Engelwirt in Berching: Barockhaus wird zum Refugium voller Kunst

Von Marianne Sperb · 5. Juli 2024 um 16:05

Manchmal findet ein Haus die richtigen Besitzer. Dann ist das ein Glück, nicht nur für das Haus und seine Menschen, sondern für die ganze Umgebung. Dem Engelwirt in Berching (Lkr. Neumarkt) ist es so ergangen. Ein verfallender Kasten wurde ein Stück Standortqualität im Altmühltal.

Michael und Stephanie Zink haben die Vogtei aus dem 17.Jahrhundert und das Ensemble aus Stadel, Werkstatt und Nachbarhäusl in ein Refugium voller Kunst und Ästhetik verwandelt. Entstanden sind 15 Apartments für Gäste, die urlauben, feiern, arbeiten – oder alles miteinander – wollen. „Unsere Idee ist: kommen, um zu bleiben“, sagt Stephanie Zink. „Nicht übernachten, sondern wohnen, wie bei Freunden“, sagt Michael Zink. Wie das Paar aus Köln, das auf dem Rückweg aus Italien drei Nächte im Engelwirt buchte und die Zeit mit Lesen und Dösen verbrachte. Erst bei der Abreise fiel ihm auf, dass im Haus zwar überall Bücher zur Hand sind, aber kein Fernseher steht.

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Das Haus stand 20 Jahre leer. „Der Zustand war desaströs“, schildert Stephanie Zink. Die Nebengebäude hatten ihre Substanz fast komplett eingebüßt. Tamara Henry und Mathieu Robitaille vom Schweizer Atelier Dimanche entwickelten ein Konzept, das zeitgenössisches Wohnen erlaubt, aber dem barocken Prachtstück seine Würde lässt. Die schönen Proportionen verströmen heute wieder die Gelassenheit, die selbstverständlich wirkt, aber einen geradezu irren Aufwand kostete. Da stimmt und passt und sitzt alles, von der ersten Klinke bis zur letzten Fuge.

Vor dünnwandige Original-Türen sind als Lärm- und Brandschutz schwere Glastüren eingepasst. Statt aufgesetzter Solarmodule ist die Photovoltaik-Anlage ins Dach integriert. Die Platten des Rosenspitzbodens im breiten Flur wurden nummeriert, ausgebaut, restauriert und neu verlegt. Selten schöner Stuck, mit Blumen, Trauben und Sternen geschmückt, wurde direkt an der Decke modelliert. Und im Hof, den das Ensemble einfasst, geht man nicht mehr über Beton, sondern über historische Katzenköpfe aus dem Jura, die die Bauherren auf der Schwäbischen Alp auftrieben.

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Heute blühen hier Kirsche, Maulbeere und Feige, wachsen Fenchel und Kohlrabi. „Gern zur Selbstbedienung“, sagt Stephanie Zink. Selbstversorger dürfen in der großzügigen Küche schalten und walten. Eine Kuchenbäckerin sorgt hier für den Nachschub, der im Salon nebenan – einem öffentlichen Tafescafé – zu bestellen ist. Ein Laden bietet, was lokale Handwerker und Manufakturen an Gutem hergeben. Ein Restaurant gibt’s nicht, dafür viele Adressen fürs Essen ringsum.

Zum soliden Handwerk kommt eine Einrichtung mit Witz und Charme, mit einem Twist, den man vielleicht in einem Trend-Viertel in Amsterdam oder Paris erwartet, aber keinesfalls im beschaulichen Berching, das viele historische Häuser und die schöne Natur des Altmühltals hat, aber nur rund 10000 Einwohner. Dass die Bauherren sich ausgerechnet hier so reinhängen, hat zu tun mit ihrer Galerie im nahen Waldkirchen bei Seubersdorf. Die Zinks bauten in dem Örtchen mit ein paar Dutzend Einwohnern plus einigen Kühen einen alten Pfarrhof um und eröffneten 2019 eine Galerie. Die lockt Kunstsinnige selbst aus Berlin oder München an. Auch in Waldkirchen hat das Paar gern Gäste und die Petersberg Apartments eingerichtet. Auch in Waldkirchen gibt’ kein TV. Und umgekehrt findet sich auch im Engelwirt überall Kunst – und zwar Originale.

Kunst aus dem Privatfundus

Gemälde, Fotografien, Objekte und Keramik: Michael Zink hat das Haus mit Werken aus dem privaten Konvolut ausgestattet, das im Lauf seines Galeristenlebens gewachsen ist, an Stationen in Regensburg, ab 1999 in München, dann in Kreuzberg, New York und schließlich an eigener Adresse in Berlin. Zink war viel unterwegs, bevor es ihn zurück in die Oberpfalz zog, und viele Künstler, die im Engelwirt vertreten sind – Gregory Forstner, Rinus Van de Velde, Matthias Sanchez oder Michael Sailstorfer – sind auch Freunde.

Die Einrichtung folgt dem Farbkanon von Le Corbusier: dunkles Orange, erdiges Rot, ein zartes und ein gesättigtes Blau. Auf dem Parkett liegen Kelims. Von den Decken hängen skurril-luftige Leuchtkörper. Die Mosaikfliesen fanden sich bei einem Hersteller in Lille. Die Möbel stammen aus Antiquitätengeschäften, vom Trödel oder von jungen Herstellern, wie der Kleiderschrank aus Papier aus Belgien. „Bei uns gibt es nichts zwei Mal“, sagt Stephanie Zink.

Der Engelwirt wird am 12. Juli mit Freunden und am 13. Juli mit einem Tag der offenen Tür eröffnet, aber Gäste hat er schon seit Mai. Einige nutzen auch das Konzept Workation, das Arbeiten und Reisen verbindet. Einen Hotelstern wird das Haus wohl nicht bekommen. Dazu müssen die Zimmer nämlich bieten, was der Engelwirt zum Glück nicht hat: TV.

Stephanie und Michael Zink: Das Galeristenpaar aus Waldkirchen, betreiben in Berching den Engelwirt. Foto: Erich Spahn