max Bresele sind beim Kunstverein Weiden und im Schaulager Adlmannstein zu sehen.