„Der Ring ohne Worte“ im Audimax: Magischer XXL-Trailer zu Wagners Bühnenwerk

Von Gerhard Dietel · 2. Juli 2024 um 15:35

Einen „perfekten Wagnerianer“ stellte sich George Bernhard Shaw vor, als er seine Einführung zu Wagners „Ring der Nibelungen“ verfasste. Aber mal ehrlich: Sind die meisten von uns, die sich auf Wagners Mammutwerk einlassen, nicht doch eher „imperfekt“? Warten auf die großen Highlights wie „Walkürenritt“ oder „Feuerzauber“ und haben unsere Aufmerksamkeits-Hänger dazwischen? Doch da gibt es Abhilfe.

Der amerikanische Dirigent (und Komponist) Lorin Maazel machte sich daran, einen „Best of“-Extrakt des „Rings“ herzustellen. Die 16 Stunden Spieldauer der Tetralogie dampfte er auf das überschaubare Format von 70 Minuten ein. Freilich: auf sängerische Beteiligung verzichtet seine rein orchestrale Version und auch auf die Szene. Letzteres mag so manchem Wagner-Freund angesichts umstrittener aktueller Inszenierungen ohnehin nicht sonderlich schwer fallen.

Publikum wie willenlos in die Magie der Wagner’schen Klänge hineingezogen

Maazels „Ring ohne Worte“, eine Art XXL-Trailer zu Wagners Bühnenwerk, stand nun auf dem Programm des achten Philharmonischen Konzerts, das aus gutem Grund nicht im gewohnten Neuhaussaal am Bismarckplatz, sondern im Audimax stattfand: dem angemessenen Raum für die Opulenz und Klangfülle der Wagner’schen Ring-Partitur, welche das in großer Besetzung auftretende Philharmonische Orchester mit aller Intensität und Farbenvielfalt darbot. Obwohl: Das Rheingold-Vorspiel mit seinem Schwelgen in reinem Es-Dur dümpelte erst einmal ein wenig dahin; da fehlte es noch an Magie und am gezielten Aufbau der Spannung. Doch geriet das Orchester unter dem fordernden Dirigat von Generalmusikdirektor Stefan Veselka zunehmend in Feuer. Im Zeitraffer wurde man streng chronologisch durch die Partitur geführt und wie willenlos in die Magie der Wagner’schen Klänge hineingezogen, mit dem grandios inszenierten Siegfried-Trauermarsch der „Götterdämmerung“ als emotionalem Höhepunkt.

Eine spannende Idee war es, Wagners „Ring“-Mythologie in der zweiten Hälfte des mit „Ursprünge“ betitelten Konzerts ein Werk des frühen 20. Jahrhunderts gegenüberzustellen, das ebenfalls in eine archaische Zeit zurückblickt: Strawinskys Ballett „Sacre du Printemps“. Wobei freilich der Unterschied zu bemerken ist, dass Strawinskys Wiedererweckung heidnischer Opfer-Rituale im alten Russland – anders als der von den ewigen Themen Macht durch Liebesverzicht und Ausbeutung der Natur redende „Ring“ – keine überzeitliche Botschaft an uns sendet. Beeindruckend und erschreckend wirkt Strawinskys bei der Uraufführung im Jahr 1913 zum Skandal führende Ballettmusik noch heute, bleibt aber in historischer Distanz, weckt keine Empathie.

Orchester phasenweise ein einziger Schlagapparat

Waren es bei Wagner die Kontrabässe, die das erste Wort hatten, so ist es bei Strawinsky das Solofagott (zu Recht beim Schlussapplaus besonders akklamiert). Es trägt die wohl einzige Melodie in Strawinskys primär rhythmisch konzipierter Musik vor, die sich schon bald zu einem bloßen Stampfen mit irregulären Akzenten verdichtet. Nicht nur ist die Schlagzeuggruppe umfangreich besetzt, das gesamte Orchester wird phasenweise zu einem einzigen Schlagapparat, der mal in greller Lautstärke agiert, dann wieder ins Piano zurücktritt: in kurz abgerissenen, trockenen und wie hinterhältig lauernden Schlägen. Auch raunend Mystisches formen Stefan Veselka und das Philharmonische Orchester zu Beginn des zweiten Teils von Strawinskys Partitur, bevor sich der kalkulierte und mit messerscharfer Präzision klanglich umgesetzte Barbarismus im abschließenden Opfer-Ritual wieder Bahn bricht. Eine kurze Flöten-Girlande steigt in die Luft, dann saust der letzte dissonante Akkord wie ein Axthieb zu Boden.