„Musik ist in Brasilien wie Brot“, sagt Sängerin Marcia Bittencourt

Von Katharina Kellner · 1. Juli 2024 um 11:00

Die Sängerin und Komponistin wuchs in Rio de Janeiro mit Bossa Nova auf – Mit ihrem Quartett Agora bringt sie ihn beim Jazzweekend in Regensburg auf die Bühne.

Was für ein Glück, dass es der jungen Brasilianerin vor 30 Jahren so gut gefiel in Deutschland. Statt wie geplant weiterzureisen, blieb sie. Heute lebt die erfolgreiche Sängerin Marcia Bittencourt in Bremen. Am Telefon klingt sie so liebenswürdig und lustig, dass man ahnt: Ihr Auftritt zum Auftakt des Bayerischen Jazzweekends wird den Funken zum Publikum schnell überspringen lassen. Mit ihrem Quartett Agora ist sie am 4. Juli um 20.30 Uhr auf der Piazza im Gewerbepark zu erleben. Im Interview erklärt sie, warum Bossa Nova besonders gut zu Deutschland passt.

Frau Bittencourt, Sie sind in Rio de Janeiro geboren – wächst man da automatisch mit Musik auf?

Marcia Bittencourt: Rio de Janeiro ist wunderschön und nicht nur geographisch kontrastreich, sondern auch in Hinsicht auf die Musik. Musik ist in Brasilien wie Brot. Musik ist Nahrung. Und in Rio de Janeiro haben wir sozusagen ein Brot, das der ganzen Welt schmeckt. In Rio de Janeiro wurde der Samba geboren, ein ganz neuer Rhythmus, den es vorher nicht gab. Heute spielt und kennt ihn die ganze Welt.

Auch der Bossa Nova wurde in Rio de Janeiro geboren.

Bittencourt: Während Samba die Stimme des einfachen Volkes aus den Favelas war, das sich ausdrücken wollte, hat die Elite viel Jazz gehört. Auch sie wollte sich mit einem brasilianischen Touch ausdrücken. Als sie diese Einflüsse von Jazz und Samba verrührte, kam Bossa Nova heraus. Diese beiden Rhythmen, die aus meiner Stadt kommen, sind weltberühmt geworden. Ich bin mit dieser Musik groß geworden, meine Eltern haben sich die Platten angehört. Ein Unterschied zu Deutschland ist: In Brasilien hört man überwiegend brasilianische Musik im Radio, in Deutschland hört man vor allem englischsprachige Musik.

Sie treten beim Jazzweekend auf. Sind Sie zum ersten Mal in Regensburg?

Bittencourt: Ja. Seit 2019 habe ich das Agora-Projekt mit Michael Arlt, einem Dozenten für Jazzgitarre und Harmonie an der Hochschule für Musik in Würzburg. Seither haben wir mehrfach in Bayern gespielt. Bayern ist sehr offen für unterschiedliche Kultur, da fühle ich mich immer gut aufgehoben.

Agora ist aber nicht Ihr einziges musikalisches Projekt?

Bittencourt: In Norddeutschland spiele ich mit einem Quintett nur meine Kompositionen. Zudem habe ich ein paar Duos. Im Süden habe ich Agora mit Michael Arlt. Ihn habe ich bei einer brasilianischen Jazz-Session kennengelernt. Wir haben dort zusammen gespielt und gesehen, dass wir genau die gleiche Musik mögen. Er hat ein Wahnsinns-Wissen über die brasilianische Musik, ich fand das so gut. Nachher haben wir gesagt: Lass uns mal eine Band machen!

Das haben Sie verwirklicht.

Bittencourt: Den Kern bilden Michael Arlt und ich, zusätzlich gibt es einen Bassisten und einen Percussionisten. Für die haben wir zwei Besetzungen – alle vier sind phantastisch, aber auch oft ausgebucht. In Regensburg treten wir mit Peter Inagawa am Bass und Matthias Haffner auf, der macht eine Mischung von Drums und Percussion. Auf YouTube kann man sehen, wie er eine ganz neue phantastische Welt von Klang auf die Bühne zaubert. Er ist ein Könner, genau wie Peter Inagawa. Der brasilianische Rhythmus ist also in Regensburg wunderbar vertreten.

Was singen Sie beim Jazzweekend?

Bittencourt: Unsere eigenen Songs und einige von phantastischen Komponisten wie Antônio Carlos Jobim und Ivan Guimarães Lins. Da lassen wir einige Highlights der brasilianischen Musik glänzen – tolle Songs, die leider hier nicht im Radio gespielt werden, aber es verdienen, gehört zu werden.

Sie leben in Bremen. Wie passen Bossa Nova und Samba zu Deutschland?

Bittencourt: Was in Deutschland sehr verbreitet ist, sind der Trommelstil Batucada und Trommel- und Sambagruppen, häufig deutsch-brasilianisch gemischt. Das ist nett. Aber Bossa Nova gibt’s nicht viel. Dabei passt er insbesondere zu Deutschland, weil das eine fröhlich-nette Musik ist, zu der man nicht tanzen muss. Bossa Nova ist hochwertig, aber sehr bekömmlich. Das ist keine Art von Jazz, bei der man sagt: ,Wow, was für eine phantastische Akkordverbindung!‘ Vielmehr merkt man gar nicht, dass die Akkordverbindung so phantastisch ist, weil es so leicht und trotzdem nicht banal klingt. Diese fröhliche Melodie nimmt man in den Alltag mit. Aber nicht alle Musiker können Bossa Nova spielen. Du kannst als Sängerin nicht jeden nehmen. Da musst du dir schon ein paar graue Haare wachsen lassen!

Sie haben Schauspiel studiert. Wie kamen Sie zur Musik?

Bittencourt: Ich singe gerne. An der Theaterhochschule hatte ich drei Jahre lang eine Gesangsausbildung. Dazu habe ich an der Opernhochschule in Brasilia lyrischen Gesang studiert. In Deutschland habe ich dann in einem Tanztheater angefangen, in dem Körper und Sprache gleiches Gewicht haben. Fünf Jahre war ich im Ensemble und habe währenddessen in zwei Bands gesungen. Nachdem mein zweites Kind zwei Jahre alt war, startete ich meine Solokarriere mit der Aufzeichnung der Live-Show „One Night Bossa“ 2010 im Glocke-Theater Bremen.

Vermissen Sie das Theater?

Bittencourt: Ich werde mich nie ganz vom Theater verabschieden, ich bin Schauspielerin aus ganzem Herzen. Aber als Sängerin bin ich mein eigener Boss, das ist toll! Ich habe schon vor Corona Texte geschrieben, aber in der Corona-Zeit habe ich auch komponiert. 2023 habe ich eine CD mit meinen Kompositionen gemacht und auch den einen oder anderen Kollegen gefragt, gemeinsam zu komponieren. Auch mit Michael Arlt von Agora komponiere ich gemeinsam. Bald bringen wir eine eigene CD heraus. Das alles macht mir so eine Freude, ich ernte gerade so viel von dem, was ich in die Musik investiert habe. Jetzt kann ich sagen: Ich bin mehr Sängerin als Schauspielerin, aber eine Entertainerin auf der Bühne werde ich immer sein.

Warum sind Sie als junger Mensch in Deutschland geblieben – entgegen Ihren Plänen?

Bittencourt: Ich war 22 Jahre alt und hatte mein Diplom. Dafür hatte ich viel gearbeitet. Ich hatte so eine Energie wie eine Athletin bei Olympia! Wenn ich zurückdenke, damals hatte ich sechs Projekte gleichzeitig. Das war Wahnsinn, aber mit 22 und am Beginn der Karriere kannst du das auch. Ich dachte: Ich muss eine Pause machen und ein bisschen reisen.

Wohin?

Bittencourt: Das Ziel war eigentlich Frankreich. Mein Professor hatte mir ein paar Adressen gegeben. Ich bin mit einem zwölf Kilo schweren Rucksack aus Brasilien weg und wollte nur ein bisschen reisen. In Deutschland hat mich eine nette WG mit sieben Leuten aufgenommen. Ich kam im Mai hin, es war laut Wettervorhersage der wärmste Mai seit 200 Jahren. Alles blühte, es gab Open Airs und ich war platt und dachte: Was für ein tolles Land! Und dann dachte ich: Ich lerne ganz schnell deutsch und suche mir einen Job als Schauspielerin. Es hat länger gedauert als gedacht, aber ich fühlte mich so gut aufgenommen. Wir Brasilianer sind ja auch europäisch kolonisiert, wir haben kulturell ähnliche Prägungen. Nur das Wetter ist anders. Aber als Schauspielerin arbeitet man immer drinnen, da spielt das keine große Rolle.

Der Jazz ist immer noch großteils Männerdomäne, die Zahl der Frauen als Instrumentalistinnen gering. Ist es für Frauen schwerer als für Männer?

Bittencourt: Ich hatte einmal eine A-Cappella-Gruppe mit zwei Musikerinnen. Da war es schwierig zu proben, weil wir alle Kinder haben. Häufig probten wir mit den Kindern. Wenn ich mir da Antônio Carlos Jobim ansehe: Er hatte eine Frau, die auf die Kinder aufgepasst hat und er hat den ganzen Tag nur Musik gemacht. Das ist ein riesiger Unterschied! Uns bleibt nicht so viel Zeit, die wir in die Musik investieren können. Nichtsdestotrotz sehe ich das als eine Phase: Irgendwann werden die Männer auch mehr Verantwortung übernehmen. Es braucht seine Zeit. Für Frauen ist es nicht einfach, aber möglich. Das sollen auch die kleinen Mädchen sehen. Das Wichtigste ist, nicht aufzugeben.

Interview: Katharina Kellner

Marcia Bittencourt und Michael Arlt bilden den festen Kern des Quartetts Agora. Foto: Hans Grünthaler