„Es gab konkrete Drohungen“: Regensburgs Intendant über Meinungsvielfalt und Demokratie

Die Rechte erstarkt. Sebastian Ritschel spricht über die Kraft von Theater, was die Wende für ihn ganz persönlich bedeutet hat – und wie unverblümt versucht wird, in den Spielplan einzugreifen.
Die Zustimmung zu extremen Positionen wächst, das zeigten zuletzt die Wahlen in Thüringen und Sachsen. Allerorten wird nun die Rolle des Theaters beschworen, als Ort, der unterschiedliche Menschen zusammen bringt. Am Theater Regensburg hält Intendant Sebastian Ritschel im Interview zum Tag der Deutschen Einheit die Fahne für Meinungsvielfalt hoch – auch gegen Einschüchterungsversuche.
Herr Ritschel, Sie sagten bei der Theater-Gala zu Saisonauftakt, es gebe auch in Bayern Bestrebungen, die Vielfalt am Theater zu begrenzen. Was meinten Sie?
Sebastian Ritschel: Ich erhielt in der vergangenen Saison Briefe, die mich aufforderten, bestimmte Stücke regionaler Autoren zu spielen, sonst werde das Theater Folgen spüren. Es gab konkrete Drohungen.
Briefe von Privatleuten?
Ritschel: Ja. Als Theatermacher bekommt man ja häufig Libretti oder Stücke zur wohlwollenden Prüfung. Das ist nicht ungewöhnlich. Anders hier: Es gab es den dringenden Hinweis, man werde mit parteipolitischen Konsequenzen rechnen müssen.
Nehmen Sie die Drohung ernst? Halten Sie solche Konsequenzen für denkbar?
Ritschel: Nein. Das Theater leistet sehr gute Arbeit. Die Auslastung gehört zu den besten in Bayern. Wir erreichten gerade das bisher beste Ergebnis des Hauses – finanziell und von den Besucherzahlen her. Und wir sind mit der Kommunalpolitik in sehr gutem Austausch. Die Kunstfreiheit: Am Theater Regensburg gilt sie.
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Hasko Weber, der Intendant des Nationaltheaters Weimar, sagt: Theater sollte nicht parteipolitisch oder ideologisch auftreten, weil es nicht zu den ausgewiesenen Einrichtungen der Demokratie gehört. Wie sehen Sie’s?
Ritschel: Theater ist ein Ort des Austauschs – und wenn wir Demokratie mit Austausch gleichsetzen, dann ist Theater natürlich genau das: ein demokratischer Ort. Denken Sie allein an das Balkonsingen auf dem Bismarckplatz.
Sie sehen die Konzertreihe als Ort der Demokratie?
Ritschel: Menschen unterschiedlichster Einstellung erleben da gemeinsam eine halbe Stunde Kunst, etwa Titel aus dem Musical „Parade“, das Rassismus und Antisemitismus behandelt und zu dem wir ja sogar Polizeischutz hatten. Ich war bei fast allen Balkonsingen vor Ort. Da treffe ich natürlich auch Besucher, die Dinge anders sehen. Das ist normal und auch in Ordnung. Aufgabe von Theater ist ja nicht, Politik oder gar Parteipolitik zu betreiben. Das tun wir auch dezidiert nicht. Aber wir stoßen mit unseren Angeboten den politischen Diskurs an.
Das Land rückt – die Wahlen im Osten zeigen es – nach Rechts. Wie politisch kann, wie politisch muss Theater heute sein?
Ritschel: Theater ist per se ein politischer Ort. Wir stellen uns sämtlichen Themen des Lebens. Ich erinnere an „1984“, ein hochpolitisches Stück, oder an die Protokolle der Potsdamer Konferenz, die wir in einer Lesung als das erste Theater nach dem Berliner Ensemble öffentlich machten. Am Theater kann alles verhandelt werden. Über Kunst in den Dialog kommen, ist unsere Aufgabe. Und unsere Dramaturgie betreibt zu allen Themen jeden Tag Basisarbeit, etwa bei Nachgesprächen.
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Sie treten für offenes Sprechen ein. Auch bei Aussagen, die Sie vielleicht nicht gern hören oder die in Teilen der Gesellschaft geächtet sind? Die Dinge sind ja oft nicht eindeutig, etwa die Frage: Wann ist ein Krieg gerecht? Oder: Ist die AfD eine demokratische Partei?
Ritschel: Für die Beurteilung, ob eine Partei demokratisch ist, haben wir Gerichte und den Verfassungsschutz. Das zu klären, ist nicht Aufgabe des Theaters. Aber wir stellen uns dem politischen Diskurs. Mit unseren Zukunftsdialogen – wie am 13. Oktober mit Michel Friedman – bieten wir ein Format, bei dem wir über Haltung sprechen, und klar: Da kann sich jeder äußern, egal, welcher Partei er sich nahe fühlt.
Alle sind für Meinungsfreiheit, aber wir sind schnell dabei, ethische Leitplanken aufzustellen. Ein schmaler Grat, oder?
Ritschel: Ob Theater diesen Widerspruch auflösen kann, weiß ich nicht. Aber was wir können: zum Gespräch ermutigen und konträre Positionen auf die Bühne bringen.
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Druck – nämlich finanzieller Art – droht den Theatern aktuell von jenen, die die AfD Altparteien nennt. Der Sparzwang ist riesig. Wie sollen Theater damit klar kommen?
Ritschel: Wir müssen uns klar machen, welchen Wert Kultur hat. Theater bietet die wunderbare Chance, Menschen zusammen zu bringen, die unterschiedliche Sichtweisen haben. Wenn diese frei und überparteilich bespielten Räume wegfallen, werden andere sie besetzen, und zwar mit eingefärbten, mit einseitigen Sichtweisen. Wollen wir das wirklich? Theater ist kein Add-on, kein Zusatzstück, sondern ein Lebensmittel: unverzichtbar!
Die Kürzungen werden ein Blutbad anrichten, fürchtet die Kulturszene in Berlin. Theater werden schließen oder ihr Angebot minimieren müssen. Auch in anderen Städten und Bundesländern werden Einschnitte verkraftet werden müssen.
Ritschel: Theater sind Unternehmen, Personal ist ihr größter Ausgabe-Posten. Am Personal können wir nicht sparen, also muss das Angebot sich verändern. Und wenn das Angebot dürftig wird, wird sich das Publikum fragen: Warum soll ich da noch hingehen? Für uns ist entscheidend, unsere Vielfalt zu erhalten. Wir richten uns an alle: an die Zweijährige im Stück über die Maus Frederick genau wie an den Opernfreund. Die Menschen am Haus – auch ich persönlich – sind nah an den Menschen dieser Stadt. Wir stehen für das, was wir tun, wir zeigen Gesicht. Intern ist das nicht anders: An diesem Haus wird miteinander gesprochen, gearbeitet, gestritten und geliebt. Natürlich – nur um das angesprochen zu haben – ist Theater kein basisdemokratisch geführter Betrieb. Aber wir geben den Platz, seine Meinung offen zu sagen.
Am 3. Oktober ist Tag der Einheit. Sie arbeiteten Ihr halbes Leben im Osten: an den Landesbühnen Sachsen, zuvor am Theater Görlitz-Zittau. Welche Rolle spielte das Theater?
Ritschel: Erstmal bin ich persönlich sehr dankbar für die Einheit. Ohne sie hätte ich meine Partnerschaft mit Ronny Scholz nicht. In Görlitz war das Theater nach der Wende ein Anker der Gesellschaft, nicht nur als Arbeitgeber, sondern weil es gegen Leerräume kämpfte und Perspektiven bot. Wir spielten „La Cage aux Folles“, ein queeres Musical, als Angela Merkel noch ein ungutes Bauchgefühl hatte bei der Idee gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, und lösten eine Debatte aus. Wir brauchen Theater, damit Austausch stattfinden, damit Demokratie gelebt werden kann. Damit man sich nicht verrennt. Denn es ist ja so: Höfliche Kommunikation nimmt ab, Polarisierung zu. Gerade deshalb ist es so verdammt wichtig, Dinge zu erklären und zu benennen.
Der streitbare Michel Friedman kommt Mitte Oktober ins Theater. Erwarten sie wieder Briefe?
Ritschel: Es wird Reaktionen geben, klar. Aber unsere Reihe „Zukunftsdialog“ ist ein Angebot, miteinander zu sprechen. Und ja: Es dürfen gern unterschiedliche Meinungen ausgetauscht werden. Aber Drohungen sind nicht der Weg.
Interview: Marianne Sperb
Reden über Demokratie und Balkonsingen
Beim „Zukunftsdialog: Demokratie“ im Theater am Bismarckplatz diskutieren am 13. Oktober (18 Uhr) Michel Friedman und Anja Reschke. Der Abend findet in Kooperation mit Bücher Pustet und Buchhandlung Dombrowsky statt, Karten: theaterregensburg.de
Das nächste Balkonsingen findet am 23. Oktober (21.30 Uhr) auf dem Bismarckplatz statt. Die musikalische Leitung hat Ben Weishaupt, es moderiert Ronny Scholz, es singen: Carlos Moreno Pelizari, Henriette Schein und Svitlana Slyvia.