Ein Phänomen: Das Regensburger Balkonsingen zieht die Massen an

Von Marianne Sperb · 2. Juli 2024 um 19:00

Wenn am 3. Juli das Licht des Tages langsam schwindet, tun sich auf dem Regensburger Bismarckplatz seltsame Dinge. In Restaurants und Kneipen ringsum bricht Unruhe aus – „Herr Ober, zahlen! Wir müssen gleich weg!“ – und vor dem Theater nehmen Grüppchen und Paare Stühle und Tische in Beschlag, lassen sich am Rand der Hochbeete und Brunnen nieder, packen womöglich ein Fläschchen aus und warten, bis es endlich 21.30 Uhr ist.

Die Schirme und Regenjacken, die sie je nach Wettervorhersage dabei haben, demonstrieren: Diese Menschen sind entschlossen, auszuharren. Bis zum letzten Tropfen. Bis zum letzten Ton.

Aus einigen wurden weit über 1000 Besucher

Balkonsingen heißt das monatlich auftretende Phänomen, das am Mittwoch zum 20. Mal stattfindet und deshalb eine kleine Geburtstagsrede verdient. Im Herbst 2022 fiel es auf der Fläche vor dem Theater erste zufällige Gäste an, griff rasch um sich, konnte bald einen festen Stamm dauerabhängig machen und fischt nebenbei immer noch neue Klienten. Ein buchstäblich bei-läufiger Erstkontakt genügt: Jeden, der an einem festen Mittwochabend im Monat den Platz in der Welterbestadt quert, kann es treffen. Aus einigen wurden ein paar Dutzend, einige hundert und inzwischen auch weit über 1000 Besucher, die sich für eine halbe Stunde vom Rest der Welt abmelden, um zuzuhören.

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Dabei ist das Balkonsingen weit entfernt von Eskapismus oder Blasenbildung, im Gegenteil: Hier finden sich, das ist ja das Schöne, Menschen kreuz und queer, alt und jung, gesund und krank. Unvergesslich ist mir ein Abend, an dem ein Mann im Rollstuhl mit Sauerstoffmaske, ein Althippie mit Silberdutt und Lederjacke, der schwer nach Pot roch und vielleicht seine erste Opernarie live hörte, ein stockseriöses Kleeblatt vermutlich verrenteter Freundinnen und zwei hingerissene Teenager traulich nebeneinander dem lauschten, was von oben gesungen wurde: vom Balkon des Theaters nämlich. Mit dem fing alles an.

Eine Piazza, die braucht Musik

Sebastian Ritschel, der (damals noch designierte) Intendant, und Ronny Scholz, heute der Chef-Dramaturg, sondierten die Lage an ihrer künftigen Wirkstätte, saßen vor den würdevollen cremefarbenen Säulen, schauten über den Platz und fanden: Das ist eine Piazza, die braucht Musik, und zwar am besten von oben, vom Balkon. Damit war die Idee für eine Reihe geboren, die es bundesweit, nach allem, was Branchenkenner sagen, kein zweites Mal gibt.

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Theater suchen Stadt. Die Häuser wollen sich öffnen, kulturferne Schichten erreichen, das ist der große und in einer zerfallenden Gesellschaft durchaus richtige Trend. Überhaupt: Gemeinschaftserlebnis! Wie anfällig wir dafür sind, zeigt gerade der Fußball. Aber wie oft ist schon EM im Land? Die Staatsoper München lässt neuerdings in einer Seifenoper auf ARD Kultur hinter ihre Kulissen blicken, was aber kein Gruppenerlebnis bietet, und ist ungeheuer beliebt mit seiner „Oper für alle“, aber die gibt’s nur ein Mal im Jahr. Das künftige Staatstheater Regensburg dagegen bindet Menschen mit dem Balkonsingen jeden Monat aufs Neue ans Haus.

Was macht die Reihe so erfolgreich? Klar: Das Angebot ist niedrigschwellig, der Eintritt frei, der Platz unter anderem mit Auto erreichbar – die Besucher kommen schließlich extra auch aus dem Bayerischen Wald – und 30 Minuten werden selbst Anfängern nicht zu lang. Das Programm ist außerdem extrem vielseitig, beschwingt, berührend, feurig. Pop, Arie, Musical, Operette, alles dabei. Und nicht nur die Stimmung ist großartig, auch die Stimmen. Die Profis des Ensembles singen hier mit Herz und Schmelz.

Anfangs war die Bereitschaft der Sängerschaft für die Abendschicht im Freien, bei jedem Wetter – im Winter gab’s auch strömenden Regen und Schnee – verhalten, aus Sorge vor Erkältung. Das hat sich geändert. Viel Publikum und gute Vibes, das mögen Künstler selbstverständlich. Wer nicht im Einsatz ist, schaut einfach so vorbei und quatscht – ein Kollateralnutzen – mit Bereits- oder Noch-nicht-Theaterfreunden. „Der Platz kann auch großartig zuhören“, bescheinigt Ronny Scholz, der jede Ausgabe moderiert und nach dem nun sogar ein Drink benannt ist. „Ronny“ heißt der Prosecco auf Eis, der beim Balkonsingen ausgeschenkt wird.

Der Platz ist vollständig befriedet

Kultur schützt vor Verrohung. Anders als am Neupfarrplatz, nur ein paar hundert Meter weg, der eine Zeitlang ins Gerede kam wegen wüster Saufexzesse in Sommernächten, ist der Bismarckplatz beim Balkonsingen vollständig befriedet. Keine zerdepperten Bierflaschen, keine Betrunkenen, denen kotzübel ist, dafür Menschen, die Musik hören und dankbar sind. Oder ist das nur der verklärte Eindruck einer Stammbesucherin? „Die einzige negative Reaktion, die wir hatten, war, dass jemand den Titel einer Arie nicht verstanden hat. Dinge in dieser Preislage eben“, sagt Ronny Scholz.

Das Einzige, was man jetzt noch nicht versteht, ist: Warum haben dieses Format nicht alle Theater?

Zum 20. Mal

Das Balkonsingen findet am Mittwoch (3. Juli) zum 20. Mal statt, beginnt wie immer um 21.30 Uhr und wird diesmal vom Opernchor des Theaters Regensburg bestritten.

Die Reihe macht dann Pause bis zum Herbst und zum Start der neuen Saison 2024/2025, in der Regensburg zum Bayerischen Staatstheater wird.

„Der Platz kann auch großartig zuhören“, sagt Ronny Scholz. Foto: Tom Neumeier Leather