Preis für Malerin Barbara Muhr: Mode und Verzweiflung, Schönheit und Depression

Von Peter Geiger · 30. Juni 2024 um 15:35

Der Malerin Barbara Muhr wurde in Straubing der mit 15000 Euro dotierte Kulturpreis der Ritterstiftung verliehen. In ihren Arbeiten spiegeln sich die Befindlichkeiten ihrer eigenen Generation, jener Ende der 1980er Jahre Geborenen, wider.

Straubing. Vielleicht enthält der Ort der Preisverleihung ja schon Hinweise auf die Kunst der am Freitagabend mit dem Kulturpreis der Dr. Franz und Astrid Ritter-Stiftung ausgezeichneten Malerin Barbara Muhr? Hier, im Schatten des Straubinger Weytterturms, jener mächtig aufragenden Eckbastion der mittelalterlichen Festungsanlage, auf deren Dach sich eine Storchenfamilie der Nestpflege widmet, befindet sich normalerweise der Parkplatz der Polizeiinspektion. Dass hier heute Feierliches von statten geht, davon zeugen die Stuhlreihen und das Büffet, die Jazzformation wie auch das Rednerpult. Tatsächlich hat die mehr als einstündige Zeremonie etwas von einem Rechtsakt, bevor Barbara Muhr Urkunde und Kuvert – und damit das Preisgeld in Höhe von 15000 Euro – in Händen halten darf. Im Anschluss darf sich das Publikum dann endlich den 30Arbeiten der Malerin zuwenden, die auf fünf Turmetagen gezeigt werden.

Nicht blenden lassen

Aber ist eine solche Schritt-für-Schritt-Methode nicht auch genau jene Vorgehensweise, die notwendig ist, um der Kunst der Barbara Muhr auf die Schliche zu kommen? Und sich nicht blenden zu lassen von plakativen Oberflächen, bunter Farbigkeit und pointierter Porträtkunst? Zunächst schon hatte Straubings Oberbürgermeister Markus Pannermayr darauf verwiesen, er sehe in diesen Arbeiten vor allem Angebote zu jenem Dialog, der heute so unerlässlich sei, angesichts gesellschaftlicher Spaltungsprozesse.

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Und Maria Lang, die Leiterin des Kulturamts der Stadt Regensburg, sie betonte in ihrer Laudatio die Kombination aus tiefem Wissen um Traditionen und handwerklicher Meisterschaft der studierten Kunstpädagogin Barbara Muhr. Dabei berief sie sich auf jene Überlegung des Philosophen Johann Gottfried Herder, der konstatiert hatte, dass Kennen allein nicht ausreicht, um wahres Künstlertum zu erreichen. Es bedürfe auch des Könnens.

Generation, die in multiple Krisen torkelt

Barbara Muhr, geboren 1988, porträtiert ihre Generation. Während sie zur Schule gingen, waren Begriffe wie „Kalter Krieg“ und „Eiserner Vorhang“ nur mehr fernes Echo aus einer überwunden geglaubten Epoche. Der Mythos vom „Ende der Geschichte“ machte die Runde, die alten Weltbilder, sie waren entsorgt. Jetzt aber, da die Friedensdividende dahingeschmolzen ist und multiple Krisen aufploppen, zeigt uns Barbara Muhr Gesichter mit angstvoll geweiteten oder aus tiefen Höhlen heraus starrenden Augen. Diese ins Taumeln geratene Welt, sie spiegelt sich in der Gestik und Mimik ihrer Figuren, in deren Verletzlichkeit und Skepsis und in der Sehnsucht nach Eskapismus und Rausch. Ihre Arbeiten, sie tragen Titel wie „Tinnitus“ oder „Ceterizin“. Und verweisen damit auf Zumutungen und Übersensibilitäten, auf überschießende Abwehrreaktionen. Gleichzeitig ist zu spüren: Das Streben nach Ästhetik lässt sich nicht einfach ersticken. Auf den ersten Blick könnten das auch LP-Cover sein oder Street Art – und doch zeigt uns Barbara Muhr viel mehr und führt uns, im tiefen Wissen um den Formenkanon, Mode und Verzweiflung, Schönheit und Depression vor Augen – und damit fundierte Deutungen unserer Gegenwart.