Regensburger Theater-Chefs: „Wir hatten eine sensationelle Spielzeit“

Knapp 90 Prozent Auslastung für einen durchaus mutigen Spielplan und künftig mehr Geld für neue Stellen und die Erhebung zum Staatstheater: Intendant Sebastian Ritschel und der kaufmännische Direktor Matthias Schloderer sprechen über eine „sensationelle Saison“ im Theater Regensburg, aber auch über Reibungsflächen und einen Dauer-Spagat.
Die Spielzeit geht zu Ende. Wie gehen Sie finanziell aus der Saison heraus, Dr. Schloderer?
Matthias Schloderer: Gut! Wir haben am Ende wohl mindestens 87 Prozent Auslastung, letztes Jahr hatten wir 82 Prozent. Ende Juni standen wir bei 25 000 Karten mehr als 2023 um diese Zeit. Das ist Wahnsinn. Und würden wir das Velodrom noch bespielen, wäre das eine absolute Rekordsaison. Am Ende der Saison werden wir wohl bei 170 000 Gästen landen, 2023 waren es 142 000. Auch die „Rocky Horror Show“ in der Donauarena funktionierte sehr gut mit über 10 000 Besuchern. Und in der dritten Saison können wir sagen, dass wir im Antoniushaus voll und ganz angekommen sind. Alle Schauspielproduktionen dort hatten mindestens 80 Prozent Auslastung, „Stolz und Vorurteil“ sogar 96 Prozent. Wir wollen es uns im Antoniushaus aber trotzdem nicht zu wohnlich einrichten.
Baukosten an Theatern gehen gerade durch die Decke, jüngstes Beispiel: Das Staatstheater Augsburg braucht 417 Millionen Euro, 77 Millionen mehr. Für den Velodrom-Umbau, der 2029 fertig sein soll, gibt’s noch keine offizielle Zahl. 50 Millionen Euro geistern herum, im Vergleich zu anderen Häusern ist das wenig. Fürchten Sie hier auch einen Preissprung?
Schloderer: Oft passiert’s, dass eine Zahl herumspukt, die aus einer Zeit stammt, in der es noch gar keine genauen Pläne gab. Für das Velodrom existiert noch keinen belastbare Zahl. Das Zweite: Ich kann allen Projektbeteiligten nur empfehlen, möglichst rasch voranzukommen, denn je länger ein Projekt dauert, desto teurer wird es. So viel steht fest.
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Wie sieht die künstlerische Bilanz aus, Herr Ritschel?
Sebastian Ritschel: Ich glaube, wir hatten eine sensationelle Spielzeit, in allen Sparten, bei Tanz, Musiktheater, Schauspiel, Jungem Theater, Konzerten und vielen Zusatz-Formaten, etwa beim Balkonsingen, das in der Währung der Herzen so viel zählt. Das Theater ist mit der ganzen Bandbreite des Spielplans in der Stadt präsent, für unterschiedliche Menschen aus der gesamten Gesellschaft. Wir meistern den Spagat, sehr anspruchsvolle Kunst zu machen, aber sie so anzubieten, dass sie jeden anspricht, wirklich gut.
Das heißt in der Szene inzwischen „Regensburger Phänomen“. Gilt das auch für sperrige Werke wie „Valuschka“?
Ritschel: Diese Oper ist ja per se kein einfacher Stoff, aber sie funktioniert gut. Anderswo sitzen 20 Leute in der Uraufführung einer zeitgenössischen Oper. Das war hier deutlich anders. Die Menschen nehmen das Angebot an. „Peter Pan“, ebenfalls eine Uraufführung, war sensationell besucht. Man merkt, die Familien wollen das. Das ist ja nicht nur Kinder-Theater, sondern: Man geht in Familie. Produktionen mit dem Stempel familientauglich kommen in unserer gesamten Besucherstruktur gut an.
Schloderer: Du kannst dich ja schlecht selber loben, Sebastian, aber: „Der Prinz von Schiras“ mit 96 Prozent Auslastung, übertragen im Deutschlandfunk, ausgezeichnet mit dem Operetten-Frosch, war ein Riesenerfolg und fand sehr anerkennende Worte in der ganzen Szene – obwohl das Werk zuvor kaum jemand auf dem Schirm gehabt hatte. Für sowas braucht man eine besondere Nase, die die künstlerische Leitung hier am Theater auch hat.
Wann gibt’s endlich die CD zum „Prinz von Schiras“?
Ritschel: Die Frage hören wir – erfreulicherweise – öfter, das Interesse ist groß. Das ist aber nicht so einfach. Wir hoffen, dass wir im Frühjahr 2025 die CD auf den Tisch legen können.
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Zu Saisonstart wurde kritisiert, dass Werke aus dem klassischen Repertoire im Spielplan unterrepräsentiert sind. Gehen Sie in der neuen Saison mehr auf Publikumswünsche ein?
Ritschel: „Tristan und Isolde“ wird zu sehen sein, auch „Madama Butterfly“. Aber wir zeigten ja auch bereits Verdis „Macbeth“ oder Dvořáks „Rusalka“. So ein Spielplan ist ein Menü, das braucht verschiedenste Zutaten, auch Klassiker selbstverständlich. Der „Tristan“ wird eine Herausforderung, gerade für das Orchester. Der Theatersaal ist für Wagner ja nicht prädestiniert. Wir möchten das Orchester weiter entwickeln. „Tristan“ soll einen Akzent zu Saisonstart im September setzen und der größte Kontrast wird dann wohl „Come from away“ im Februar, ein Musical, das den Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 aufgreift. Zwischen solchen Polen bewegen wir uns im Spielplan.
Schloderer: Die Quote zwischen Neuem und Etablierten bleibt in der neuen Saison ähnlich wie jetzt. Da ist inzwischen auch der Kaufmann nicht mehr nervös, weil er weiß, das funktioniert hier. Vor der laufenden Saison hatte ich Respekt. 17 Uraufführungen, das war mutig, aber die gingen auf. Und es ist ja auch nicht so, dass Klassiker überall wie geschnitten Brot laufen. „Madama Butterfly“ ist unglaublich schwer zu inszenieren. Das hat man gerade in Aix-en-Provence gesehen, wo die Produktion nicht überall gefeiert wurde. Und: „Butterfly“ ist vom Sujet her in der heutigen Zeit gar nicht leicht zu interpretieren.
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Mit der Erhebung zum Staatstheater tun sich die Geldschränke auf. Mit wie viel mehr Budget können Sie kalkulieren?
Schloderer: Bayern erhöht seinen Anteil schrittweise jedes Jahr um fünf Prozent, ab der Saison 2025/2026 ist das Theater von Stadt und Freistaat paritätisch finanziert. Das bedeutet dann zehn Millionen Euro mehr. Deutlich mehr als die Hälfte der Summe zehren Tarifsteigerungen und diverse Kostenerhöhungen auf. Pro Saison ergibt sich also ein Finanzierungsrahmen mit drei bis vier Millionen Euro zusätzlich. Wir haben eine sehr umfassende Benchmark-Analyse durchgeführt, uns mit externer Beratung andere Staatstheater angeschaut, das Ergebnis: Die zusätzlichen Gelder fließen vor allem in den Stellenplan.
Im Spielzeitbuch sind noch viele Stellen mit N.N. besetzt. Allein im Tanz fehlen fünf von zehn Ensemblemitgliedern. Ändert sich das noch?
Schloderer: Am Freitag ist Verwaltungsratssitzung, da wird der Stellenplan beschlossen, der maßgeblich ist für die nächsten drei bis vier Jahre. Da ist gerade viel in Bewegung.
Ritschel: Gerade das aktive Tänzerleben ist kurz, und ein Ziel ist es, viele verschiedene Companys und Choreografen kennenzulernen.
Also: Es liegt nicht am Klima, wenn so viele Stellen unbesetzt sind? An anderen Häusern ist aktuell viel die Rede von Mobbing, Machtmissbrauch.
Ritschel: Das Klima ist, so nehmen wir das wahr, gut. Im Interim unter Klaus Kusenberg wurde hier der Kodex des Deutschen Bühnenvereins implementiert, der sagt, wie wir miteinander umgehen wollen. Wir haben nun eine Beschwerdestelle am Haus eingerichtet und eine Vertrauensperson benannt. Wir haben Coachings absolviert, auch mit externen Leuten, und zuletzt einen vertiefenden Kodex-Workshop durchgeführt. Natürlich ist Theater Arbeit, keine Wellness-Oase, aber gerade das Sommernachtsball-Wochenende hat gezeigt, wie partnerschaftlich hier gearbeitet wird.
Schloderer: Theater ist ein kreativer Ort, selbstverständlich gibt’s da Reibungen. Es knirscht auch mal. Nur: Heute sind – und das ist gut so – die Standards im Umgang andere als noch vor fünf, zehn Jahren.
Die Philharmoniker spielen jetzt öfter auf großer Bühne, im Dom oder im Audimax. Geht’s darum, das Orchester staatstheatertauglich zu machen?
Ritschel: Das Stichwort heißt üben, weiterentwickeln und auch mal zu expandieren, mit großen Werken von Wagner oder „Sacre du Printemps“ von Strawinksy. Es geht darum, Herausforderungen in Sachen Raum und größerer Besetzung zu trainieren. Und das gelingt auch sehr gut.
Schloderer: Im Neuhaussaal würden einem bei Wagner etwa die Ohren wegfliegen. Deshalb gehen wir in andere Räume.
„Come from away“ zieht jetzt schon viel Aufmerksamkeit auf sich. Was können Sie über das Musical schon erzählen?
Ritschel: Wir gehen damit am 14. September in den vorgezogenen Vorverkauf. Die Besetzung ist starlastig und hochkarätig. Dafür haben wir jetzt schon Presseanfragen, auch internationale, auf dem Tisch. Aber Details verrate ich noch nicht.
Das Gespräch führte Marianne Sperb.
